Einmal Stasi, immer Stasi? Der Fall Andrej Holm

von Michael Leutert

„Die Vergangenheit ist nicht tot – sie ist nicht einmal vergangen“, schrieb einst William Falkner. Mit Blick auf die Ereignisse im Land Berlin kaum einen Monat nach dem Start der rotrotgrünen Koalition möchte man bitter ergänzen: Manchmal soll sie auch nicht vergehen.

Was ist geschehen? Bei der Bildung des rotrotgrünen Senats hat die LINKE Senatorin für Bauen und Stadtentwicklung, Katrin Lompscher, den 46jährigen parteilosen Stadtsoziologen Dr. Andrej Holm zu ihrem Staatssekretär gemacht – ein echter Coup. Holm ist nicht nur als entschiedener linker Kritiker eines nur auf Profitinteressen ausgerichteten Wohnungsmarktes und der entsprechenden Politik dahinter bekannt. Zugleich gilt er als der wohl kompetenteste Experte für eine soziale Wohnungspolitik und ist eng mit wohnungspolitischen Initiativen vernetzt. Seine Ernennung war eine klare Ansage: DIE LINKE meint es ernst.

Dass dies nicht allen in Berlin passen würde, war klar. Und schon bald wurde öffentlich ein Vorwurf erhoben, der in diesem Land offenbar immer noch ausreicht, um jeden genaueren Blick zu verweigern: Stasi!

Zu den Fakten: Aus einer Familie mit antifaschistischer Vergangenheit und Beziehung zum MfS stammend, hatte Andrej bereits 1985 mit 14 Jahren seine Bereitschaft bekundet, später als Hauptamtlicher Mitarbeiter zum MfS zu gehen. Im September 1989 begann seine Ausbildung zum Offizier der Staatssicherheit, bevor der Fall der Mauer und das Ende des MfS dem nach nur viereinhalb Monaten ein Ende setzten – zum Glück, wie Holm selbst sagt. Seitdem sind 27 Jahre vergangen, die weitaus längere Zeit in seinem Leben, in der er es – der Kreis schließt sich – zum allgemein erkannten Stadtsoziologen und Gentrifizierungskritiker gebracht hat. Mit seiner Geschichte war Holm im eigenen Umkreis und seit einem taz-Interview 2007 auch öffentlich stets offen und selbstkritisch umgegangen.

Diese kurze Stasi-Geschichte eines Jugendlichen vor 27 Jahren hätte gut als das behandelt werden können, was sie ist: Eine kurze Stasi-Geschichte eines Jugendlichen vor 27 Jahren. Sogar Straftaten verjähren, Betrug beispielsweise nach fünf Jahren oder bewaffneter Raub nach 20. Doch hier kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Geschichte ist nicht einfach Geschichte. Offizielle Erinnerung ist ein politisches Machtinstrument. Sie kann zur Legitimation oder Delegitimation ganzer Staaten oder Utopien dienen. Davon zeugt unter anderem die Ostdeutsche Vor- wie Nachwendegeschichte. Und die herrschende Geschichtserzählung kann auch ganz konkret gegen den Exponenten einer linken Wohnungspolitik in Stellung gebracht werden. So schossen einige Berliner Medien schnell aus allen Rohren gegen „Stasi-Holm“, die Berliner Oppositionsparteien CDU, FDP und AfD standen ihnen in nichts nach, und natürlich musste man auf den unvermeidlichen Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, in seinem Hass gegen alles, was von der LINKEN kommt, nicht lange warten.

Wie dünn der Stasi-Vorwurf war, muss selbst Holms Gegnern bewusst gewesen sein, denn als herauskam, dass Holm im Fragebogen zur Einstellung an der Humboldtuniversität 2005 angegeben hatte, nicht Hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS gewesen zu sein, konzentrierten sich die Angriffe plötzlich auf den Vorwurf der Lüge. Holm selbst beteuerte, nicht gewusst zu haben, dass er in den viereinhalb Monaten als Offiziersschüler schon als Hauptamtlicher geführt wurde. Generell und erst recht nach 27 Jahren ist das denkbar. Doch wer bei der Stasi war, und sei es als Heranwachsender, dem wird nicht geglaubt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war zu spüren, dass der Rückhalt in der rotrotgrünen Koalition für Holm sank. Insbesondere der Regierende Bürgermeister Müller, SPD, ließ deutlich durchblicken, dass er Holm gerne los wäre. Die Berliner LINKE hielt jedoch an Holm als Experten auf dem politisch wichtigen Gebiet Wohnen fest. Grotesk wurde das Ende der Inszenierung. Nachdem DIE LINKE als Reaktion auf üble Attacken von CDU, FDP und AfD gegen Holm im Parlament ein gemeinsames Bekenntnis der Koalitionspartner zu Holm gefordert hatte, verkündete der Regierende, ihn entlassen zu wollen. Die Begründung war neu: Er habe die Chance, sich kritisch mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen, in den Wochen zuvor nicht genutzt. Ob dies das wahre Motiv ist, darf bezweifelt werden. Das Urteil im Fall Holm scheint von Anfang an festgestanden zu haben: lebenslänglich. Einmal Stasi, immer Stasi. Dahinter aber standen handfeste politische Interessen. Deshalb durfte auch über 27 Jahre nach Mauerfall nicht differenziert werden. Es gibt Vergangenheit, die nicht vergehen darf – und wenn sie nur viereinhalb Monate lang war.