Sozialgeschichte des „Dritten Reichs“

von Dr. Michael Eckardt

Nach seiner Studie „Unterm Hakenkreuz: Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939“ (1999) legt Michael Schneider, zuletzt Leiter des Historischen Forschungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung und Honorarprofessor an der Universität Bonn, einen Folgeband vor, mit dem er seine Forschungen über die Arbeiter und die Arbeiterbewegung in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft abschließt. Entstanden ist eine Studie von enzyklopädischer Stoffdurchdringung und Umfang, die sich die Aufgabe gestellt hat, an der politischen Chronologie des Zeitenlaufs orientiert, eine Sozialgeschichte des „Dritten Reiches“ zu erarbeiten, welche sowohl die Ziele und Maßnahmen der nationalsozialistischen Politik gegenüber der Arbeiterschaft als auch deren Alltagsleben und Verhalten im Zweiten Weltkrieg nachvollziehbar macht.

Tiefgründig erläuternd ist bereits die Einführung, die umfassend auf Chancen und Problemlagen des Vorhabens vorbereitet. Untergliedert in die Kapitel „Mobilmachung: Um die Einbindung der Arbeiterschaft in die Kriegsführung (I)“, „Arbeiterleben im Krieg (II)“, „Politischer Widerstand: Arbeiterbewegung in Exil und Illegalität (III)“, sowie eine kritische Schlussbetrachtung beantwortet der Band die eingangs gestellten Leitfragen in einer Verknüpfung von politik- und sozialgeschichtlichen Aspekten, die auf eine gesellschaftsgeschichtliche Gesamtperspektive abzielen. Besondere Beachtung verdienen die Ausführungen zur NS-Sozialpolitik während des Krieges (S. 378-457) und die umfangreiche Darstellung der vielfältigen Formen des Widerstandes der Arbeiterschaft gegen die NS-Herrschaft (Kap. III). Wohltuend vermeidet Schneider übergeneralisierende Urteile über d i e Arbeiterschaft und hebt stattdessen sowohl das Vorhandensein von Konsens mit, als auch eines Dissens gegenüber dem NS-System hervor, was er mit dem Begriff des „widerwilligen Mitmachens“ umschreibt. Demnach waren in der Arbeiterschaft auch in der Kriegszeit das „Mitnehmen“ der Regimeangebote und das „Hinnehmen“ der Herrschaftsausübung vorherrschend. „Die Mehrheit der Arbeiterschaft war […] weder aufmüpfig noch voll integriert. Arbeiter und Arbeiterinnen haben sich vielmehr in ihrer großen Mehrheit mit den Verhältnissen in einem durchaus widersprüchlichen Prozess ‚arrangiert‘ – um vielleicht ‚mit Anstand‘ durchzukommen und vor allem zu überleben. […] Allerdings: An dieser Überlebensstrategie […] prallten nicht nur die Politisierungsbemühungen der nationalsozialistischen Herrscher, sondern auch die der illegalen und exilierten Arbeiterorganisationen ab“ (S. 1341).

Trotz ihrer Fülle ist die Stoffdarbietung klar gegliedert und durch mehrere Register vorbildlich erschlossen. Etwas aus der Zeit gefallen wirken Angaben wie „Berlin (Ost)“ im Literaturverzeichnis, zudem sollte dem Autor bekannt sein, dass das vierbändige „Lexikon zur Parteiengeschichte“ (1983ff.) zwei Herausgeber hatte, die sich ihrer „Ost“-Etikettierung scheinbar einfach dadurch entzogen, dass sie eine Lizenzausgabe bei einem Kölner Verlag unterbrachten.

Schneider, Michael: In der Kriegsgesellschaft. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1939 bis 1945. 1509 S., Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2014, ISBN 9783801250386.