Ein sächsischer Innenminister als Rufmörder

von Dr. Horst Schneider

Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen (8. Gebot). Am 18. Januar 1992, vor 25 Jahren, hatte der sächsische Innenminister Heinz Eggert seinen großen Tag. Er durfte in der ARD-Sendung „Brennpunkt“ seine Gruselgeschichte erzählen, die er „in seiner Akte“ gefunden haben wollte. Zur Erinnerung: Ab dem 1. Januar 1992 durften die Akten der „Gauck-Behörde“ eingesehen werden, und Heinz Eggert gehörte wie Joachim Gauck selbst zu den Privilegierten, die ihre in den Händen hielten. Heinz Eggert behauptete, er sei in der Psychiatrie in Großschweidnitz (bei Bautzen) im Auftrag von Mitarbeitern des MfS falsch behandelt worden. Man habe ihn mit schweren Psychopharmaka „vollgepumpt“. Er dichtete sich eine „Zwangsjacke“ an. Das MfS habe ihn im Urlaub sogar vergiften wollen. Seine „Enthüllungen“ richteten sich gegen Dr. Reinhard Wolf, den Chefarzt der Psychiatrie. Die Medien stürzten sich wie Geier auf Eggerts Story. Die SUPER-Zeitung wählte am 10. April als Schlagzeile „Satan in Weiß“. Sie montierte auf der Titelseite Wolfs Gesichtsfoto auf einen westdeutschen Arztkittel. BILD denunzierte einen loyalen Kollegen Wolfs als „Folterknecht“. Zeitungen entfesselten eine regelrechte Treibjagd auf Dr. Wolf und seine Familie. Laut SPIEGEL erfolgte Eggerts „medizinische Umerziehung zum Sozialismus“ in Großschweidnitz. Verbreitet wurde behauptet, Eggert sei auf Order der Stasi krankbehandelt worden. Eine aggressive Meute belagerte nach Eggerts „Enthüllungen“ Wolfs Wohnung in der Klinik, Fotografen verfolgten ihn bis ins Schlafzimmer.

Eine Sache wäre sofort zu klären gewesen: Die, dass der behandelnde Arzt gar nicht Dr. Wolf gewesen war. Um glaubwürdiger zu erscheinen, stellte der Minister Strafantrag, was zu Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft (87Js 653/92) führte. Da war von Freiheitsberaubung, Nötigung, Körperverletzung, Vergiftung und Bruch der Schweigepflicht die Rede. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Albin Nees, Dr. Wolf bereits fristlos entlassen. Ungeachtet der Tatsache, dass Eggerts Behauptungen durch nichts und niemanden bewiesen worden waren, orakelte der Sprecher der Gauck-Behörde, David Gill, dass auf dem Gebiet der DDR-Psychiatrie noch viel Schlimmeres zu erwarten sei. Trotz immenser Aufwendungen bei der Suche nach Beispielen wurden keine Beweise für den Missbrauch der Psychiatrie durch MfS-Mitarbeiter gefunden. Fachleute und Ermittler prüften fünf Jahre lang die Vorwürfe, die Eggert erhoben hatte. Das Ergebnis in der nötigen Kürze: Dr. Wolf wurde freigesprochen. Eggert hatte sich 1974 freiwillig in Behandlung begeben. Er war korrekt nach dem damaligen Stand der Wissenschaft therapiert worden. Das MfS war ins Spiel gekommen, weil ein Offizier aus Löbau hatte wissen wollen, ob Eggert bisexuell sei. Dr. Wolf antwortete ihm, dass er das nicht wisse.

Ist es heute noch nötig und nützlich, an diese Ereignisse zu erinnern? War es nicht ein bedauerlicher Einzelfall, der vergessen werden kann? Wenn wir bedenken, dass es sich um einen exemplarischen Vorgang in einem politischen Umfeld mit Folgen bis heute handelt, sind einige Verallgemeinerungen erlaubt und von aktueller Bedeutung. Eggerts Auftritt erfolgte als Auftakt und Exempel für den gesetzwidrigen Missbrauch von MfS-Akten im Rahmen der staatlich verordneten Delegitimierung der DDR. Christen wie Gauck, Eppelmann und Eggert, die vor 1990 unter dem „Dach der Kirche“ den Talar des Dissidenten übergeworfen hatten, mutierten mit der „Wende“ zu Racheengeln in staatlichem Auftrag. Die Medienkampagne, von der die „Akteneinsicht“ begleitet wurde, führte zur Ausgrenzung Zehntausender und zu einer Atmosphäre des Denunziantentums und der Angst. Unter dieser Sicht setzte Peter-Michael Diestel das Wirken der Gauck-Behörde mit dem McCarthyismus gleich und charakterisierte die Behörde als „Fortsetzung der Stasi mit anderen Mitteln“. Das Wirken der Gauck-Behörde widersprach dem Völkerrecht und dem (provisorischen) Grundgesetz schon deshalb, weil rückwirkend Strafrecht erfunden und angewendet wurde.

Zu prüfen ist: Wie viele Bürger wurden Opfer dieser Handlungen, für die hier der Name Heinz Eggert steht? Wie sind sie mit dem christlichen Gebot der Feindesliebe vereinbar?

Jetzt, 25 Jahre später, sind die Folgen unübersehbar: Die „Politikverdrossenheit“, die geringe Wertschätzung der Demokratie, die Kritik an den Medien als „Lügenpresse“. Die Hälfte der Ostdeutschen glaubt nicht, dass es Meinungsfreiheit gibt. In dieser Situation haben sich im Dezember 2016 der Papst und der Bundespräsident zu diesem Thema geäußert. Papst Franziskus hat bei dieser Gelegenheit zwei Begriffe in den politischen Streit eingeführt, die aus dem Griechischen stammen: Koprophilie und Koprophagie. Der erste Begriff bedeutet eine sexuelle Vorliebe für Exkremente, der zweite den Verzehr von Kot. Mit diesen Begriffen hat der Papst das Verhalten von Medien verurteilt, die „Skandale und widerliche Dinge verbreiten“. Gauck hat vor Journalisten gesprochen und die Vorwürfe gegen die „Lügenpresse“ zurückgewiesen. Er hat aber nicht gefragt, woher „die maßlose Wut, ja der Hass auf die Medien gekommen“ sind, die ihn erschrecken. Gauck (allein) weiß, was „Lügenpresse“ ist, denn er hat sie in der DDR jahrzehntelang erlebt. Die Methode „Haltet den Dieb“ als Ausweg des Präsidenten aus der „Krise der Printmedien“? Wer heute die Presse kritisiert, ist ein Denunziant, sagte Gauck. Der Papst sieht das anders. Möglicherweise kennt er das Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er gleich die Wahrheit spricht.

Ich schließe mit der Feststellung, dass zu dem Weg, für den Gauck und Eggert stehen, eine Alternative gegeben hätte. Richard von Weizsäcker hat sie am 20. Februar 1992 in Bautzen formuliert: „Die Menschen wollen Aufklärung, nicht Abrechnung. Die Wahrheit soll ans Licht, damit Aussöhnung und Frieden möglich werden. Das geht nur durch Differenzierung. Pauschalurteile führen nicht zur Einsicht, sondern zur Verstockung. Pressefreiheit ist und bleibt ein entscheidender Bestandteil unserer Freiheit. Als Verleumdungsfreiheit darf sie nicht missbraucht werden. Aus der leidvollen Geschichte der DDR ein Objekt für Mediengeschäfte mit gekauften Akten und reißerischer Verbreitung von Angst und Feindschaft zu machen, ist ein widerwärtiger Skandal. Es darf nicht sein, dass die einen verdienen, die anderen verzweifeln“. Wen mag der damalige Bundespräsident gemeint haben, wenn nicht die Eggert und Gauck? Der heutige Bundespräsident und die Bundeskanzlerin als „mächtigste Politikerin der Welt“ hätten es in der Hand gehabt, die Mahnung Weizsäckers zu beachten, der mir im April 1998 in einem von ihm erbetenen Vier-Augengespräch seine Meinung in dieser Frage erläutert hat. Die vom Papst und von Gauck thematisierte Lage im Journalismus ist eine Folge gestriger bewusst begangener Fehler und jetzt kaum noch reparabel. Die Erinnerung der Menschen lässt sich nicht auf Befehl ändern.

Literatur:
Recherchen Marcel Braumanns im ND vom 20. März 1992 und 5. März 1993;
Horst Schneider: Unter dem Dach der Kirche, Berlin 2010, S.59 f.;
Autorenkollektiv: Wer war wer in der DDR? Ein biographisches Lexikon, Bonn 2001 S. 174;
Autorenkollektiv: Siegerjustiz? Berlin 2003, S. 245 f.