Ein Lebensweg, der in Sibirien im Kriegsgefangenenlager begann

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Der Text des Buches „Ich und die Russen“ sind die persönlichen Erlebnisse, Erfahrungen und Einsichten von Alfons Lehnert, geprägt im Verlaufe von Jahrzehnten. Lehnert, geboren 1928 in einer schlesischen Arbeiterfamilie, hatte das Glück, nicht durch unmittelbare Ereignisse und Erinnerungen an direkte Kriegskampfhandlungen mit all ihren Grausamkeiten belastet gewesen zu sein. Dennoch wurde er nach lediglich dreiwöchiger Zugehörigkeit zum Arbeitsdienst – und ohne einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben – wenige Tage nach Kriegsende gefangen genommen. Der Ernst seiner Lage als Kriegsgefangener wurde ihm erst vollends bewusst, als er in Sagan als einer von 2.000 Gefangenen den Sibirien-Express bestieg und ihm hinter dem Ural klar wurde, dass man tatsächlich in einem sibirischen Kriegsgefangenenlager angekommen war.

In 15 Kapitel gegliedert schildert Lehnert detailliert seine nunmehr knapp vierjährige Gefangenschaft jenseits des Urals. Es sind dies das Gefangenenlager, die Arbeitsstätte, das Verhältnis zu den Menschen, die menschlichen Beziehungen im Arbeitsprozess, die Verpflegung, die Freizeitgestaltung, die sibirische Kälte und anderes. In einer Aluminiumfabrik leistete er einen Beitrag zum Ausgleich der den Völkern der Sowjetunion zugefügten Opfer und Verluste. Er gelangte zu der Einsicht, dass jeder deutsche Kriegsgefangene, nach seiner Entlassung in die zivile Freiheit, diese Gefangenschaft in sein Leben einordnen und bewerten musste. „Von der Art und Weise der Bewältigung dieser Zeit in den Gefangenenlagern hing es ab“, schreibt Lehnert, „ob er sich sein weiteres Leben lang nur noch als ein schuldloses Opfer ansah, oder aber diese Zeit in die Geschehnisse des Krieges einordnete … Für das Geschehene gibt es keine Entschuldigung, aber eine Erklärung, die jeder suchen sollte.“ Das 15-seitige Kapitel „Zur Mentalität und Identität der Russen“ bereichert die Gesamtdarstellung.

Im Sommer 1948 nutzte Lehnert die Chance, einen Lehrgang der „Antifa-Zentralschule“, eine Einrichtung des „Komitees Freies Deutschland“, zu besuchen. Sie wurde von Offizieren des Komitees geleitet, und auch die Seminarleiter waren dessen Mitglieder. Die Vorträge hielten deutsche Antifaschisten, die während der Nazizeit in der Sowjetunion im Exil lebten, oder sowjetische Lehrkräfte in deutscher Sprache. Die Teilnehmer rekrutierten sich aus verschiedenen Gefangenlagern.

Am 31. Januar 1949 wurden er und weitere Gefangene an das Lager Nr. 69 in Frankfurt/Oder zur Entlassung übergeben. Lehnert, der sich für die Entlassung in die sowjetische Besatzungszone entschieden hatte, kam mit einigen Hindernissen als Lehrkraft an die vor kurzem erst gegründete Landessportschule von Sachsen/Anhalt in Freyburg an der Unstrut. Als im Mai 1950 dem Leiter der Schule eine andere Funktion übertragen worden war, wurde Lehnert mit der Leitung der Landessportsschule beauftragt.

Ende 1951 verließ er Freyburg, delegiert zu einem Sportstudium in Moskau. Er gehörte damit zu dem ersten Schub von DDR-Studenten, die sechs Jahre nach Kriegsende zu einem Studium in der Sowjetunion aufbrachen. Das „Staatliche Zentrale Institut für Körperkultur“ war nunmehr für vier Jahre sein zentraler Aufenthaltsort in Moskau. Lehnert berichtet anschaulich über den Studienablauf am Institut, die sportpraktische Ausbildung, die Aufnahme in die Gemeinschaft und die Teilnahme an öffentlichen Ereignissen in der Hauptstadt des Landes. Und nicht vergessen werden auch geschlossene Freundschaften, die Liebeleien und ernsten Liebesbeziehungen. Lehnert selbst trat in Moskau mit G. Enke, einer DHfK-Turnerin aus Leipzig, in den Stand der Ehe ein.

Nach seinem Studienabschluss als Diplomlehrer für Körpererziehung tätig, übte er zunächst verschiedene Tätigkeiten aus, darunter zwei Jahre lang als 2. Trainer der Fußballmannschaft Lokomotive Leipzig, bevor er 1958 an die DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur) berufen wurde, um ein Jahr lang einen Sonderlehrgang für die Ausbildung von Fußballtrainern zu leiten. Danach wechselte er an die Forschungsstelle der DHfK und mit Gründung des eigenständigen Forschungsinstitutes für Körperkultur und Sport 1969 an dieses Institut. Nach der Promotion erfolgte seine Berufung zum Dozenten und danach zum Ordentlichen Professor für Theorie und Methodik des sportlichen Trainings. Er gehörte vielen Gremien an, so der „Gemeinsamen Sportkommission DDR-UdSSR“. 1990 erfolgte seine Emeritierung als Hochschullehrer. Heute ist er infolge schwerer Erkrankung vollinvalidisiert.

Lehnert hat sein Buch, dem ein besseres Layout gut getan hätte, mit einem gesunden Schuss Humor, Witz und Ironie sowie mit Gegenwartsbeziehungen geschrieben. Es seien ihm viele interessierte Leser gewünscht. Es lohnt sich!

Alfons Lehnert: Ich und die Russen. Eigenverlag, Leipzig 2016. 270 Seiten. reich bebildert, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-00-051837-9