Rosa Luxemburg als Philosophin

von Wulf Skaun

Volker Caysa will das theoretische Gebäude der linken Denkerin systematisch diskutieren

Der Leipziger Philosoph Volker Caysa gilt als einer der derzeit kühnsten und produktivsten Vor- und Querdenker der demokratischen Linken. Mag sein, dass seine Affinität für Rosa Luxemburg in ihrer analogen, für ihn vorbildhaften Wesensverwandtschaft begründet liegt. So zielt seine wissenschaftliche Beschäftigung mit ihrem Leben und Wirken darauf, sie als eigenständige weitsichtige Philosophin, als originäre politische Denkerin in heutiges kollektives Bewusstsein zu heben – sie also aus der ihr von linken und rechten Widersachern auferlegten Restriktion auf revolutionäre Märtyrerin und marxistische Nur-Ökonomin zu befreien. In diesem Sinne referierte Volker Caysa auch auf dem Ständigen Rosa-Luxemburg-Seminar Ende September in der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Sein Thema lautete nicht von ungefähr „Rosa Luxemburg und Georg Lukács“. Der marxistische ungarische Theoretiker war es schließlich, der sie als Erster als eine ernst zu nehmende Philosophin behandelte. Doch während Lukács sich punktuell mit Luxemburgs Werk befasste, will Caysa deren Gedankengebäude systematisch diskutieren. Und während Lukács Rosa Luxemburg als demokratische Sozialistin verortete, bescheinigt ihr Caysa einen weiter reichenden Politstatus: Er sieht sie als libertäre, internationalistische Sozialistin.

Luxemburg Anerkennung als politische Philosophin zu verschaffen, so Caysa, erfordere, die revolutionäre Realpolitikerin von der Denkerin zu unterscheiden. Vom Standpunkt der Opportunität ihrer Erkenntnisse für linksdemokratisches Denken und Handeln heiße das also, diese nicht auf politische Aktualität zu reduzieren. Als Denkerin verfüge sie über ein originales, konsistentes theoretisches Gebäude. „Das will ich, weil noch nicht geleistet, abgelöst von allem ihrem sonstigen Denken und Tun, als unser theoretisch-methodologisches Erbe herausarbeiten“, so Caysa. Im Mittelpunkt ihrer politischen Philosophie stehe ihre Demokratieauffassung. Sie gründe sich auf die elementare Erkenntnis, dass wahrhaftige Demokratie thymotisch verfasst sein, also die Stimmung des Volkes kennen und berücksichtigen müsse. Eine praxisrelevante theoretische Position, die Lukács verkannte und, wie viele ihrer Widersacher vor und nach ihm, als Überschätzung der Volksstimmung, als irriges Spontanitätskonzept kritisierte. Politisches Handeln müsse mit Bewusstsein geschehen! Volker Caysa reflektierte dann Luxemburgs massenthymotische Grundidee im Verhältnis von Sozialismus und Demokratie, von Sozialismus und öffentlicher Freiheit, die in die Conclusio münde: Ein demokratischer Sozialismus ist ein freiheitlicher Sozialismus, und der freiheitliche Sozialismus ist Bedingung für einen demokratischen Sozialismus. Mit Luxemburg begründete der Leipziger Philosoph auch die notwendigen Schritte für die entschiedene Linke, aktuelle affektaufgeladene Massenproteste in demokratische Bahnen zu leiten. „Aus dem Zornkapital kann man politisches Kapital aufbauen, politische Programme und Bewegungen ableiten“. Das bedinge, eigene Klassenwirklichkeit nicht für die Wirklichkeit der Massen zu halten.

Breiten Raum nahmen bei Caysa und in der Diskussion das Luxemburg-Diktum von der Freiheit als Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern und die damit verknüpfte These von dem sie garantierenden Rechtstaat ein („Keine Volkssouveränität ohne Rechtstaat“). An dieser Stelle kann nur noch eine Idee Rosa-Luxemburgs angesprochen werden, die der Referent auch in ihrer aktuellen Bedeutung erörterte: die politische und soziale Einbindung abgehängter Bevölkerungsschichten in die Gesellschaft. „Rosa Luxemburg warnte davor, das ,Lumpenproletariat‘ nur pejorativ zu betrachten, wie es ein Großteil der (verbürgerlichten) Linken tat (und tut)“. Die Deklassierten seien aber nicht nur eine Gefahr für die öffentliche Freiheit. Sie könnten auch eine positive, produktive Macht werden, wenn ihr Zorn, ihre Wut, ihre Enttäuschung durch eine Avantgarde zur Sprache gebracht und klug organisiert werde. „Insofern sieht sich Rosa Luxemburg nicht nur durch den Druck der Straße bedroht, sie sieht auch, dass die Macht auf der Straße liegt und man nur verstehen muss, sie aufzuheben“. Das bedeutet für Caysa, die „aus der Mitte Geschrumpften“, im heutigen Sprachgebrauch eher „Pack“ und „Mob“ oder beschönigender „Prekariat“ genannt, nicht nur als „Modernisierungsverlierer“ zu betrachten, sondern als den Rand der bürgerlichen Gesellschaft. „Der wächst und muss integriert werden, will sie weiter als soziale und demokratische Ordnung bestehen“. Rosa Luxemburg steht daher für Caysa in der Tradition einer franziskanischen Linken. „Franz von Assisi gliederte bekanntlich die von der christlichen Gesellschaft Ausgestoßenen in diese ein und humanisierte sie dadurch“.