„Jetzt mehr als je kühl denken und handeln“

von Dr. Volker Külow

Es ist hinlänglich bekannt, dass die aus dem sächsischen Wiederau stammende Sozialistin Clara Zetkin (1857-1933) jahrzehntelang eine treibende Kraft in der deutschen Sozialdemokratie, auf der europäischen Bühne und nicht zuletzt als Sekretärin der 1907 gegründeten Fraueninternationale war. Von ihrer württembergischen Wahlheimat Stuttgart aus redigierte sie „Die Gleichheit“ und machte sie vor dem Ersten Weltkrieg zur international führenden Frauenzeitschrift. Seit dem frühen Tod ihres ersten Mannes Ossip Zetkin im Jahr 1889, mit dem sie die Söhne Kostja und Maxim hatte, empfanden ihre Weggefährten Clara Zetkin als eine Kerze, die von zwei Seiten brannte und sich trotzdem nicht zu verzehren schien.

Im Sommer 1914 flackerte aber dieses Feuer bedenklich, denn durch den Kriegsausbruch lag auch ihr Lebenswerk in Trümmern; darüber hinaus zeigte die zweite Ehe mit Kunstmaler Friedrich Zundel Risse und die Sorge um die beiden an der Front eingesetzten Söhne zehrte merklich an ihr. Insbesondere der Verrat der SPD-Spitze ließ sie nach eigenen Worten fast wahnsinnig werden und zunächst an Selbstmord denken. Trotz dieser scheinbar ausweglosen Situation gewann sie sehr schnell ihren gewohnten Kampfesmut zurück: „Wenn ich meinem Empfinden folgen wollte, so hätte ich mit tausend Freuden ein Ja telegraphiert. Aber wir müssen jetzt mehr als je kühl denken und handeln.“ Mit diesen ehrlichen und zugleich nüchternen Zeilen antwortete sie am 5. August 1914 als einzige (!) auf ein Telegramm, das nach einer Besprechung in Rosa Luxemburgs Wohnung am Vorabend an mehr als 300 SPD-Mitglieder verschickt worden war. Im Verlauf des Treffens, an dem neben der Gastgeberin u.a. Hermann Duncker, Hugo Eberlein, Julian Marchlewski, Franz Mehring, Ernst Meyer und Wilhelm Pieck teilgenommen hatten, war die Idee entstanden, als sichtbaren Protest gegen die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD-Reichstagsfraktion aus der Partei auszutreten.

Betrachtet man die Fülle der Literatur zum Ersten Weltkrieg, darauf macht die verdienstvolle Herausgeberin Marga Voigt in ihren editorischen Bemerkungen aufmerksam, nehmen Briefsammlungen und andere Originaldokumente über den Kampf der Linken gegen den Krieg einen eher kleinen Raum, zum Kampf der Frauen einen noch kleineren Raum und zum Kampf der Sozialistinnen einen verschwindend kleinen Raum ein. Der überlieferte Zetkin-Briefnachlass ist insofern ein Glücksfall, denn er umfasst mehr als tausend Briefe aus der Zeit zwischen 1914 und ihrem Tod 1933. Der vorliegende Band umfasst den Zeitraum August 1914 bis November 1918 und enthält – chronologisch geordnet – 172 Briefe, 27 Postkarten, Telegramme bzw. deren Entwürfe; immerhin 152 Dokumente werden hier erstmals publiziert. In dieser geschlossenen Edition, deren Herausgabe finanziell von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt wurde, spiegelt sich Clara Zetkins mutiges Wirken gegen den Krieg und für den Frieden wider. Waren im Inland Luxemburg, Mehring und Liebknecht ihre engsten Verbündeten, so international Heleen Ankersmit, Inès Armand, Angelica Balabanoff und Alexandra Kollontai. Diese Zusammenarbeit erleichterte Clara Zetkin auch später den Weg an die Seite der Bolschewiki, den Jörn Schütrumpf in seinem Nachwort kenntnisreich nachzeichnet.

Clara Zetkin: Die Briefe 1914 bis 1933. Band I: Die Kriegsbriefe (1914-1918). Herausgegeben von Marga Voigt. 559 Seiten, 49,90 Euro, Karl Dietz Verlag Berlin 2016.