Entmündigung

von Christian Rother

Die Auseinandersetzung zwischen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und dem Internetversandhändler Amazon dauert nun schon mehrere Jahre. In dieser Zeit nahm Amazon immer wieder zu verschiedenen Vorwürfen Stellung, die aus der Belegschaft kamen oder von der Gewerkschaft gemacht wurden. Dabei nutzte der Konzern seine Rechtfertigungsversuche für Eigen-PR. Dabei offenbarte sich immer wieder die dahinterstehende Denkweise der Führungsetage.

Diese wurde der Belegschaft, vor allen Dingen in den letzten beiden Jahren, bei den Ansprachen der Geschäftsleitung in Betriebsversammlungen und All-Hands nähergebracht. Dort musste die Geschäftsleitung auch auf Themen eingehen, die von der Belegschaft immer wieder diskutiert werden und bei denen die Gewerkschaft Druck macht. Eines dieser Themen ist unter anderem die Bezahlung. Die Frage, die sich die Geschäftsführung dabei gefallen lassen muss, ist: Warum geht Amazon nicht auf die Forderungen der Gewerkschaft ein? Die Antwort ist erschreckend. Es wurde gesagt, dass es für die Mitarbeiter nicht unbedingt von Vorteil ist, wenn sie mehr verdienen würden.

Diese Aussage lässt doch stark vermuten, dass die Führungsebene den eigenen Mitarbeitern nicht zutraut, selbstverantwortlich zu handeln. Dieser Art von Misstrauen begegnet man immer wieder im Arbeitsalltag. So zum Beispiel, wenn man zum Vorgesetzten geht und dabei eine Treppe passieren muss. Da kann es passieren, dass man eine Standpauke erhält, weil man den Handlauf nicht benutzt hat. Solche Beispiele sind zahlreich. Oft handelt es sich dabei um Kleinigkeiten, die übermäßig aufgebauscht werden. Aus diesem Grund fragen sich viele Mitarbeiter, ob sie sich in einem Kindergarten befinden.

Der Begriff „Kindergarten“ trifft es wirklich gut. So wurde in den für die Beschäftigten obligatorischen Meetings ernsthaft darauf hingewiesen, dass man darauf achten solle, seine Schnürsenkel ordentlich verschnürt zu halten. Ein anderes Mal wurde erklärt, dass man im Straßenverkehr Vorsicht walten lassen, bei Rot an der Ampel stehen bleiben und nur bei Grün die Straße überqueren solle.

Da nimmt es nicht Wunder, dass viele Angestellte das Gefühl haben, dass ihre Chefs auf sie herabschauen. Immer wieder wird von fehlender Wertschätzung gesprochen. Die Geschäftsleitung ist dann immer der Meinung, dass sich die Angestellten Respekt und Wertschätzung erst erarbeiten müssten. Hierbei wird deutlich, dass sich Angestellte und Geschäftsleitung nicht auf Augenhöhe begegnen. Das Gegenteil ist der Fall, viele Manager schauen auf ihre Mitarbeiter herab.

Das sollen die folgenden Beispiele zeigen. In den Meetings werden die Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass man sich nach dem Toilettengang die Hände zu waschen hat. Das wirft die Frage auf, welchen Sinn diese Meetings eigentlich haben, wenn solche trivialen Dinge, die rein gar nichts mit der Arbeit zu tun haben, angesprochen werden. Es kam auch schon vor, dass die Mitarbeiter in den Meetings zu einer ordentlichen Körperhygiene angehalten wurden.

Doch damit nicht genug. In den Toiletten im Lagerbereich hängen Hinweisschilder zur korrekten Benutzung. Abgebildet sind Strichmännchen in verschiedenen Posen, welche erlaubt bzw. nicht erlaubt sind. So wird man in einer Abbildung darauf hingewiesen, dass man nicht mit einer Angel in der Toilette fischen solle. Ein anderes Bild zeigt, in welcher Richtung man zu sitzen hat. Derartige Hinweisschilder finden sich nicht in den Toilettenräumen der Geschäftsleitung.

Diese Beispiele aus dem Arbeitsalltag zeigen, wie man bei Amazon als Mensch eingeschätzt wird. Gesunder Menschenverstand und normales Verhalten werden dem einfachen Angestellten offenbar nicht zugetraut. Aus Sicht der Geschäftsleitung muss man scheinbar dem einfachen Arbeiter alles kindgerecht erklären. Mit einer Begegnung auf Augenhöhe hat das alles wenig zu tun. Dieses Verhalten dient einzig der Erhöhung der eigenen Position und der Herabwürdigung des Gegenübers.