Von der christlichen Seefahrt

von Peter Porsch

Da fällt mir zunächst die Volksweisheit ein, dass man vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand sei. Das sagt allerdings mehr über Gerichte aus, als über die hohe See und die Schiffe darauf. Weil das Meer voller Gefahren ist, darf das Boot auch nicht zu voll sein. Wenn es heißt, „das Boot ist voll“, passt niemand mehr hinein, bei Strafe des Untergangs. Das wissen Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen. Ihre Boote sind nicht nur voll, sie sind übervoll und deshalb sehr leicht dem Untergang geweiht. Umso mehr müssen sich solche Menschen doch wundern, wenn sie – weil ihrer Meinung nach in Gottes Hand gewesen – lebend in Europa angelandet sind, und plötzlich mit vermeintlich festem Boden unter den Füßen hören, „das Boot ist voll“. Europa bekennt sich zur christlichen Seefahrt und hat auf einmal Angst, dass der gesamte Kontinent untergehen könnte, wenn zu viele Flüchtlinge einsteigen, noch dazu keine christlichen, sondern islamische. Aber, die „christliche Seefahrt“, so lese ich, meint gar nicht die Personenschifffahrt. Zu ihr gehören nur die Handelsschiffe. Natürlich können diese auch zu voll sein. Dann hilft aber nicht Gott, sondern das Kapital und seine Schiffsbauer. Wachsende Ladung heischt nach größeren Schiffen. Das war zunächst ein frommer Wunsch der christlichen Seefahrer. Der Wunsch wurde zur Wirklichkeit. Die Container- und Tankschiffe baute man immer größer. Auch wenn die Personenschifffahrt nicht zur christlichen Seefahrt gehört, so gelang das Gleiche bei Kreuzfahrtschiffen. Mittlerweile fahren mittlere Städte über See und bringen ihre „Einwohner“ zu erschwinglichen Preisen überall hin in der Welt; mit Radau, Müll und Gestank. Letztere verschlucken aber das Meer und die Luft darüber. Das Meer freilich verschluckt auch noch anderes. Und jetzt wird es auf sehr traurige Art Ernst mit der christlichen Seefahrt. Das Meer verschluckt Menschen. Kaum die Kreuzfahrtpassagiere, es sei denn ein angeberischer Kapitän fährt zu nahe ans Ufer, um seiner Geliebten zu gefallen. In so einem Fall geht das Schiff kaputt und es gibt Tote. Das ist jedoch eine Ausnahme, und der Kapitän gehört nicht zu den Ertrunkenen, denn er verlässt zuerst das Schiff. Das hat er gemein mit jenen Schiffseignern und „Kapitänen“, die die Not von Menschen und deren Sehnsucht nach Lebensqualität und Sicherheit ausnutzen und ihnen für viel Geld eine Überfahrt im vollen Schlauchboot zum vollen Boot Europa versprechen. Diese Boote haben von Anfang an keinen Kapitän und keine Mannschaft. Viel zu gefährlich! Ein Abgeordneter der österreichischen FPÖ meint zwar in diesem Zusammenhang, „eine Seefahrt, die ist lustig“, weil er Bilder von Selfies knipsenden Passagieren eines solchen schwankenden Bootes gesehen hat. Lustig ist das aber gar nicht. Die Selfies sind oft das letzte Bild, das von diesen Seefahrern (Frauen, Männer und Kinder) aufgenommen wurde. Es sei denn, jemand fotografiert noch die toten Körper der als Strandgut Angeschwemmten. Jetzt drängt es mich wieder zurück zur christlichen Seefahrt. Seinen Ursprung hat der Begriff in der Abwehr arabischer und nordafrikanischer Piraterie im Mittelalter und später. Seefahrer konnten schnell in die Hände dieser Seeräuber geraten. Dann war nicht nur die Ladung beim Teufel, sondern man landete, ehe man es sich versah, auch noch in der Hölle der Sklaverei. Die Reedereien schützten ihre Leute dagegen nicht nur mit Priestern an Bord, nein, sie legten auch so genannte „Sklavenkassen“ an. In diese zahlte jeder Seefahrer ein, und es stand dann das Geld zum Freikauf aus der Sklaverei zur Verfügung. Piraten kommen keine mehr aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum, wohl aber Menschen in Not. Wenn sie unterwegs nicht ertrinken, landen sie meist in neuer Not, nicht selten auch in moderner Sklaverei. Vor allem wird ihnen hässliche Ablehnung zuteil: „Das Boot ist voll!“ Ist es aber tatsächlich voll und deshalb dem Untergang geweiht? Die Wirklichkeit sieht anders aus: Zu viele haben nur Angst, zu viel in die „Flüchtlingskasse“ einzahlen zu müssen. Die Flüchtlinge hält man deshalb für angelandete Piraten und Feinde der christlichen Seefahrt auf den abendländischen Dampfern. Der Reichtum ihrer Eigner und Kapitäne steht jedoch nicht zur Debatte.