Unbequeme Wahrheiten zur neuen Ökonomie des Teilens

von Ralf Richter

Erlauben wir uns zunächst einen kleinen Rückblick: „Nutzen statt besitzen – Wohnungen, Autos, Ideen … Eine Idee verzaubert das Land. Es ist die Idee von der Sharing Economy, der Wirtschaft des Teilens, und sie kommt zur richtigen Zeit. Einerseits nimmt sie das Wirgefühl von Social-Media-Diensten wie Facebook und Twitter auf, deren Nutzer es gewohnt sind, etwas miteinander zu teilen: Fotos, Meinungen, Neuigkeiten. Andererseits bietet sich Sharing als Projektionsfläche für sämtliche Alternativen zum Kapitalismus an. Ob Autos, Bohrmaschinen, Bücher oder Schlafplätze: Teilen ist das neue Haben! Nutzen wird wichtiger als Besitzen! Das Ende des Eigentums steht bevor!“. So phantasiert sich der Zeit-Autor Marcus Rohwetter am 7. März 2013 in eine neue Welt hinein, und die angeblich mächtigste Frau der Welt sekundiert ihm: Sie ruft das Zeitalter des Teilens aus! Das alles auf der CeBIT vor drei Jahren …

Wer schon ein wenig länger auf der Welt war, konnte sich nur verwundert die Augen reiben: Hatten sich nicht gleich Anfang der 90er Jahre „Mitwohnzentralen“ und „Mitfahrzentralen“ in den Großstädten wie Dresden und Berlin etabliert? Es ging damals ganz ohne Internet. Man rief an, unterschrieb Verträge, faxte oder ging persönlich vorbei. So wurden Wohnungen über Wochen, Monate oder Jahre vermietet, so organisierte man sich seine MitfahrerInnen auf der Strecke Dresden–Wien seit 1990 – gut 23 Jahre bevor die Bundeskanzlerin die Welt des Teilens entdeckte (Kurze Zeit später, es war der 19. Juni 2013, erkannte Merkel bei einer Pressekonferenz mit Obama: „Das Internet ist Neuland für uns alle!“ – woran man erkennen kann, dass Angela Merkel schon immer zu den Blitzmerkern gehörte.). Schon in der DDR standen junge Menschen mit dem Schild: „Berlin“ vor den Dresdner Autobahnauffahrten – die Fahrerin oder der Fahrer nahm ein paar nette junge Leute mit und reiste die lange Strecke nicht allein, Geld floss nicht – aber jeder erfuhr eine Menge vom anderen.

Die Welt teilt, seitdem der erste Steinzeitjäger dem anderen seinen Speer überließ – umso verdächtiger ist es, wenn Konzerne, Internetfirmen und Spitzenvertreter die „Welt des Teilens“ ausrufen. Jeder ahnte Verrat an der Idee, der schon lange in der Welt des Teilens lebte. Der Kanadier Tom Slee hat sich in seinem informationsreichen Buch, das in diesem Jahr im Verlag Antje Kunstmann erschien, dezidiert all der Probleme angenommen, die entstehen, wenn nun plötzlich statt der vielen kleinen Firmen wie Mitfahr- oder Mitwohnzentralen Konzerne das Teilen organisieren. Es fehlen in dem Buch natürlich die von vielen er- und durchlebten deutschen Beispiele. Man denke z. B. ganz klassisch an Mitfahrgelegenheiten.de, das einst von drei Würzburger Studenten als kleines Mitfahrportal gegründet wurde, dann zu einem Monopolisten aufstieg, schließlich ins Visier von Autokonzernen geriet und zum Beispiel dafür wurde, wie eine wunderbare Idee für tausende zu einem großen Geschäft für wenige werden kann. Von einem Tag zum anderen wurden die Nutzer gezwungen, sich zu registrieren. Direkte Kontakte zwischen Fahrern und Mitfahrern wurden praktisch gewaltsam unterbunden – das einst kostenlose Portal, dass sich über Werbung finanzierte, wurde durch den Konzern, der sich nun dazwischen schob, zu einer profitorientierten Plattform, die obendrein tausende Daten einsammelte. Wer fährt wann mit wem von wo nach wo? Dazu aber kam noch mehr: die Bewertungspflicht! Mitfahrer hatten Fahrer zu bewerten und umgekehrt.

Tom Slees Verdienst ist es nun, dieses Beispiel von „Mitfahrgelegenheit“ im großen Rahmen dazustellen – bei Airbnb, Uber usw. Hier höhlen Großkonzerne komplette Arbeitsbereiche aus (das Taxi- oder Reinigungsgewerbe), man unterläuft etablierte Standards, die Gewerkschaften einmal ausgehandelt haben, bis hin zu Sicherheitsstandards, etwa was die Sicherheit von Autos betrifft. Diese Sharing Eonocmy etabliert sich auf allen Ebenen. Egal, ob es um die Vermittlung von Hundesittern oder Putzkräften geht. Nicht die Kleinen profitieren von der Schlafplatzvermittlung in teuren Großstädten, sondern es sind längst Investoren, die gezielt und ausschließlich über Airbnb Plätze anbieten. Tom Slee aber bleibt nicht dabei stehen, zu schildern, wie Arbeitsmärkte durch die Sharing Economy der großen Internetkonzerne wie Google oder Amazon erodieren. Er beschreibt auch Beispiele solidarischer Gegenwehr: So haben sich in New York oder San Francisco Mietervereine und Nachbarschaftsvereinigungen zu Share Better-Vereinigungen zusammengeschlossen oder in Wien Katzenhalter, die sich gegenseitig Katzensitter vermitteln. Solche Graswurzelbewegungen halten Konzerne draußen, stärken die lokale Ökonomie und verhindern, dass Datensammelkraken unser Verhalten ausforschen.

„Deins ist meins“ richtet sich nicht gegen das Teilen an sich, sondern gegen dessen Kommerzialisierung, wie Merkel und Großkonzerne sie im Blick haben, wenn sie plötzlich das „Zeitalter des Teilens“ ausrufen. Das Buch kostet teure 22,95 Euro – doch man muss das Buch ja nicht kaufen: Man kann es sich mit anderen in einer Bibliothek teilen!