„Lenin ist alles andere als ein toter Hund“

von Wulf Skaun

Wladislaw Hedeler und Volker Külow plädieren für eine Reaktualisierung seiner Imperialismusanalyse

„Er rührte an den Schlaf der Welt – Lenin“ (Becher/Eisler/Busch). Verblichene Hommage auf einen „großen Mann“ der Geschichte (Plechanow). Mit dem Scheitern seines praktizierten Sozialismusmodells „im Sinne der Jakobiner-Herrschaft“ (Luxemburg) hat ihn politischer Mainstream linker und rechter Provenienz auch als Gesellschaftstheoretiker für erledigt erklärt. Einspruch, rufen intime Kenner seiner Werke. „Lenin ist alles andere als ein toter Hund“, erklären auch Volker Külow und Wladislaw Hedeler. Beim 17. Jour fixe im September, vor wiederum vollem Leipziger Haus der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, stellten die beiden Herausgeber und Autoren ihr jüngstes Opus vor: Kritische Neuausgabe von Lenins „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Moderator Klaus Kinner, selbst Kommunismus- und Sozialismusforscher, lobpreiste den im Verlag 8. Mai erschienenen Band: „Mit diesem Buch ist eine neue Stufe der Lenin-Edition erreicht. Es wird künftig keine Ausgaben von Werken Lenins geben, die an dieser Schrift vorbeigehen können.“

Ein Summa cum laude, das die Arbeit der Historiker und Publizisten Külow und Hedeler zu Recht würdigt. Die inhaltlichen, methodologischen und editionstechnischen Innovationen, die ihre Kritische Neuausgabe auszeichnen, machen diese zur Pflichtlektüre für alle an Gesellschafts- und Politiktheorie Interessierten. Ihre umfassende Recherche in Archiven und Bibliotheken in Amsterdam, Moskau und Zürich erlaubt es erstmals, die Geschichte der Entstehung und Veröffentlichung des Werkes sowie den Personenkreis, mit dem Lenin in Verbindung stand, auf einer gesicherten Quellenbasis jenseits parteipolitischer Instrumentalisierung darzustellen. Die Autoren zeigen, wie Lenin durch Nikolai Bucharin, David Rjasanow und Georgi Sinowjew angeregt und unterstützt wurde. Sie schildern, wie die Imperialismusstudie ab 1924 in dem von Stalin erfundenen „Marxismus-Leninismus“ kanonisiert wurde. Wie die Bemühungen um das literarische Erbe Lenins, die Vorbereitung und Herausgabe der Werkausgaben und Lenin-Sammelbände seit Mitte der 1920er Jahre immer stärker in den Sog der innerparteilichen Fraktionskämpfe gerieten. Und wie diese 1936 bis 1938 in den „Großen Terror“ mündeten, in dem nicht nur viele der ersten Garde der Bolschewiki wie Bucharin, Rjasanow und Sinowjew auf Geheiß Stalins umgebracht wurden, sondern auch viele Editoren der Leninausgaben und der ersten russischsprachigen Ausgabe der „Hefte zum Imperialismus“.

In ihrem 100-seitigen Kommentar dokumentieren Hedeler und Külow, welche Quellen Lenin für seine Untersuchung ausgewertet hat. Dabei werden seine 21 „Hefte zum Imperialismus“ zeitlich und inhaltlich rekonstruiert. Sie liefern über 1.200 bibliografische Angaben! Die lassen die innere Logik und die thematische Bandbreite seines Forschungsprozesses erkennen. Lenin beabsichtigte, die ökonomischen, politischen und geistig-ideologischen Aspekte des zeitgenössischen Imperialismus in ihrer Totalität zu erfassen. Er studierte dafür nicht nur renommierte Autoren und Gelehrte wie Rudolf Hilferding, John Hobson, Otto Jeidels, Alfred Landsburgh, Robert Liefmann, Jacob Riesser, Werner Sombart, August Sartorius von Waltershausen und Gerhart von Schulze-Gaevernitz. Auch Publikationen akademischer Außenseiter las er. Fritz Kestner, Hermann Levy, Sigmund Schilder, Theodor Vogelstein schätzen heute bestenfalls noch Spezialisten.

Die Erläuterung weiterer Texte Lenins aus den Jahren 1915/1916 und der Abdruck des berühmten Manifests des Internationalen Sozialistenkongresses in Basel 1912 erleichtern den beiden Historikern die Einbettung des Werkes in den imperialismustheoretischen Diskurs am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Deutlich wird, dass der Wissenschaftler Lenin, viel stärker als bislang wahrgenommen, unmittelbar an die zeitgenössischen Debatten in der II. Internationale angeknüpft hat. So erinnern sie auch an mitunter zu Unrecht vergessene „Imperialismus“-Theoretiker: an Otto Bauer, Herman Gorter, Alexander Helphand, Heinrich Laufenberg, Georg Ledebour, Julian Marchlewski, Anton Pannekoek, Karl Radek und Fritz Wolffheim. Nach Georg Lukács bestünde Lenins Überlegenheit darin, „eine theoretische Großtat ohnegleichen“, dass er die ökonomische Theorie des Imperialismus mit allen politischen Fragen konkret zu verknüpfen vermochte.

Die Herausgeber kommentieren Lenins Werk auch mittels eines zweigliedrigen Fußnotenapparats. Darin werden Mängel bisheriger Editionen beseitigt und vor allem jene Textpassagen präsentiert, die Lenin direkt aus den „Heften zum Imperialismus“ in seine Imperialismusstudie übernahm. Fünf Verzeichnisse erschließen den Text, darunter erstmals eines, das alle von Lenin im „Imperialismus“ zitierten Quellen aufführt. Das Buch enthält zudem eine mehr als 100 Titel umfassende Literaturliste zur gegenwärtigen Imperialismusdebatte. 60 Illustrationen aus Moskauer und Zürcher Archiven, viele davon erstmals zu sehen, veranschaulichen die Darstellung.

Dietmar Dath und Christoph Türcke bereichern mit ihren Essays die Neuausgabe. Beide regen die Reaktualisierung von Lenins Werk an, dessen Dialektik auch 100 Jahre später es erlaube, „mit immer noch erstaunlich hilfreicher, nahezu unverminderter Sehschärfe nach links und rechts zu sehen“. Und das einen „verblüffend prägnanten Begriff jenes Imperialismus (bietet), dessen globale Deregulierung wir erleben“.

Also bilanziert Volker Külow: „Man kann und muss Lenin heute stärker gegen den Strich lesen und im Kontext der modernen Globalisierungsdebatten neu interpretieren. Mit der Kritischen Neuausgabe ist für eine Reformulierung seiner Imperialismusanalyse aus unserer Sicht eine solide Grundlage geschaffen“. Man lese selbst.