„Für eine Resozialisierung ist ein Gefängnis ein denkbar ungeeigneter Ort“

Mit einer Überraschungsmeldung begann MDR Figaro am ersten Tag der diesjährigen Leipziger Buchmesse die 7-Uhr-Nachrichten. Der bis dahin völlig unbekannte Autor Thomas Galli habe vom Justizministerium ein Verbot erhalten, wie geplant in der JVA Leipzig aus seinem Buch zu lesen. Thomas Galli ist Gefängnisdirektor der JVA Zeithain bei Riesa.

Ralf Richter wollte von ihm wissen, wie es zum Verbot der Lesung kam, was er am Strafvollzug kritisiert und ob er nach Ablauf seiner Elternzeit weiter in Zeithain arbeiten wird.

Schreibende Gefängnisdirektoren sind ja eher selten – zumal in Deutschland. Haben Sie sich an Vorbildern orientiert, bevor Sie mit dem Schreiben begannen?

Gefängnisleiter schreiben in der Tat – wenn sie denn schreiben – eher Fachbücher. Ein solches ist mein Buch „Die Schwere der Schuld“ gewiss nicht. Vorbild war für mich eher Ferdinand von Schirach, der als Rechtsanwalt Geschichten aus seiner Praxis erzählt. Ich wollte meinerseits nun Fallgeschichten aus meiner Praxis präsentieren, anhand von Beispielen einzelner Straftäter, und damit das System Gefängnis in Frage stellen sowie Probleme des Strafvollzugs ansprechen. Das war meine Idee dahinter.

Was Ihnen ja auch ausgezeichnet gelungen ist. Man hat bei der Lektüre das Gefühl: Der Mann musste einfach dieses Buch schreiben, zu viel hatte sich da über die Jahre aufgestaut – stimmt dieser Eindruck?

Dieser Eindruck stimmt zu hundert Prozent! In der Tat hat sich in fünfzehn Jahren Dienst im Strafvollzug viel in mir aufgestaut. Bei mir wurde die Überzeugung immer stärker, dass es unglaublicher Unsinn ist, was wir da machen. In den ersten Jahren war es mehr eine Emotion: Nur so ein Gefühl dafür, dass es nicht sinnvoll ist, was wir hier tun. Vieles, was in der JVA geschieht, ist schlicht menschenunwürdig. Jahre später begann ich dann, mich bewusst mit dem System Gefängnis auseinanderzusetzen. Um es besser zu verstehen, habe ich mich in den Bereichen Kriminologie und Psychologie weitergebildet. Dies hat mich letztlich in die Lage versetzt, dass Handeln der verschiedenen Akteure im Strafvollzug in größere Zusammenhänge einzuordnen.

Wie ist der Titel des Buches „Die Schwere der Schuld“ entstanden?

Ich habe das Buch so genannt, nachdem mir klar geworden war, dass ich mich selber schuldig mache, wenn ich weiter dort mitwirke, ohne grundsätzlich etwas verändern zu können. Unter dem Mäntelchen der großen Resozialisierungsidee werden alle möglichen „Maßnahmen“ durchgeführt. Es ist ja auch richtig, dass man nichts unversucht lässt, um Straftäter auf einen guten Weg zu bringen. Das Problem ist nur: Es wird dadurch der Anschein erweckt, dass alles bestens läuft in den Gefängnissen und die Insassen dort wirklich sehr gut resozialisiert werden – genau das ist aber keineswegs der Fall. Für eine Resozialisierung ist ein Gefängnis ein denkbar ungeeigneter Ort, mit all seinen Repressionsmechanismen, die vom Aufstehen bis zum Schlafengehen auf den Gefangenen einwirken, ihn entmündigen und bevormunden. Ich wollte einfach die Karten auf den Tisch legen. Wenn man das nicht tut, macht man sich selbst mitschuldig.

Als ich Sie auf der Buchmesse ganz in schwarz gekleidet sah, musste ich unweigerlich an Johnny Cashs Lied „Man in Black“ denken, das er den Strafgefangenen gewidmet hat. War diese Assoziation richtig?

(lacht) In der Tat! Als ich dort für ein Gespräch zum Stand des nd kam, wurde genau dieses Lied von Johnny Cash gespielt – es war aber reiner Zufall, ich hatte bei der Wahl meiner Garderobe wirklich nicht an Cash gedacht.

Das sächsische Justizministerium schien „not amused“ zu sein, dass sie in der Leipziger JVA lesen wollten, und erteilte Ihnen kurzerhand ein Leseverbot. Mit welcher Begründung?

Ursprünglich war alles abgesprochen und genehmigt. Man wusste Bescheid, dass es sich bei dem Buch nicht um Kritik am sächsischen Vollzug handelt. Mir ging es von Anfang an darum, eine grundsätzliche philosophische Diskussion zum Thema Strafvollzug anzustoßen – das alles war bekannt. Man hat das Ganze auch so akzeptiert und auf dieser Basis die Genehmigung erteilt. Natürlich wollte ich auch dort nicht nur eine Lesung durchführen, sondern zudem mit Gefangenen diskutieren. Dann aber kamen die ersten Medienberichte über mein Vorhaben, und ich denke, dass es dem Justizministerium zu heiß wurde. Vielleicht wollte man auch die Diskussion vermeiden, weil man damit politisch keine Punkte machen konnte. Die Begründung für das Leseverbot lautete, dass man mir in der JVA kein Podium bieten wolle, um Werbung für ein Buch zu machen – was aus meiner Sicht aber Unsinn ist, weil eine Lesung vor 20 Gefangenen und vielleicht fünf Besuchern keine große Werbung ist. Ich kann es aber nachvollziehen, dass man keinen Rummel um das Thema in einer JVA haben wollte.

Ist es Ihnen denn inzwischen möglich gewesen, das Buch vor Gefangenen in anderen Justizvollzugsanstalten in Sachsen oder außerhalb vorzustellen?

Nein. In Bayern war es genauso – dort hatte ich auch Kontakte zu zwei JVA und der dortigen Justizvollzugsschule, die Lesungen waren bereits vereinbart. Dann hat das bayerische Ministerium das Ganze mitbekommen und untersagt. Die wollen dort erst recht nicht diese Diskussion haben, und in anderen Bundesländern habe ich es noch nicht probiert. Hinten herum habe ich gehört, dass man in Bayern keine Lesung aus „vollzugsfeindlichen Schriften“ genehmigen möchte, aber das hat man mir nicht direkt ins Gesicht gesagt. Es entspricht ja auch nicht den Tatsachen.

Ihnen wird der Vorwurf des „Häftlingsverstehers“ gemacht – wie gehen Sie damit um?

Diesen Vorwurf höre ich oft. Ich hätte zu viel Verständnis für die Straftäter und würde angeblich nicht an die Opfer denken. Ich versuche dann klar zu machen, dass es mir nicht darum geht, falsch verstandenes Mitgefühl mit den Tätern zu entwickeln, sondern ich möchte lediglich dazu beitragen, dass Zusammenhänge deutlich und begreifbar werden. Denn ich denke, nur wenn wir soziale Zusammenhänge verstehen, können wir die Kriminalität reduzieren. Und das sollte doch das Hauptziel sein.

Im Zeitalter der einfachen Lösungen ist es doch bestimmt sehr schwer, ein offenes Ohr für die Erklärung komplexer Zusammenhänge zu finden, oder?

Klar – die Mehrheit sagt: Ach schau, jetzt kommt der Verrückte, der die Gefängnisse abschaffen will! Wenn man aber tiefer einsteigt in das Thema, finden fast alle, dass bislang etwas grundsätzlich schief läuft. Die Leute beginnen dann, zu fragen: Warum tut sich nichts in Sachen grundsätzlicher Reform des Strafvollzugswesens? Es ist ja wirklich fragwürdig, dass manche Taten mit Gefängnis bestraft werden – selbst der ehemalige sächsische Justizminister Mackenroth hat in einer Diskussion gesagt, er müsse mir darin recht geben, dass viel zu viele Leute in den Gefängnissen sitzen. Sachen wie Schwarzfahren müssten aus seiner Sicht nicht mit einer Freiheitsstrafe bedroht werden – dieser Konsens geht über Parteigrenzen hinweg.

Einsicht ist das eine – Handeln das andere …

Die Justizministerkonferenz hat bei ihrer letzten Tagung zumindest schon einmal eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit Alternativen zur Haft beschäftigt. Es wird ein sehr langer Prozess werden, um von Haftstrafen wegzukommen. Ein Beginn sollte aber unbedingt bei den Kurzstrafen von ein, zwei Jahren gemacht werden. Diese kosten den Steuerzahler viel und schaden den Tätern und letztlich der Gesellschaft mehr, als sie nutzen – hier wäre es angebrachter, die Täter zu gemeinnütziger Tätigkeit, zum Beispiel zwei Tage in der Woche über einen bestimmten Zeitraum, heranzuziehen. Das würde letztlich allen nützen: der Gesellschaft und den Tätern. In Finnland gibt das schon seit 1991: Gemeinnützige Arbeit als Hauptstrafe.

Kommen wir abschließend noch einmal zu Ihrem Hauptanliegen. Warum gehören die Haftstrafen in den Haftanstalten abgeschafft?

Haftstrafen sind letztlich eine allgemeine Vergeltung, die den Inhaftierten schaden und der Allgemeinheit, weil das gegebene Resozialisierungsversprechen mit Haftstrafen in Gefängnissen nicht eingelöst werden kann. Selbst wenn dort alle Beteiligten guten Willens sind: Das bestehende System lässt es einfach nicht zu. Straftaten müssen und sollen geahndet werden, nur sind die Gefängnisse und Haftstrafen in den meisten Fällen einfach ungeeignet. Es gibt Alternativen in anderen Ländern, die auch bei uns eingeführt werden können.

Sie wollen in Zeithain weiter arbeiten als Gefängnisdirektor?

Was ich voran schicken will: Ich habe durch das Buch keinerlei Repressalien durch meinen Dienstherrn bekommen. Ich habe jetzt von mir aus meine Entlassung aus dem Staatsdienst beantragt. In den letzten Monaten ist mir klar geworden, dass ich guten Gewissens nicht mehr Teil dieses Systems Strafvollzug sein kann. Ich wäre ja auch vollkommen unglaubwürdig, wenn ich gegen das System anschreibe und dann doch damit gutes Geld verdiene. Ich werde nun versuchen, als Rechtsanwalt zu arbeiten. Ein neues Buch von mir wird übrigens nächstes Jahr im Frühjahr erscheinen …