Die Odyssee eines Dresdner Rettungswagens für Kobane

In unserer globalisierten Welt, in der so viel über die Not in anderen Erdteilen berichtet wird, finden sich immer mehr Menschen zusammen, um zu helfen – nicht immer in Hilfsorganisationen, sondern manchmal auch als eher lose Gruppen. Eine, die sich in Dresden gebildet hat, heißt „Dresden hilft Kobane“. Wenn Helfer selbst in Not geraten, ist das tragisch – im Oktober erschien in der Presse ein Hilferuf. Worum es dabei ging, hat Ralf Richter für „Links!“ von der Sprecherin des Projektes, Anja Osiander, erfahren.

Kobane – ist das nicht die japanische Stadt, wo es das Erdbeben gab?, wurde ich kürzlich gefragt. Kobane war Anfang 2015 sehr oft in den Medien. Helfen Sie uns: Wo liegt Kobane und warum will Dresden Kobane helfen?

Kobane ist eine Stadt im türkisch-syrischen Grenzgebiet auf der syrischen Seite. Von dort sind es wenige hundert Meter bis zur Grenze. Die syrisch-türkische Grenze entstammt übrigens einem Abkommen, das zwischen Großbritannien und Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg geschlossen wurde. Damals wurde Syrien geschaffen und so ein kurdisches Siedlungs-gebiet getrennt. Deswegen leben heute auf beiden Seiten der Grenze vor allem Kurden. Sie waren hauptsächlich betroffen, als der IS bis in diese Gegend vorrückte.

Welche Bedeutung hat Kobane?

Kobane ist eine der größten Städte im kurdischen Gebiet auf der syrischen Seite, und es ist die erste Stadt, die der IS nicht erobern konnte, weil der Widerstand der kurdischen Kämpfer so stark war, unterstützt von der amerikanischen Luftwaffe. Die Schlacht um Kobane ereignete sich zwischen Oktober 2014 und Januar 2015. Sie endete mit einem kurdischen Sieg über den IS, der sich danach zurück zog.

Was lässt sich über die Menschen dort sagen?

Da der Bürgerkrieg in Syrien schon drei Jahre angedauert hatte, als der IS mit den Angriffen begann, war die Stadt voller Flüchtlinge. Die sind mit Beginn der Kampfhandlungen auf die türkische Seite der Grenze geflohen. Dort aber waren sie sehr schlecht unterbracht …

Sie werden ja nicht selbst dort gewesen sein, also von wem haben Sie diese Information?

Das weiß ich von Fettah Cetin. Fettah Cetin ist ein Kurde, der seit zwanzig Jahren in Dresden lebt und aus der dortigen Gegend stammt. Jedes Jahr fährt Herr Cetin zum kurdischen Neujahrsfest in seine Heimat. Er besucht das Fest in Diyarbakir, einer Stadt, die etwa 250 Kilometer von Kobane entfernt liegt. Er hat eine Reise genutzt, um in die Grenzregion zu fahren und sich das Leid der Flüchtlinge anzusehen. Anschließend kam er nach Dresden zurück und sagte: Das ist furchtbar, wir müssen da helfen. Fettah Cetin hat Kontakt aufgenommen zur Dresdner Stadtteil-Bürgerinitiative „Pieschen für alle“, in der auch ich engagiert bin, und hat das dort in einer unserer Versammlungen erzählt. Da haben wir beschlossen, den Flüchtlingen dort zu helfen, weil es ja sinnvoller ist, ihnen in der Nähe in der Heimat zu helfen, damit sie nicht noch weiter fliehen müssen. So kam „Dresden hilft Kobane“ zustande.

Wie lief die Gründung genau ab?

Da muss ich etwas ausholen. Es leben ja sehr viele Kurden in Deutschland, nach kurdischen Schätzungen sind die Hälfte aller Türken in Deutschland Kurden. Die meisten haben eigene Vereine gegründet, um ihre Kultur und ihre Anliegen zu vertreten. In Dresden gab es so etwas bislang nicht, obwohl mehrere hundert Kurden und ihre Familien hier leben. Der Angriff auf Kobane hat die Menschen aufgerüttelt, und die Dresdner Kurden haben einen Verein deutsch-kurdischer Begegnungen gegründet. Dann suchten sie ein Vereinsheim und fanden es hier im Stadtteil Pieschen. Die Gruppe begann, sich vorzustellen, zum Beispiel bei in der Bürgersprechstunde einer Stadträtin. So kam der erste Kontakt zustande …

… zwischen einer Vertreterin von „Pieschen für alle“ und dem neu gegründeten Verein für deutsch-kurdische Begegnungen. Jetzt müssen Sie uns noch verraten, was es mit „Pieschen für alle“ auf sich hat.

„Pieschen für alle“ ist entstanden aus dem Stadtteil-Verein Pro Pieschen, den es schon seit über zwanzig Jahren gibt und der ein soziokulturelles Netzwerk hier im Stadtteil bildet. Als aber die PEGIDA-Demonstrationen bundesweite Aufmerksamkeit erzielten, haben wir uns gesagt: Wir wollen nicht brüllen, sondern reden, und haben einen Aufruf gestartet, der nannte sich „Pieschen für alle“. Im Laufe der Zeit hat sich daraus eine Flüchtlingshilfsinitiative entwickelt. „Pieschen für alle“ war aber immer gedacht als ein Forum für Diskussionen darüber, wie wir im Stadtteil miteinander auskommen können. Da passten die Kurden mit ihrem Anliegen sehr gut hinein.

Es muss aber auch menschlich stimmen …

Es gab gegenseitige Sympathien. Fettah Cetin ist in meinen Augen ein sehr integrer, zupackender Mensch. Und als er sagte, dass wir in Kobane helfen müssen, fand ich das auch. Da haben wir beide angefangen, uns Gedanken zu machen, es kamen andere hinzu. Es ist aber bis heute nur ein loser Zusammenschluss mit einer Netzseite. Wir agieren unter dem Dach des Vereins deutsch-kurdischer Begegnungen, sind aber selber nur eine kleine Gruppe.

Wer engagiert sich besonders in Pieschen für alle?

Obwohl Pieschen sehr bunt ist, hat sich heraus kristallisiert, dass sich besonders Frauen und da wiederum besonders ältere Frauen – und zwar Lehrerinnen – engagieren.

Wie kam es zur Rettungswagen-Idee?

Einer der Kurden traf sich in Diyarbakir mit Personen von der Regionalverwaltung, die dort sich um die Flüchtlinge kümmern. Die machten dann den Vorschlag: schickt einen Rettungswagen!

Woraufhin „Dresden hilft Kobane“ Spenden sammelte und da auch besonders eine Schule, das Pestalozzi-Gymnasium in Dresden-Trachenberge, aktiv wurde.

Ab August 2015 haben wir uns auf den Rettungswagen konzentriert. Ich hatte mir das viel einfacher vorgestellt, und vor allen Dingen war mir nicht klar, wie teuer so ein Wagen ist. Wir haben dann ein Jahr gebraucht, um 17.000 Euro für das Fahrzeug zusammen zu bekommen. Ganz wichtig war für uns das Gymnasium, was die Motivation zum Spendensammeln betraf, denn die Spenden kamen erst sehr zögerlich und in sehr kleinen Beträgen. Bis eine Lehrerin die Idee hatte: Wir sammeln in der Schule! Sie gewann dafür die Unterstützung der Vorsitzenden des Elternvereins, woraus die Kampagne entstand: Jeder Schüler gibt einen Euro. Tat-sächlich haben manche Schüler oder Eltern auch mehr gegeben. Damit hatten wir plötzlich auf einen Schlag über eintausend Euro. Deshalb sind wir, bevor wir mit dem Rettungswagen Richtung Kobane aufbrachen, am Gymnasium vorgefahren und haben uns bedankt.

Sie waren schon auf einem guten Weg. Aber dann kamen die schweren Turbulenzen. Wieso kam der Wagen nicht nach Kobane?

Ab Januar dieses Jahres war die Grenze zwischen Syrien und der Türkei im Raum Kobane komplett dicht – Hilfe funktionierte nur noch über Schmugglerwege im Nordirak, aber dieses Risiko wollten wir nicht eingehen. Wir haben den Spendern also vermittelt, dass wir den syrischen Flüchtlingen im Raum Diyarbakir helfen wollen. Wir wollten der Regionalregierung in Diyarbakir den Rettungswagen übergeben, allerdings hatte es inzwischen einen Putsch in der Türkei gegeben. Und wir hatten den Eindruck, dass die gesamte Verwaltung der Regionalregierung nun nicht mehr in unserer Angelegenheit handlungsfähig war, zumal ja auch viele Kurden als Putschisten verdächtigt wurden. Die bisherige gute Beziehung zwischen dem Gesundheitsministerium in Ankara und dem Gesundheitsamt in Diyarbakir war offenbar obsolet geworden. Damit hing unsere gesamte Aktion am berühmten seidenen Faden …

Eine ziemlich spannende Sache – sie endet aber doch noch mit einem zumindest halbem Happy End, nicht wahr?

Das halbe Happy End ist zu einem Teil einem Idomeni-Aktivisten zu verdanken, der Flüchtlingshilfe für Griechenland organisierte. Denn die Flüchtlinge, die von Idomeni aus in Griechenland in verschiedene Lager verteilt wurden, leben dort auch unter sehr schlechten Bedingungen. Besonders aktiv ist ein Ehepaar aus Hamburg, das vor acht Jahren nach Griechenland ausgewandert ist. Dieses Paar organisiert nun von seinem Privathaus in Thessaloniki aus die Unterstützung für die Idomeni-Evakuierten in Form einer mobilen Hilfe. Das Ganze nennt sich „Doc Mobile“ und ist seit September ein eingetragener Verein. Der Idomeni-Aktivist kannte das Paar, und so haben wir diesem Verein jetzt unseren Rettungswagen übergeben. Der Wagen wird also Ärzte und Sanitäter aus der ganzen Welt zu den verschiedenen Camps auf dem griechischen Festland transportieren, damit sie dort helfen können.