Die Kraft einer Utopie

von Prof. Dr. Kurt Schneider

Es ist ein erstaunliches Buch. Sein Autor, Manfred Lütz, ist kein Historiker und kein Politologe, sondern ein Mann der Wirtschaft, wie er sich selbst bezeichnet. Heute ist er als Rentner noch mit einigen einstigen beruflichen Aufgaben befasst. Sein Buch ist kein Schnellschuss, kein Resultat flüchtiger Überlegungen, sondern das Ergebnis einer nahezu 20jährigen akribischen Arbeit, die, in vier Teile gegliedert, insgesamt 29 Kapitel umfasst und ohne wissenschaftliche Betreuung entstand.

Lütz lässt sich „im Nachhinein und mit größerem Abstand betrachtet” von der Ansicht leiten, „dass wir im Osten ein Stück Zukunft erlebt haben; in Form einer frühgeschichtlichen Revolution”. Das wird nicht schlechthin behauptet, sondern anhand der Realität des Geschichtsprozesses belegt. Fehler und Mängel werden benannt, Ursachen für die Niederlage der sozialistischen DDR, für den Sieg der kapitalistischen BRD verdeutlicht.

Lütz war nicht bestrebt, seine Darstellung als eine theoretische Arbeit abzufassen. Es war nicht seine Absicht, in die geschichtswissenschaftliche Debatte einzugreifen. Für ihn sind nicht die Fachwissenschaftler, Historiker und Politologen die Adressaten seines Buches. „Das Buch ist speziell für Menschen gedacht”, schreibt er, „die gern etwas darüber erfahren möchten, bisher aber nur ,anderes‘ gehört haben“. In diesem Sinne ist er bemüht, eine an deutscher Zeitgeschichte interessierte Leserschaft, die bisher mehr oder weniger nur die des Zeitgeistes kennt, anzusprechen, mit ihr in einen indirekten Dialog zu kommen. „Ich kann nur raten”, empfiehlt er dem Leser, „das Buch nicht wie einen Roman lesen zu wollen, sondern nach jedem Kapitel kurz zu unterbrechen und zu überlegen, ob das richtig sein könnte, was ich geschrieben habe, und manches noch einmal zu lesen“. Dem dient eine lebensnahe Darstellung, die an die Erfahrungen der Menschen anknüpft und bemüht ist, marxistische Theorie zu vermitteln.

Lütz versucht nachzuweisen, dass zwar der „reale Sozialismus“ in Europa gescheitert ist, aber bei weitem nicht die sozialistische Idee. Er teilt die Auffassung von Marion Gräfin Dönhoff, die bereits vor Jahren in der Hamburger Zeitung „Die Zeit“ schrieb: „Die Niederlage des Marxismus bedeutet nicht den Triumph des Kapitalismus. Gescheitert ist er als wirtschaftliches System, nicht aber als Utopie, als Summe uralter Menschheitsideale: soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Freiheit für die Unterdrückten, Hilfe für die Schwachen. Damit ist er unvergänglich.“ Diese Utopie wird, davon ist Lütz überzeugt, früher oder später zur Realität werden.

163 Fußnoten, viele inhaltlich abgefasst, zeugen von dem Bemühen des Autors um eine akzeptable Quellen- und Literaturbasis. Dennoch vermisst man ganzheitliche Darstellungen zur Geschichte der DDR.

Lütz, Manfred: Die „Superaktiengesellschaft”. GNN Verlag, Schkeuditz 2016, 272 Seiten, 14,00 Euro. ISBN 978-3-89819-415-0