„Volkes Lied und Vater Staat“

Das erste allumfassende Buch über die DDR-Folkszene

von Jens-Paul Wollenberg

Wie groß war die Freude, als ich von einer guten Bekannten des Musikjournalisten Wolfgang Leyn erfuhr, dass seine Publikation über die DDR-Folkbewegung von 1976-1990 erscheinen sollte! Mir war schon damals klar, dass gerade dieser Autor kompetent genug schien, sich mit jener beinah in Vergessenheit geratenen Szene auseinanderzusetzen, zumal er von den Anfängen an aktiv in ihr mitmischte. Als Student gründete er mit Gleichgesinnten die Formation „Folkländer“ und wirkte später auch als Organisator, Moderater und Programmgestalter für Folkfeste bzw. Werkstätten. Er kümmerte sich um Nachwuchsförderung und ist bis zum jetzigen Zeitpunkt beim Rundfunk beschäftigt.

Die Idee für eine längst überfällige Dokumentation im Buchformat kam ihm wohl schon 1997 in den Sinn, als er mit dem Leipziger Sänger und Grafiker Jürgen B. Wolff (einst charismatischer Frontmann der „Folkländer“, heute „Duo Sinnenschirm“ mit Dieter Beckert) die Ausstellung „Die frühen Jahre der DDR-Folkszene“ mir reichhaltigem Archivmaterial wie Fotografien, Plakaten, Interviews, Stasiakten und Biografien zusammenstellte. Sie wurde in mehreren Städten, die einst als „Hochburgen“ jener eigenwilligen Bewegung bezeichnet wurden, präsentiert.

Das Buch erschien pünktlich zur Eröffnung des Rudolstadt-Festivals im Juli 2016 und trägt den vielversprechenden Titel „Volkes Lied und Vater Staat“. Wolfgang Leyn gelingt ein vielschichtiges Werk, das nicht nur Insider und folkbesessene Leser erreicht Es ist spannend, ja auch unterhaltsam in einer sachlich verständlichem Sprache erzählt und beleuchtet sehr eindringlich den Werdegang unterschiedlicher Bandentwicklungen: etwa die der damals angesagten Gruppen „Wacholder“ aus Cottbus, „Brummtopf“ aus Erfurt, „Notentritt“ aus Halle, um nur einige zu nennen, die der Autor in Form von Interviews, die er mit den Protagonisten führte, zu Wort kommen lässt. Die Gespräche führte er zwischen 1996 und 2015 mit Volkhard Brock, Klaus „Eumel“ Jorke (beide „Notentritt“), Matthias Kießling („Wacholder“), Stephan Krawczyk (damals „Liedehrlich“, jetzt Liedermacher und Buchautor), Reiner Luber („Brummtopf“), Manfred Wagenbreth („Folkländer“, später „Sieben Leben“), Andy Wieczorek („Polkartoffel“, „Jams“, „Gundermanns Seilschaft“), Jürgen B. Wolff („Folkländer“, „Der Sonnenschirm“) und mit meiner Wenigkeit („Münzenberger Gevattern Kombo“, jetzt „Pojechaly“), sowie mit anderen Vertretern des Genres, die leider nicht im Buch vertreten sind.

Wenn der Leser die Resultate der Interviews zusammenfasst, wird ihm deutlich, unter welch teilweise recht abenteuerlichen Umständen sich die Wegbereiter mit den staatlichen Kulturbehörden herumschlagen mussten, um Anerkennung zu erlangen, welche Steinen ihnen in den Weg geworfen wurden, um autonome Kreativität zu verhindern. Viel zu suspekt erschien die Eigenwilligkeit einer Kulturströmung, die quasi ganz plötzlich wie von selbst aus dem Boden spross. Den Funktionären war schon bewusst, dass es den „Folkies“ aufgrund ihrer zunehmenden Popularität zuzutrauen war, die Rolle der staatlich geförderten FDJ-Singebewegung zu mindern, die spätestens Ende der Siebziger ihren Höhepunkt an Nichtigkeit erreichte. (Viele Folkgruppen entwickelten sich übrigens aus der Singebewegung, andere auch aus oppositionellen Kirchenkreisen. Unerwähnt im Buch bleiben aber jene, die ohne jegliche Konfession ganz privat zusammenfanden.)

Dann schaltete sich das Ministerium für Staatssicherheit ein, und nicht nur eine einzige Band geriet in ihr Visier. Auftrittsverbote wurden erteilt, Beschattungen waren die Folge, doch die Szene ließ sich nicht unterkriegen. Auch dieses Thema findet im Buch große Resonanz.

Bereichert wird das Werk durch den Co-Autor Reinhardt „Pfeffi“ Ständer, der einst Klubhausleiter in Hoyerswerda war und heute das Gundermann-Archiv behutsam betreut. Seine umfangreichen Recherchen, archivierte er im Laufe seiner jahrzehntelangen intensiven Beschäftigung mit der DDR-Folkszene.

Ein weiterer Co-Autor lieferte Beiträge über den Umgang mit den begehrten Dudelsäcken. Ralf Gehler, selbst ein Virtuose auf diesem anarchisch anmutenden Instrument, berichtet im Kapitel „Das Fahrrad neu erfinden – Dudelsackspiel und Dudelsackbau“, dass der Dudelsack bereits in den Siebzigern eine wesentliche Rolle in der Szene spielte. Da jedoch schottische oder irische Instrumente in der DDR kaum käuflich zu erwerben waren, besann man sich auf die sozialistischen Bruderländer, in denen das Dudelsackspiel in ländlicher Volksmusik noch präsent war, wie beispielsweise in Bulgarien oder in der nähergelegenen CSSR. Dort bestand die Möglichkeit, an die begehrenswerten Sackpfeifen zu gelangen. Oder man baute sie eben selbst. Da beschreibt Gehler sehr unterhaltsam, mit welchem Geschick und mit welcher Raffinesse die neuen Dudelsackkonstrukteure dieses Instrument spielbar machten.

Eine ebenfalls wichtige Rolle im Buch spielt die Wiederbelebung des Volkstanzes als rebellische Antwort auf die Kommerzialisierung der an den achtziger Jahren aufkommenden Disko-Welle. Alte, oft schon vergessene Dorftänze wie Ländler oder Zwiefacher wurden von Folkgruppen gesammelt, geprobt, einstudiert und instrumental umgesetzt. Dazu wurde, oft unter Anleitung eines Tanzmeisters bzw. einer Tanzmeisterin, munter getanzt. „Was machen denn die Gammler jetzt?“, wunderten sich etliche in die Jahre gekommene Klubhausleiter oder Kulturfunktionäre. „Das sind doch dieselben, die eben noch Rock’n’Roll hotteten!“. Es war schon amüsant, anzusehen, wie sich Langhaarige in Jens und Fleischerhemden im Reigen drehten oder sich der Polka hingaben. Die Folktanzbewegung wurde übrigens hauptsächlich aus Ungarn importiert, wo das sogenannte Tanzhaus (Tanczas) von sich reden machte. Ungarn hatte eine wichtige Folkszene, weil sich in diesem Land eine sehr intensive Rückbesinnung auf die ländliche Volksmusik etablierte. Außerdem, auch das kommt im Buch zur Sprache, gingen den Folkies nach und nach die Texte aus. Feldforschung war so gut wie abgeschlossen, die Quellen ausgeschöpft, besonders die aus der sogenannten „Folk-Bible“ (Gemeint waren die beiden Bände von Wolfgang Steinitz aus den Jahren 1954 und 1962, „Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten“). Einige Gruppen spielten hernach nur noch instrumental zum Folktanz, andere, z. B. „Notentrott“ aus Halle, wandten sich dem musikalischen Kabarett zu. Jürgen B. Wolff gründete zusammen mit dem Liedermacher Dieter Beckert das „Duo Sonnenschirm“ und kreierte den Begriff „Brachial-Romantik“. Wieder andere versuchten sich im Bereich von Lied und Chanson oder mittelalterlicher Musik.

„Volkes Lied und Vater Staat“ von Wolfgang Leyn besteht aus mehreren Kapiteln, die sehr übersichtlich gegliedert sind und einen Gesamteindruck über die DDR-Geschichte liefern, nicht nur in kultureller Hinsicht. Ich könnte mir vorstellen, dieses Werk auch in pädagogischen Einrichtungen zu präsentieren, zum Beispiel im Geschichtsunterricht, da hier Nischen beleuchtete werden, die es in diesem ganz speziellen Format in keiner anderen Enzyklopädie gibt, die sich mit DDR-Historie auseinandersetzt. Nicht zuletzt war diese Folk-Bewegung Nährboden unter anderem für die politische Wende im Land.

Dem Buch ist übrigens eine sehr hörenswerte CD beigelegt, die die Vielfalt der Folkgruppen dokumentiert. Es handelt sich um privat aufgenommene Konzertmitschnitte, Aufnahmen des DDR-Rundfunks und AMIGA sowie Neueinspielungen älteren Materials. Erschienen ist das Buch im Ch. Links Verlag. Es hat 378 Seiten, inklusive der CD mit je einem Song von zwanzig Folkgruppen. Es lohnt sich sehr, dafür 35 Euro zu investieren!

Bandportraits, Chronik und ein Szenelexikon sind auch online nachzulesen: www.folkszene-ddr.de