„Ich war, ich bin, ich werde sein!“

Rosa-Luxemburg-Stiftung offenbart brennende Aktualität ihrer Namenspatronin für Strategie und Taktik der heutigen Linkssozialisten

von Wulf Skaun

Hat uns Rosa Luxemburg noch etwas zu sagen? Ihre Revolutionsprophetie „Ich war, ich bin, ich werde sein!“ hätte, für sie selbst und ihr Werk genommen, als Antwort getaugt und leitmotivisch über dem Kolloquium am 1. September 2016 in der nach ihr benannten Stiftung am Berliner Franz-Mehring-Platz stehen können. Denn die, auch von roten Widersachern, bereits zu Lebzeiten desavouierte marxistische Theoretikerin bietet mit atemberaubenden sozialökonomischen Prognosen noch 100 Jahre später vielfältig opportunes Rüstzeug für modernes linksdemokratisches Denken und Agieren. Das Generalthema des Kolloquiums hieß offiziell „Rosa Luxemburg ante portas. Vom Leben Rosa Luxemburgs nach ihrem Tode“. Auch das ging freilich völlig in Ordnung. Rosa total. Rosa radikal. Rosa genial.

Den aktuellen Anlass der Veranstaltung boten zwei Jubiläen: Band 20 der Edition „Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus“, bekannt als Rote Reihe des Karl Dietz Verlages Berlin, und der 70. Geburtstag ihres Begründers, des Leipziger Historikers Klaus Kinner. Das nd vom 9. September 2016 hat über die zehn Referenten und ihre „Luxemburg“-Beiträge berichtet. Hier sollen jene zwei reflektiert werden, die den innovativ-kühnen Forschergeist der Revolutionärin und dessen unverminderte Strahlkraft für die entschiedene Linke, ihre natürlichen Erben, am deutlichsten manifestieren.

Der Leipziger Philosoph Volker Caysa begründete, dass und warum die landläufige Interpretation von Luxemburgs Demokratieauffassung notwendig einer Erweiterung bedürfe. Seiner Ansicht nach basiere ihr Demokratieverständnis „in der Rücksichtnahme auf die Volksstimmung und die Gewährung öffentlicher Freiheit“. Nur so scheine es ihm möglich, den Antagonismus zwischen ökonomisch-funktionaler Ratio der politischen Elite und den stimmungsgeladenen Energien der Massen zu überwinden. Caysa monierte, dass Luxemburgs berühmte These „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ verkürzt wahrgenommen werde. Nach der textkritischen Edition der Breslauer Gefängnismanuskripte zur Russischen Revolution, von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus initiiert und 2001 in Leipzig erschienen, müsse es richtig heißen: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern“. Er wies die Auffassung zurück, die Anfügung „sich zu äußern“ schränke den Luxemburgischen Freiheitsbegriff ein oder sei gar eine verfälschende Belanglosigkeit. Denn hier ginge es nicht „nur“ um Meinungsfreiheit, sondern um öffentliche Freiheit, also um einen semantischen Unterschied ersten Grades. Es gäbe keine Handlungsfreiheit ohne öffentliche Freiheit. „Der demokratischen Sozialistin Rosa Luxemburg geht es also nicht nur um das Verhältnis von Sozialismus und Demokratie, sondern auch um das von Sozialismus und Freiheit“. Dies erweitere die Sozialismusauffassung grundlegend. „Ein demokratischer Sozialismus ist nach der Idee von Rosa Luxemburg ein freiheitlicher Sozialismus, und der freiheitliche Sozialismus ist Bedingung für einen demokratischen Sozialismus“. Marx habe erkannt, dass der Kapitalismus an der sozialen Frage scheitern könnte. „Rosa Luxemburg erkannte in der Auseinandersetzung mit Lenin, dass der Sozialismus an der Frage der Garantie von Demokratie und Freiheit scheitern könnte“, so Caysa.

Der Berliner Philosoph Michael Brie interpretierte Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie, die das orthodox-marxistische Verständnis sprengte, als Ausgangspunkt einer radikalen Reformulierung der Kapitalismuskritik. Das Dogma von einst, alles werde durchkapitalisiert, löse sich in der Erkenntnis auf, wonach sich der Kapitalismus langfristig nur über Nichtkapitalistisches reproduzieren könne. Luxemburg habe den Kapitalismus nicht einseitig als Profit- und Ausbeutungssystem, sondern auch als Zivilisationsmodell begriffen. „Im Unterschied zu Marx wählte sie als Prämisse ihrer Idee über die Akkumulation des Kapitals nicht die Ware als Elementarform des Reichtums, sondern die Erhaltung der Gesamtgesellschaft. „Sie fragt vom Ganzen der Gesellschaft her und untersucht die Bedrohungen, denen dieses Ganze und vor allem seine schwächsten Glieder durch die Kapitalakkumulation ausgesetzt sind“, erklärte Brie. Für sie seien es immer Zivilisationen, die sich „reproduzieren“, und nicht nur technologische und ökonomische Verhältnisse. Marx habe nur die „eine Seite“ dieser Akkumulation, die zwischen Kapital und Arbeit zur Mehrung des Mehrwerts, betrachtet. Die andere vollziehe sich nach Luxemburg zwischen dem Kapital und allen nichtkapitalistischen Produktionsformen. Damit verändere sich auch der Blick auf den Sozialismus. Er sei nicht als bloßes Industriesystem in den Händen der Arbeiterklasse zu denken, sondern als Beginn einer neuen, „höheren“ Zivilisation: mit Produktion für die wirklichen Bedürfnisse aller Gesellschaftsmitglieder, demokratischer Selbstbestimmung der Produzenten und direkter Demokratie.

Luxemburgs Ideen, das machten Caysas und Bries Überlegungen deutlich, sind lebendiger und also wirkmächtiger denn je. Sie orientieren auf ein gewandeltes Bild von Kapitalismus und Sozialismus, von Sozialismus im 21. Jahrhundert und auf die strategische Aufgabe für die heutige demokratische Linke.