Das Band regiert

von Christian Rother

Ende 2015 verkündete Amazon Leipzig stolz, dass der Mutterkonzern ca. eine Million Euro in den Standort Leipzig investiere. Dieses Geld wollte die Standortleitung nutzen, um eine neue Förderbandanlage zu bauen. Damit würden sich aber auch einige Arbeitsprozesse grundlegend verändern.

Zu Beginn dieses Jahres lud das Management des Standortes die betreffenden Abteilungen zu Informationsveranstaltungen ein. Dort konnten die Mitarbeiter Fragen zum Arbeitsablauf stellen, sie nutzten die Gelegenheit aber auch, um Bedenken zu äußern. Eines war beispielsweise, dass durch den veränderten Arbeitsablauf ein höherer Aufwand für den einzelnen Mitarbeiter anfällt. Im Klartext heißt das, dass der einzelne Mitarbeiter mehr laufen muss. Diese Befürchtung wollte das Management mit dem Argument zerstreuen, dass das eingeplant sei und aus diesem Grund mehr Mitarbeiter eingestellt werden würden.

Die Bandanlage wurde im Laufe des Jahres fertiggestellt und ans Laufen gebracht. Daraufhin wurden seitens des Managements Beobachtungen und Auswertungen zur Produktivität gemacht. Diese sollten in den Mitarbeitermeetings kommuniziert werden. Die Schlussfolgerung aus der Auswertung, sowie die Ansage des Managers selbst, brachten einen riesigen Unmut in die Belegschaft.
Die Aussage des Managers lautete sinngemäß wie folgt: Mit dem Bau der Bandanlage wurde eine Produktivitätssteigerung von 35 % angestrebt, amortisieren würde sie sich bei einer Produktivitätssteigerung von 15 %. Die Produktivität sei aber um 4 % gesunken. Das lohne sich nicht. Der Grund dafür ist, dass die Beschäftigten stets zu früh in die Pause gehen würden. Außerdem sinke die Produktivität in der letzten Stunde vor Feierabend dramatisch. Wenn sich das nicht ändere, könnte Amazon das als Grund sehen, den Standort zu schließen.

Einige Mitarbeiter wollten das nicht auf sich sitzen lassen und stellten den Manager zur Rede. Dieser behauptete dann, das so nie gesagt zu haben. Der Unmut war jedoch am ganzen Standort, in allen Abteilungen zu spüren. Aus diesem Grund versuchte man in den anderen Abteilungen, etwas zu schlichten und behauptete zum Beispiel, dass diese Aussage nie getroffen worden sei. In anderen Meetings gab es die Aussage, dass der Manager die Aussage zurückgenommen und sich entschuldigt habe. Das entspricht aber nicht der Wahrheit.

Konsequenzen gab es für die Mitarbeiter von Amazon bereits. Es kommt zu verstärkten Kontrollen zur Pause, und in der letzten Arbeitsstunde gibt es massive Arbeitsbereichskontrollen seitens des Managements. Letzteres bedeutet, dass Manager durch die Hallen laufen und gezielt Mitarbeiter ansprechen, die scheinbar unproduktiv sind. Hier stellt sich die Frage, warum diejenigen Manager nicht selbst einmal produktiv sind und mit anpacken, anstatt nur im Hintergrund zu stehen, zu überwachen und gegebenenfalls zu drohen.

Ebenfalls bedenklich ist die Tatsache, dass es Informationsveranstaltungen gibt, in denen sich engagierte Mitarbeiter bemühen, Probleme aufzuzeigen, um Lösungsvorschläge zu erarbeiten, an welche die Manager nicht gedacht haben. Stattdessen wird die Schuld denen gegeben, die sich am wenigsten dagegen wehren können, und gleichzeitig noch weitere Vorwürfe erhoben. Schade, dass ein Weltkonzern nicht versteht, dass man mit seinen Angestellten arbeiten sollte und nicht gegen sie.