Brennendes Geheimnis

von Volker Külow

Zahlreiche Historiker, insbesondere solche westdeutscher Herkunft, hielten das Thema für abgehakt. Doch jetzt bekommt einer der wichtigsten politischen Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts wieder erhöhten Aufmerksamkeitswert. Es geht um die Brandstiftung im Berliner Reichstag am 27. Februar 1933, die von den Nazis zum Vorwand genommen wurde, die verfassungsmäßigen Grundrechte per Notverordnung außer Kraft zu setzen. Die Mär vom vermeintlichen Einzeltäter, dem holländischen Maurer Marinus van der Lubbe, setzte das von Rudolf Augstein herausgegebene Magazin „DER SPIEGEL“ in den Jahren 1959 und 1960 in die Welt. Über die vielteilige Artikelserie des bis dahin unbekannten Autors Fritz Tobias urteilte Augstein: „Über den Reichstagsbrand wird nach dieser ,Spiegel‘-Serie nicht mehr gestritten werden“. Mit dieser apodiktischen Feststellung gelang es Augstein tatsächlich, die Version vom alleinigen Täter van der Lubbe in der bundesdeutschen Historiographie fest zu verankern. Die wissenschaftliche Weihe verlieh dieser kühnen These bald darauf der Historiker Hans Mommsen, seinerzeit Angestellter des Instituts für Zeitgeschichte in München.

Als die Behauptung vom alleinigen Brandstifter in Umlauf kam, ging es geradezu kriminell zu. Das entnehmen wir jetzt detailgenau dem Buch „Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens“, das nunmehr in deutscher Übersetzung vorliegt. Der US-amerikanische Historiker Benjamin Carter Hett, Professor an der City University of New York, hat sich darin dem Thema unbefangen genähert und überraschende Sichten auf Bekanntes entwickelt, vor allem aber viel bisher Unbekanntes herausgefunden. Letzteres betrifft vor allem die Methoden von Fritz Tobias und die Hintergründe sowie Zusammenhänge seines umtriebigen Wirkens. Tobias, der sich gern als „Hobbyhistoriker“ darstellen ließ, fungierte als leitender Beamter im Verfassungsschutz Niedersachsens. Seine Aktivitäten in Sachen Reichstagsbrand entwickelte er allerdings nicht im Nebenberuf. Hett sieht den Schlüssel für Tobias‘ Rolle vielmehr darin, „daß er ein Angehöriger des westdeutschen Inlandsgeheimdienstes war“.

Mit diesem Ausgangspunkt entlarvt der Autor nicht nur die gravierenden Schwächen der Einzeltäterthese, sondern auch welche enorme Deutungsmacht die NS-Seilschaften noch lange nach 1945 hatten. Das Buch ist eine beeindruckende geschichtswissenschaftliche Leistung, die mit umfangreichen, teilweise sensationellen Enthüllungen aufwartet. Dazu zählt die Unterschlagung von Beweismaterial durch Tobias, wie eines Briefs von Ex-Gestapo-Chef Rudolf Diels, der den ehemaligen SA-Führer und Spezialisten für den Einsatz selbstentzündlicher Stoffe Hans Georg Gewehr für „den Haupttäter bei der Reichstagsbrandstiftung“ hielt.

Benjamin Carter Hett: Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens. Aus dem Englischen von Karin Hielscher. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016, 633 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 9783498030292