Verpflichtende Geschichte

von Jochen Mattern

Geschichte ist in Sachsen seit dem Beginn des Schuljahres 2016/2017 wieder ein „verpflichtendes“ Unterrichtsfach für alle Schülerinnen und Schüler. Bislang hatten die Zehntklässler in der Oberschule, der vormaligen Mittelschule, zwischen Geografie und Geschichte wählen können. Die Regelung stammte aus dem Jahr 2006. Von der Möglichkeit zur Abwahl eines Unterrichtsfaches versprach sich die damalige Landesregierung aus CDU und SPD eine Entlastung der Schülerinnen und -schüler von unnötigem Wissen. Nach Angaben aus dem Kultusministerium hatten zuletzt 6.541 von insgesamt 12.975 Schülerinnen und Schülern das Fach Geschichte in Klasse zehn abgewählt. Eine Dekade später kehrt Sachsen, abermals unter einer Regierung aus CDU und SPD, zur alten Regelung zurück. Fortan absolvieren die Schülerinnen und Schüler im Realschulbildungsgang der Oberschule wieder beide Fächer: Geografie und Geschichte. Das hat für sie zwei Unterrichtsstunden mehr zur Folge. Als Ausgleich für den zusätzlichen Unterricht bleibt ihnen der Vertiefungskurs Wirtschaft erspart.

Die Wiedereinführung eines verpflichtenden Geschichtsunterrichts in Klasse zehn der Oberschule ist Teil einer verstärkten Förderung von politischer Bildung, mit der die sächsische Landesregierung auf den anhaltenden Unmut in der Bevölkerung reagiert. Als Ursache für die Unzufriedenheit mit der Politik im Freistaat haben Regierungspolitiker eine „mangelnde Identifikation mit der parlamentarischen Demokratie“ ausgemacht, die wiederum auf eine „mangelnde politische Bildung und Bindung“ zurückzuführen sei. Von einer Aufwertung des Geschichtsunterrichts versprechen sich die Koalitionäre, den Mangel an politischer „Bildung und Bindung“ in der Bevölkerung beheben zu können. Eine „umfassende Behandlung“ der Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Schule, so der sächsische Ministerpräsident, habe den Jugendlichen „den Unterschied zwischen Freiheit und Demokratie auf der einen Seite und Totalitarismus und Diktatur auf der anderen Seite“ bewusst zu machen und so eine positive Haltung zur sächsischen Demokratie zu befördern.

Als verpflichtend will auch die AfD den Geschichtsunterricht verstanden wissen. Anders als CDU und SPD plädiert die Partei jedoch für eine intensivere Behandlung des 19. Jahrhunderts in der Schule. Zur Begründung heißt es im Programm der AfD zur Landtagswahl in Sachsen 2014: „Wir wollen einen deutlichen Schwerpunkt auf das 19. Jahrhundert und die Befreiungskriege gesetzt wissen. Die Grundlagen unseres Staates wurden in den Jahren 1813, 1848 und 1871 gelegt. Unsere Nationalsymbole sollen im Unterricht erklärt werden. Das Absingen der Nationalhymne bei feierlichen Anlässen soll wie in den USA selbstverständlich sein“. (Am Rande sei vermerkt, dass der Plural Befreiungskriege sich nur auf den antinapoleonischen Befreiungskampf beziehen kann, denn weder die Revolution von 1848 noch der Krieg gegen Frankreich 1871 sind Befreiungskriege gewesen.)

Das Interesse der Parteien für die schulische Auseinandersetzung mit Geschichte zeugt von einem Funktionswandel des Geschichtsunterrichts: Er dient (wieder) der Legitimation aktuellen politischen Handelns. Geschichte, die nach Auschwitz eine gesellschaftskritische Funktion ausübte, gerät unter parteipolitischem Einfluss wieder zu einer positiven Bezugsquelle für die Politik. Schülerinnen und Schüler, heißt es bei der AfD, sollen auf „ein positives Identitätsgefühl“ – ein nationalstaatliches – verpflichtet werden. Gegen einen Geschichtsunterricht als „ein Mittel der Nationsbildung“ hat die sächsische Union gewiss nichts einzuwenden. Das dokumentieren ihre Beschlüsse auf vergangenen Parteitagen. Wenn die Landesregierung im Unterschied zur AfD den Akzent auf eine „umfassende Behandlung“ des 20. Jahrhunderts in der zehnten Klasse der Oberschule setzt, dann geschieht das aus aktuellen Gründen: Mittels des Kontrastes zu totalitären Herrschaftsformen, zu denen die Landesregierung auch die DDR zählt, sollen die „Bindungskräfte“ der Jugendlichen zur staatlichen Ordnung in Sachsen gefestigt werden.

Auf die soziale Spaltung und den Rechtsruck in der Gesellschaft antworten die konservativen politischen Kräfte hierzulande in ihrer typischen Manier: nicht mit einer Politik sozialer Gerechtigkeit, sondern mit vermehrten erzieherischen Anstrengungen und Appellen an die Moral und das Gemeinschaftsgefühl der Bürgerinnen und Bürger. Hier ordnet sich der Geschichtsunterricht ein: Er ist erzieherischer Bestandteil einer Identitätspolitik, die danach trachtet, Anderen bzw. Fremden stabil abzugrenzen.