Leipziger politische Opfer (1933-1945)

von Kurt Schneider

Als der Leipziger Historiker Dr. Dieter Kürschner 2013 verstarb, befand sich in seinem Nachlass ein Arbeitsmanuskript mit dem Thema „Leipziger politische Opfer des Nationalsozialismus 1933 – 1945“. Es war ein Fundus, der nicht nur für die regionale Geschichtsschreibung von Bedeutung ist. Indem Dr. Manfred Hötzel und Frank Kümmerle, unterstützt von fünf Leipziger Antifaschisten, das Manuskript zur Druckreife bearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, hat Dieter Kürschner die verdiente öffentliche Anerkennung erfahren.

Kürschner, bis 1990 Oberstleutnant der NVA, war langjährig auf vielfaltige Weise mit der Bewahrung des Andenkens an die Opfer der faschistischen Gewaltherrschaft befasst, wovon zahlreiche von ihm verfasste Publikationen zeugen. Zu erinnern ist an seine Berufung Anfang der 1990er Jahre als sachkundiger Bürger in die Kommission Straßenum- und Neubenennung des Leipziger Stadtrates. Hierüber heißt es im Vorspann der Herausgeber: „Mit großem Einsatz verteidigte Kürschner nach Antifaschisten benannte Straßennamen. Manche bilderstürmische Attacke auf Straßennamen aus der DDR konnte er, gestützt auf große Sachkenntnis, mit Ruhe und gelegentlich auch Ironie, abwehren, aber auch vertretbare Kompromisse eingehen“. In den Jahren danach war Kürschner Mitglied der Arbeitsgruppe Gedenkbuch, gebildet auf Beschluss des Rates der Stadt Leipzig vom 13. September 2000: Sie hatte die Aufgabe, die Namen aller durch das faschistische Regime ermordeten Leipzigerinnen und Leipziger mit den wichtigsten biografischen Daten zu verzeichnen. Am 27. Januar 2010 wurden unter dem Titel Gedenk- und
Totenbuch der Leipziger Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit der Stadt als Computerdatei übergeben. Über nahezu zwei Jahrzehnte publizierte er regelmäßig in LEIPZIGS NEUE.

Das dem Druck zugrundeliegende Manuskript stammt vom April 2012. Vorangestellt sind ihm das Vorwort der Herausgeber, die Kurzbiografie des Autors, Erläuterungen zum Manuskript sowie eine Einleitung von Dieter Kürschner, datiert vom 7. April 2012, ergänzt durch Worterklärungen,
Abkürzungsverzeichnis und Personenregister. Den Kurzbiografien der Opfer liegt ein einheitliches Schema zugrunde. In der Regel enthalten sie: Name, Geburtstag und -ort, Todestag, Beruf, politische Tätigkeit, Wohnanschrift, Verhaftungsgrund, Urteil und Haftort sowie einen ausführlichen Literatur- und Quellennachweis. Der Leipzig-Bezug ist weit gefasst. Die verzeichneten Personen sind in Leipzig geboren, haben längere Zeit in Leipzig gearbeitet, gelebt oder sind als Nicht-Leipziger in Leipzig verurteilt, ermordet, hingerichtet oder umgekommen. Ebenso ist der Begriff „politisch“ weit gefasst, „zunächst natürlich als politischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus in jeder Form“, heißt es dazu in den Erläuterungen zum Manuskript. Und weiter wird vermerkt: „Aber auch Menschen, die keinen direkten Widerstand geleistet haben und eher als unpolitisch zu sehen sind, aber letztlich aus politischen Gründen wegen ihrer Rasse, ihres Geschlechtes, ihrer Weltanschauung und ihres sozialen Verhaltens verfolgt und ermordet wurden, sind erfasst“. Insgesamt verzeichnet die Dokumentation rund 550 politische Opfer.

Gemäß diesem Anliegen ist der Band, dessen Druck die F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz unterstützt hat, gegliedert in 1. Politische Opfer der NS-Gewaltherrschaft; 2. Leipziger Opfer in der Strafeinheit 999; 3. Opfer der NS-Militärjustiz; 4. Gefallene und gestorbene Leipziger Spanienkämpfer; 5. von Leipziger Militärgerichten zum Tode verurteilte und hingerichtete Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere; 6. Im April 1945 bei Massakern Ermordete. Sieben Anlagen zu Statistiken, Überlebenden, Straßennamen, Denkmale, Opfer unter den Zeugen Jehovas (Bibelforscher) und „Wirtschaftsverbrechern“ u.a.m. Kürschner verweist darauf, dass sich die Untersuchungen zu den in Leipzig verurteilten ausländischen Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen etc. noch in den Anfängen befinden. Der Haupttitel „Totschweigen ist die passive Form von Rufmord“ lässt einmal mehr die Frage entstehen, wann es endlich in Leipzig einen öffentlichen zentralen Ort der Erinnerung an alle Opfer in den Jahren 1933-1945 geben wird, einen Ort antifaschistischer Gedenk- und Erinnerungsarbeit? Die von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten betriebene Geschichtspolitik weist aus, dass 85 % der Fördermittel der Stiftung für den Unterhalt und die Pflege des Gedenkens an die Opfer der „SED-Diktatur“, aber nur 15 % für den Erhalt von Erinnerungsstätten an die Zeit des NS-Regimes aufgewendet werden.

Angesichts derartiger Praktiken insbesondere in osteuropäischen Ländern hat die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FJR) im Mai dieses Jahres das Europäische Parlament und die politisch Verantwortlichen in allen europäischen Ländern dazu aufgerufen, dem Geschichtsrevisionismus entgegenzutreten und die Ehre der Widerstandskämpfer und Opfer des Nazismus zu verteidigen. Dem entspricht die vorliegende Publikation. Sie ist in erster Linie Arbeitsmaterial für Historiker, für Geschichtsinteressierte, Heimatforscher und Studenten sowie Grundlage für Projektarbeiten.

Dieter Kürschner: Totschweigen ist die passive Form von Rufmord. Leipziger politische Opfer des Nationalsozialismus 1933 – 1945. Aus dem Nachlass herausgegeben von Manfred Hötzel und Frank Kimmerle. Als Manuskript gedruckt, mit freundlicher Unterstützung von F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz. Edition Hamouda, Leipzig, März 2016. 245 Seiten, 24,90 Euro.