Hoyerswerda: war da nicht was?

von Caren Lay

„Mensch und Natur vor der Kamera“, „Soziale Netzwerke – Sinn oder Unsinn?“, „Geldanlagen auf dem Grauen Kapitalmarkt – Welche Risiken gibt es?“. Das ist der Veranstaltungskalender der Stadt Hoyerswerda für den Zeitraum 17. bis 21. September 2016. Fehlt da nicht was?

Vor 25 Jahren, im September 1991, gab es in Hoyerswerda tagelange rassistische Ausschreitungen. Zum ersten Mal nach der Wende wüteten Rassisten im Schutz der Massen gegen AsylbewerberInnen und VertragsarbeiterInnen, fackelten deren Unterkunft ab. Es war der Auftakt für weitere rassistische Verbrechen in Rostock, Solingen, Mölln etc.

Die Lücke im städtischen Veranstaltungskalender ist vielsagend. Bis heute tut man sich in Hoyerswerda schwer mit der Erinnerung an jene Septembertage. Dabei könnte man mit einer offensiven Erinnerungskultur beispielgebend sein für andere Orte in Sachsen, die sich erst vor kurzem in die Reihe der Orte mit rassistischen Ausschreitungen eingereiht haben. Vor kurzem erst wurde in Heidenau der erste Jahrestag der rassistischen Gewaltorgie vor der geplanten Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Baumarkt begangen. Dies nicht ohne den Hinweis des zuständigen Bürgermeisters, dass Demonstrationen „niemandem etwas bringen würden“.

Dass Sachsen in Fragen kritischer Erinnerungskultur Entwicklungsland ist, wissen wir längst. Der Mehltau von 26 Jahren CDU-Regierung liegt auch in diesem Bereich meterdick auf dem Land und behindert alle Initiativen, die eine tiefere Auseinandersetzung mit den unrühmlichen Teilen der eigenen Historie fordern. Ministerpräsident Tillich gestand zwar in diesem Jahr endlich ein, dass Sachsen ein Problem mit Rassismus habe, das auch er selbst lange nicht sehen wollte. Die Aufarbeitung der rassistischen Vorfälle aus Vergangenheit und Gegenwart will die CDU aber auch weiterhin lieber verhindern.

Wir als LINKE sollten daher auch hier voran gehen und eine offensive, kritische Erinnerungskultur einfordern, die nicht nur danach fragt, was war, sondern immer auch die Frage nach dem Warum stellt. Im Fall Hoyerswerda ist das sicher ein schwieriger Prozess, denn über viele Jahre herrschte dort eine Kultur der Verharmlosung, der Verdrängung und des Verschweigens, in der der Ruf der Stadt mehr interessierte als die Schicksale der angegriffenen und vertriebenen Opfer.

Die Chancen einer offensiven Erinnerungskultur sind dabei paradoxerweise nirgendwo sichtbarer als in Hoyerswerda. Denn es gibt viele positive Entwicklungen in der Stadt: Das Projekt „Wider das Vergessen“ zur Erinnerung an den Holocaust, durchgeführt von der Stadt, VVN-BdA, RAA und drei Schulen, geht in sein 21. Jahr. In jedem Schuljahr werden ZeitzeugInnen oder deren Kinder in die Schulen geholt. Oder das Bündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“, das zeitweilig in drei örtlichen Aufnahmeeinrichtungen ehrenamtlich Hilfe geleistet hat. Nicht zuletzt konnten Anti-Asyl-Proteste trotz mehrfacher Versuche in der Stadt niemals wirklich Fuß fassen – ganz anders als zum Beispiel im nur 36 Kilometer entfernten Bautzen, wo es über Jahre ein hohes rechtes Demonstrationsaufkommen gibt. Es ist deswegen noch lange nicht alles gut in Hoyerswerda. Das belegen allein die Zahlen der Beschädigungen und Angriffe auf mein Büro. Dass die Täter bis auf eine Ausnahme nicht ermittelt werden konnten, zeigt ein anderes Problem.

Der 25. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen könnte doch für die Stadt ein Anlass für eine Bilanz sein: was sich in Hoyerswerda denn nun tatsächlich geändert, ob und was sich verbessert hat. Es könnte die Chance sein, darüber zu sprechen, ob man aus den Ereignissen des September 1991 gelernt hat und wo die Stadt heute steht. Es wäre eine Chance für eine Stadt, die in den letzten 25 Jahren bundesweit oft auf fünf Tage ihrer Geschichte reduziert wurde, andere, positive Geschichten zu schreiben. Zu sagen: „Schaut her, es hat lange gedauert, aber wir haben etwas erreicht“. Damit aus „Hoyerswerda? Das war doch das mit den Nazis“ vielleicht „Hoyerswerda? Das war doch das mit den Nazis, aber heute …“ wird.

Hoyerswerda aber vergibt diese Chance. Und damit auch die Möglichkeit zur Vorbildwirkung. Das ist schade und müsste nicht so sein. Umso wichtiger, dass wir vor Ort die Perspektive der kritischen Erinnerung eröffnen.

Ja, da war was, 1991 in Hoyerswerda. Also lasst uns darüber reden!