„Es ist, als wäre man in einer Zeitschleife gefangen“

Grit Maroske wurde 1969 in Rasewalk/Mecklenburg geboren. Sie ist Mutter von fünf Kindern und seit ihrer frühesten Jugend politisch aktiv. Sie setzt sich u.a. für sozialverträglichen Stadtumbau, Integration von Asylsuchenden und den Kampf gegen Rassismus ein. Sie ist Mitbegründerin des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“ und lebt heute als freie Autorin in Hoyerswerda. Simone Hock hat anlässlich des 25. Jahrestages der rassistischen Ausschreitungen in der Stadt mit ihr gesprochen.

Wie hast Du damals die Situation erlebt?

Die Zeit nach der Wende war in Hoyerswerda ganz besonders geprägt vom gesellschaftlichen Wandel. Viele Menschen, die sich die Einheit gewünscht hatten, wurden fast sofort ihre ersten Opfer. Das Gaskombinat „Schwarze Pumpe“, der größte Arbeitgeber in der Region, entließ massenhaft Menschen oder setzte sie auf Kurzarbeit. Das führte zu einer Kettenreaktion in den Betrieben und Einrichtungen, die ebenfalls von der Kohle direkt oder indirekt abhängig waren. Die Menschen machten Bekanntschaft mit Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, eine gesellschaftliche Isolierung war die Folge, da viele mit der Arbeit auch gleichzeitig alle sozialen Kontakte verloren. Die Stimmung in der Stadt war angespannt, besorgt und gereizt. Viele Menschen waren nur noch mit sich beschäftigt, sie versuchten, sich im neuen Gesellschaftskonzept zurechtzufinden. Man darf nicht vergessen, in welch kurzer Zeit gewaltige Veränderungen auf die Menschen zukamen: Gesetze, Währung, Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und die Sorge um das persönliche Leben andererseits, all das verlangte vielen – besonders den Älteren – viel Kraft ab. Vor allem die Kinder und Jugendlichen hatten in dieser Zeit wenig Unterstützung durch ihre Eltern, denn diese waren mit ihrer (drohenden) Arbeitslosigkeit und deren Folgen für die eigene Perspektive vollauf beschäftigt.

Ein latent immer vorhandener Neid und rassistische Vorurteile gegen die „Gastarbeiter“ brachen sich in der Folge immer öfter öffentlich Bahn. In der Stadt kam es nun häufiger zu Pöbeleien gegen vietnamesische GastarbeiterInnen, die versuchten, sich mit dem Verkauf von Zigaretten über Wasser zu halten. Auch die mosambikanischen GastarbeiterInnen wurden als Konkurrenz um Arbeitsplätze angesehen und die sozialistisch verordnete Solidarität mit ihnen war nun nicht mehr notwendig.

Die ersten offen rechtsextremen Jugendbewegungen konnte man schon bald nach der Wende beobachten. Häufig wurden sie mit Geld, Propagandamaterial und Ausstattung von „Kameraden“ aus dem Westen unterstützt. Es gründete sich eine überwiegend aus Rechtsextremen bestehende Bürgerwehr, die „Neue Ordnung“. Sie übernahm die Absicherung von Naziveranstaltungen und den ersten Wahlkampfveranstaltungen der DVU, der Republikaner und der NPD, patrouillierte aber auch in den Wohngebieten und machte Jagd auf Linke, Punks und Ausländer. Viele Bürger waren jetzt das erste Mal rechter Propaganda im Wahlkampf ausgesetzt, zudem war die damalige Asylkrise nun auch in Hoyerswerda angekommen – die ersten Asylbewerber trafen ein und wurden zu Hunderten in Wohnblocks gestopft. Es gab keine Rücksicht auf Herkunft, Glaube oder persönliche Befindlichkeiten. Die Asylbewerber lebten zusammengepfercht in den Wohngebieten und hielten sich wegen der Enge in den Unterkünften oft den ganzen Tag vor den Häusern auf. Es gab so gut wie keine soziale Betreuung, keine Beschäftigungsangebote, keine Möglichkeit zu arbeiten oder selbstbestimmt zu leben. Sie durften nur mit Gutscheinen in einer nahe gelegenen Kaufhalle einkaufen. Niemand erklärte ihnen, was sie zu tun hätten oder wie die Gesellschaft funktionieren sollte, in der sie jetzt lebten. Sie hatten keinen Kontakt zu Deutschen und konnten sich nicht verständigen, denn es gab auch keine Sprachkurse.

Es kam häufig zu Auseinandersetzungen, sowohl untereinander als auch mit den Deutschen, die mit der zunehmenden Vermüllung, Aggressivität, kulturellen Unterschieden und Gewalt ebenfalls völlig allein gelassen wurden. Integration in die Gesellschaft war ja nicht gewollt. Alle Seiten waren mit der Situation völlig überfordert. Gleichzeitig kam es auch noch zu massiven Umbrüchen im Rechtswesen, zu Einsparungen bei der Polizei und zu einer Art „rechtsleeren Raum“, da weder Polizei noch Justiz noch Verwaltung so genau wussten, was gerade erlaubt und was verboten war und wie man sich verhalten sollte. Sprich: es entstand ein soziales Pulverfass. Man muss sich für die Bewertung der damaligen Situation auch immer vor Augen führen, dass führende CDU/CSU-Politiker und die Medien in der damaligen Asyldebatte zusätzlich eskalierend wirkten, allein durch den Sprachgebrauch: „Das Boot ist voll“/„Asylflut“/„Asylantenschwemme“/„Asylmissbrauch“ etc.

Die Situation war also nicht nur real in der Stadt sehr brisant und emotional, sondern manifestierte sich auch noch in den Nachrichten und Wahlkampfveranstaltungen. Durch die Unionsparteien und führende Zeitungen wie die BILD wurde maßgeblich und täglich Neid, Angst und Hass auf Ausländer geschürt. Das war die Situation in Hoyerswerda im September 1991, so wie ich sie erlebt habe. Ein Funke genügte, und das Fass explodierte. Mit dem Pogrom entluden sich schlagartig der ganze Zorn, der Neid, die Unsicherheit, die Angst, das eigene Gefühl der Unzulänglichkeit, wenn man zu den Verlierern der Wende gehörte. Man wandte sich nicht nur gegen „die Ausländer“, sondern auch erneut gegen „die da oben“, die einem die ganze Situation eingebrockt hatten, sich dann aber nicht sehen ließen. Und weil man „die da oben“ nicht vertreiben konnte, hielt man sich an die, die man täglich sah und als Ärgernis, als Störung, als Konkurrenz und als Bedrohung wahrnahm.

Hat Sachsen aus dem Pogrom gelernt?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ich würde sagen: Einige BürgerInnen und PolitikerInnen haben daraus gelernt. Im Freistaat und in Hoyerswerda gab es lange keine Aufarbeitung der Geschehnisse. Vielmehr war man geneigt, das Pogrom als Bestätigung des „Volkszornes“ zu verkaufen und nicht als Ergebnis der eigenen falschen Politik und Kriegsrhetorik gegen Migranten. In Hoyerswerda selbst war es lange Zeit sehr schwierig, das Thema überhaupt anzusprechen. Viele BürgerInnen fühlten sich zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt und in den Medien angeprangert. Ich selbst habe erlebt, wie BILD & SPIEGEL & STERN in dieser Zeit agiert haben, um das Ereignis möglichst lange auszuschlachten. Dieselben Medien, die monatelang vorher mit Ressentiments Angst und Vorurteile und Hass geschürt hatten, schickten nun ihre Reporter nach Hoyerswerda, um der geschockten Republik das Bild vom wilden, unzivilisierten Ostdeutschen zu präsentieren und das Problem des Rechtsextremismus als „rein ostdeutsch“, bedingt durch Plattenbau und Sozialisation in der DDR-Kinderkrippe, zu verkaufen. Eine kritische Reflexion des eigenen Anteils an der Eskalation kam weder von den Parteien noch von den Medien, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Der allgemeine Konsens im tiefschwarzen Sachsen und besonders in Hoyerswerda war nach meiner Wahrnehmung eine Opferhaltung: Die Ausländer waren schuld, die Medien waren schuld, die DDR war schuld, weil sie ihre BürgerInnen zu verkappten Rassisten erzogen hatte, und all das zusammen diente als Rechtfertigung für die eigene unmenschliche Politik. Es hat Jahre gedauert und brauchte auch ganz besonders die Arbeit der Initiative „Pogrom 91“, um eine sachliche, kritische und ehrliche Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Hoyerswerda anzustoßen. Ich würde sagen: Bei einigen Menschen hat ein Umdenken eingesetzt. Besonders in Hoyerswerda haben viele, die sich dem Bündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“ angeschlossen haben, dies vor allem aus dem Grund getan, weil sie nicht wollten, dass sich so etwas jemals wiederholt. Auch für mich war das, neben dem Wunsch, den zu uns kommenden Menschen einen guten Start in ihr neues Leben zu ermöglichen, eine wichtige Motivation. Politisch hat sich – vor allem in der CDU, die Sachsen seit der Wende durchgehend regiert – kaum etwas geändert. Man setzt nach wie vor auf ausgrenzende Rhetorik, auf restriktive Asylpolitik und Patriotismus.

Mit welchen Gefühlen denkst Du an den Jahrestag?

Vor allem mit Sorge. In letzter Zeit nehmen auch in Hoyerswerda rechtsextreme Aktivitäten wieder zu. Hoyerswerda ist neben Bautzen eine der Hochburgen für rechtsextreme Aktivitäten in Sachsen. Die hier agierenden Rechtsextremen sind überwiegend extrem gewaltbereit, und meiner Meinung nach gibt es keinen ausreichenden Verfolgungsdruck durch die Justiz, keine abschreckende Bestrafung nach Übergriffen, Brandanschlägen und anderen extremistisch begründeten Straftaten. Das sind fatale Signale, die sämtliche Bemühungen der Integration durch die BürgerInnen gefährden. Ich wünsche mir, dass Hoyerswerda sich deutlich zum Jahrestag positioniert. Nicht, weil das von außen erwartet wird. Nicht, weil wir uns vom Stigma befreien wollen. Nicht, weil wir ein Imageproblem haben wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Hoyerswerda wurde 1991 zum Synonym für Fremdenhass. Und wir haben es bis heute nicht geschafft, trotz großer Anstrengungen und vieler engagierter BürgerInnen, Privatinitiativen, Vereinen und Institutionen, dass wir sagen könnten: Hoyerswerda ist weltoffen, gastfreundlich, zukunftsorientiert. Umso wichtiger wäre eine unübersehbare Botschaft aus der Bürgerschaft am Jahrestag: Wir haben unseren Anteil an den Ereignissen von 1991 erkannt, wir akzeptieren ihn als Teil unserer Geschichte und wir werden alles tun, als Stadt, als Gesellschaft und als Menschen, damit so etwas nie wieder geschieht.

Was lässt sich tun gegen Rassismus?

Aus meiner Erfahrung heraus sage ich: Der Kampf gegen Rassismus ruht auf drei Säulen – Bildung und Information, Begegnung und Dialog, Konsequenz und Klarheit. In den letzten Jahren gab es dazu viele verschiedene Ansätze und engagierte Projekte durch die RAA, das Bündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“, die KUFA, das OSSI, durch Schulen, Kirchgemeinden, Privatinitiativen. Wichtig wäre meiner Meinung nach eine massivere Förderung der Kinder- und Jugendsozialarbeit, auch z. B. durch Streetworker und aufsuchende Angebote, eine bessere Unterstützung aller ehrenamtlichen Projekte mit Geld, aber auch mit Bildungs- und Fortbildungsaktionen, eine Verstärkung der Anstrengungen im Bereich der Demokratieförderung und politischen Bildung und eine klare, einheitliche Positionierung aller Stadträte, aller Geschäftsleute, Meinungsbildner, Aktivisten und BürgerInnen gegen Rechtsextremismus. Wir haben gelernt, dass Hürden wie Unsicherheit, latente rassistische Ressentiments, Angst sich durch Angebote zur Begegnung abbauen lassen. Wir haben weiterhin gelernt, dass viele Menschen gern helfen, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt, selbst wenn sie kritisch zur Asylpolitik stehen. Wir haben gelernt, dass es wichtig ist, Menschen zuzuhören und ihre Befindlichkeiten in die Politik zu tragen – und das betrifft sowohl die der Einheimischen als auch die der Zugewanderten. Wir haben gelernt, dass Umdenken Zeit und Geduld brauchen. Wir haben gelernt, dass wir die besten Ergebnisse im Kampf gegen Rassismus dann erzielen, wenn wir den Menschen den Rahmen dazu schaffen, Fremden auf der menschlichen Ebene zu begegnen, wenn wir Unterschiede akzeptieren und Gemeinsamkeiten stärken. Wir sind in Hoyerswerda auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass wir die letzte Säule – Konsequenz und Klarheit – noch viel mehr beachten und stärker ausbauen müssen.

Was sollte die Staatsregierung tun, um eine Wiederholung zu verhindern?

Zunächst sollte sie damit aufhören, rassistische Stereotype zu verbreiten, sie sollte ihre eigene Rhetorik in der Asylfrage massiv entschärfen. Und sie sollte jeder rassistischen Mobilmachung, z. B. durch PEGIDA, konsequent entgegentreten und sich deutlich davon abgrenzen, statt sie zu befeuern.

Die restriktive Asylpolitik in Sachsen fördert rassistische und rechtsextreme Aktivitäten. Die Strafverfolgung richtet ihr Augenmerk seit Jahren lieber auf linke Aktivisten, die Naziaufmärsche blockieren. In der Polizei herrscht vielerorts offener Rassismus. Dagegen muss man vorgehen.

Außerdem sollte bürgerschaftliches Engagement viel stärker als bisher gefördert werden. Bildung, Kultur, Sozialarbeit, aber auch Polizei und Justiz leiden darunter, dass sie seit Jahren kaputtgespart wurden. Die sächsische Staatsregierung ist legendär für ihren Unwillen zur Bürgerbeteiligung und zum Bürgerdialog. Man setzt auf Lokalpatriotismus statt auf Weltoffenheit. Alle diese Dinge führen dazu, dass Extremismus in Sachsen an der Tagesordnung ist.

Was bewegt Dich, wenn du an die damaligen Ereignisse und die heutigen Entwicklungen denkst?

Zuerst einmal erschreckt es mich, wie sehr sich manche politische Parolen und Handlungsweisen von damals und heute gleichen. Es ist, als wäre man in einer Zeitschleife gefangen. Als hätten die Menschen nichts aus den Pogromen gelernt. Andererseits gibt es heute ein viel stärkeres persönliches Engagement von BürgerInnen für Asylsuchende. Ich bin immer wieder überwältigt davon, wie hilfsbereit viele Menschen sind, wie einfallsreich und engagiert sie sich für ihre Schützlinge einsetzen. Das war damals anders. Da waren wir nur wenige, und wir wurden gar nicht wahrgenommen. Viele, die sich für Asylsuchende engagieren, tun das vor allem, damit sich ein Pogrom wie 1991 in Hoyerswerda nicht wiederholt. Neugierig, offen, mit viel Herzblut und Kreativität bringen sie Deutsche und Fremde zusammen, helfen beim Zurechtfinden und Kennenlernen, werben um Verständnis und Akzeptanz. Das macht mir Hoffnung, dass ich mit meinem persönlichen Motto gar nicht mal so falsch liege: „Wir können das, was geschehen ist, nicht ungeschehen machen. Aber wir können es dieses Mal besser machen.“