Der „Linkstick“ der alten Dame

von Wulf Skaun

Eine RLS-Getreue aus Berlin gewährt Einblicke in ihr Leben

Mühsam bahnt sie sich an zwei Krücken den Weg in die Leipziger Harkortstraße 10. Bei Vorträgen der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen ist sie oft anzutreffen. „Das ist Frau Stein aus Berlin“, macht mich Professor Klaus Kinner mit ihr bekannt. Der vormalige Geschäftsführer der RLS-Dependance kennt sie seit Jahren. Er weiß, dass die alte Dame mit dem gebeugten Rücken Stammgast bei der Philosophischen Dienstagsgesellschaft ist. Man begrüßt sie freundschaftlich, mit einem Hauch diskreter Ehrfurcht. Das ist der Hauptstädterin Aufmerksamkeit genug. Später wird sie unter vier Augen, auf sich bezogen, Nietzsche zitieren: „Nah hab den Nächsten ich nicht gerne … Wie würd‘ er sonst zu meinem Sterne?“

Keine Regel ohne Ausnahme. Sie empfängt mich im Hotel „Am Bayerischen Platz“, wo sie in Leipzig immer absteigt. „Hier hat auch Marx genächtigt“, deutet sie ihre Gesinnung an. „Ticken Sie auch links?“ Ich weiß, was sie meint und nicke. „Dann können wir doch Du sagen. Ich heiße Regina“. Dass man sie in jungen Jahren als schwierig, schweigsam und zurückhaltend kannte, konterkariert Regina Stein jetzt à tempo. Sie erzählt lebhaft, mit Sinn für Selbstironie und Wortwitz, mit beneidenswertem Gedächtnis für Fakten und Namen, sie lacht, und sie hält inne, wenn Erinnerung an persönliche Schicksalsschläge alte Wunden aufreißt. Den Verlust des einzigen Sohnes 2006 sucht sie, auch in seinem Sinne, mit der ihr eigenen Hingabe für alles Fortschrittliche und Gerechte zu verarbeiten. Die Berlin-Leipzig-Abstecher erfüllen sie. „Ich bin Mitglied des Rosa-Luxemburg-Vereins. Hier fühle ich mich angenommen. Es ist ein bisschen Heimat für mich“.

Regina Stein wird am 16. September 1928 in Leipzig als zweite Tochter des karthographischen Kupferstechers Johannes Stein geboren. Die Eltern gehören dem linken Flügel der SPD an. Der bildungsbeflissene Vater führt die Kinder an die humanistische Literatur heran. Dass die ältere Tochter Lehrerin, die jüngere Bibliothekarin wird, gefällt ihm ebenso wie deren früher Beitritt zur SPD. „Ich war schon 1945 mit 17 Mitglied, dann automatisch in der SED und bleibe meinen politischen Überzeugungen heute in der Partei DIE LINKE treu“, erklärt die Langzeitgenossin nicht ohne Stolz. „In der DDR war ich keine gute Genossin“. Sie weiß, dass sie Widerspruch erntet, wenn sie Gründe für ihre Selbstdiagnose nennt: immer zu sagen, was sie dachte; Kritikwürdiges ohne Ansehen der Person zu äußern; bloßen Äußerlichkeiten zu misstrauen; opportunistisch-karrieristisches Verhalten und jedwede Charakterlosigkeit sichtbar zu verachten. „Ich habe vor der Wende weder ein Parteiabzeichen getragen noch eine Fahne herausgehängt“. Flagge zeigen hieß für sie, tatkräftig Hand anlegen, Probleme lösen helfen und Gutes im Kleinen tun. Sie nahm es hin, wenn später Obere an der Parteihochschule Karl Marx über sie urteilten, sie erfülle ihre fachlichen Aufgaben gut, doch ihre politische Einstellung kenne man nicht.

Ich habe ihrer Arbeitswelt, einer Welt der Bücher, vorgegriffen. Ehe Regina Stein sie betreten konnte, hatte sie einige Hürden zu nehmen. Nach der Mittleren Reife absolvierte sie sogenannte Jugendeinsätze in Leipzig, lernte russisch an der Fremdsprachenschule, arbeitete als Dolmetscherin am Städtischen Theater Leipzig, verkaufte Literatur im „Internationalen Buch“. Eine Bewerbung bei der Deutschen Bücherei trug ihr das Plazet des Generaldirektors Heinrich Uhlendahl und eine der wenigen Lehrstellen ein. 1951 hielt sie das Diplom einer „Bibliothekarin mit wissenschaftlicher Ausrichtung“ in den Händen. „Dann hatte ich eine schöne Zeit am Institut für Marxismus-Leninismus in Berlin. Bruno Kaiser, der den Nachlass von Georg Herwegh ausgegraben hatte, leitete die Bibliothek. Erich Wendt, Leiter der Lenin-Abteilung am Institut, vielen als erster Ehemann Lotte Ulbrichts bekannt, half mir 1957, noch einmal fünf Jahre am neuen Institut für Bibliothekswissenschaft zu studieren“. An die letzten Jahre ihrer beruflichen Laufbahn, 1971 bis 1988 in der Bibliothek der Parteihochschule, erinnert sich Regina Stein ungern. „Unter dem Direktorat von Hanna Wolf herrschte nicht die warmherzige Atmosphäre wie am Institut für M-L. Die Spottnamen ,Wolfsburg‘ und ,Hanna, die Selbstherrliche‘ sagen viel über das ,genössische‘ Klima aus. Ich selbst galt als unsichere Kantonistin“.

In Einig-Deutschland sei sie nicht wirklich angekommen, gesteht die getreue Linke. In der DDR ohne Parteiamt, hat sie ein solches erstmals mit 60 als Vize-Vorsitzende ihrer WBO ausgeübt. Sie war und ist aktiv im Wohngebietsausschuss, in der Volkssolidarität, als Schöffin. Sie engagiert sich für soziale, kulturelle, ökologische Projekte, unterstützt mehrere einschlägige Vereine und Stiftungen mit regelmäßigen Zuwendungen. Bei Greens Green ist sie Ehrenmitglied. Besonders ans Herz gewachsen sind ihr die SOS-Kinderdörfer. „Für sie habe ich bisher 15.000 Euro beisammen“.

Regina Stein freut sich auf den nächsten Besuch in der Harkort 10. „Ich komme, solange ich mobil bin“. Heute begeht sie ihren 88. Geburtstag. Die „Luxemburger“ aus Leipzig gratulieren von Herzen. Salut, liebe Regina!