Buchtipp: Feindbild Russland – Geschichte einer Dämonisierung

von Ralf Richter

Nicht genug Sitzplätze gab es in der Halle der internationalen Bücher auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, als der Österreicher Hannes Hofbauer sein neuestes Werk vorstellte: „Feindbild Russland – Geschichte einer Dämonisierung“ heißt es, und erschienen ist es beim Promedia Verlag in Wien. Vielleicht ist das kein Zufall: Die Hauptstadt des alten Österreich-Ungarn war immer geprägt durch enge Verbindungen zum Osten. In der gegenwärtigen Zeit spielt es auch wieder eine Rolle in der Migrationsdebatte, wo sich Wien mehr oder weniger den Visegrad-Staaten anschließt, wenn es nicht gar eine Sprecher-Rolle einnimmt. In Wien ist man, wenn man dem Außenminister glauben will, deutlich näher in den Positionen von Prag, Bratislawa, Budapest und Warschau als an der von Berlin.

Wenn das geballte Wissen über die Entstehung des „Feindbildes Russland“, das der Autor in umfangreicher Recherche in dankenswerter Weise zusammen getragen hat, auch nur ansatzweise in das linke Bildungsprogramm der Rosa-Luxemburg-Stiftung aufgenommen würde, könnte es einen wertvollen Beitrag zur Völkerverständigung leisten – und mehr: Denn es vergeht nahezu kein Tag in den deutschen Hauptmedien, in denen keine russophobe Meldung an prominenter Stelle abgesetzt wird.

Die Wurzeln liegen tief, und der Russenhass wurde ausgerechnet durch die Polen in Europa verbreitet. Die Universität Krakau spielte darin eine unrühmliche Rolle, wie Hofbauer herausfand. Sechs Kriege hat es von 1492 bis 1582 gegeben, zwischen Polen/Litauen auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Der polnische Philosoph und Mathematiker Jan Glogawa (im deutschen Sprachraum als Johannes von Glogau bekannt) war es, der 1494 den Ptolemäus-Atlas um ein „asiatisches Sarmatien“ ergänzte und damit wohl als erster die Orientalisierung Russlands betrieb. Damals etablierte sich die Krakauer Uni bereits als Anti-Moskauer Ideologieschmiede – das dort verbreitete Weltbild des „asiatischen Barbaren“ wurde von deutschen Studenten aufgegriffen, die es dann als Gelehrte im deutschen Sprachraum verbreiteten. Für die Westeuropäer lagen bereits im 16. Jahrhundert die östlich von Polen-Litauen siedelnden Slawen „außerhalb des christlichen Erdkreises“, weshalb sich Polen-Litauen und Livland als letztes Bollwerk der Christenheit in Szene setzten. Nachdem die Türken 1526 im ungarischen Mohacs siegten und nun Wien in Gefahr war, galten Türken und Russen der katholischen Propaganda gleichermaßen als hassenswert. Wer das liest, fühlt man sich vielleicht an die Kommentare zum Treffen Putins mit Erdogan in St. Petersburg erinnert …

Da der Slawe im Osten kein Christ – jedenfalls kein „richtiger Christ“ – ist, unternahm der Papst 1596 einen genialen Schachzug, der auch Grundlage für den heutigen Ukraine-Konflikt ist: Er verkündete die Katholisierung der orthodoxen Kirche im litauisch-polnischen Herrschaftsgebiet und gemeindete damit die Ukraine in den „westlichen Kulturkreis“ ein. 400 Jahre später, so Hofbauer, kämpfen die Nachfahren der Popen mit Hass und Verbitterung um die Rückgabe der griechisch-katholischen Gotteshäuser in der Westukraine. Eine kurze Phase der Russlandfreundlichkeit erfasste den Adel in Westeuropa nach 1815 – hatte doch der Zar ihre Besitzstände gerettet. Doch damit war es mit den Polenaufständen von 1830 vorbei. Es waren exilpolnische Intellektuelle, die in jener Zeit ein gefälschtes „Testament Peters des Ersten“ in Umlauf brachten, um die angeblichen russischen Expansionspläne der Russen zu enthüllen … Und in London entwarf Halford Mackinder 1904 mit einer „Heartland-Theorie“ eine Blaupause zum Umgang mit Russland für das gesamte 20. Jahrhundert, lange bevor Reichswehr und Wehrmacht in Russland einmarschierten. In einer Denkschrift vom September 1914 sprach der Stahlbaron Alfons Thyssen Klartext: „Russland muss uns die Ostseeprovinzen, vielleicht Teile von Polen und (das) Dongebiet mit Odessa, Krim und asowsches Gebiet abtreten, um auf dem Landwege Kleinasien und Persien zu erreichen“. Der Mann wäre heute sicher Stratege im NATO-Generalstab und Beraterin von Frau von der Leyen. „Feindbild Russland“ kostet gedruckt 19,90 Euro und als E-Book 15,99 Euro. Wer die deutsche Russlandberichterstattung mitsamt ihrem ideologischen Unterbau und den historischen Hintergründen verstehen will, kommt um dieses Buch, das im wahrsten Sinne des Wortes Grundlagenwissen vermittelt, nicht herum.