„Souverän und ursprünglich – von Blues aus Polen bis Diestelmann“

von Jens-Paul Wollenberg

Wie kam es eigentlich dazu, dass gerade in der DDR und Volksrepublik Polen unabhängig voneinander Blues eine nicht unbedeutende Rolle in der modernen Musikszene spielte?

Der Auslöser für diese Entwicklung könnten die Gastspiele des Ensembles „American Folk Blues Festival“ sein, das 1964 und 1966 in beiden Staaten auftrat. Diese Gruppierung aus namhaften Bluesgrößen wie Sunnyland Slim, Willie Dixon, Hubert Sumlin, Clifton James, Roosevelt Sykes, Otis Rush, Little Brother Montgomery, Sleepy John Estes, Big Joe Turner, um nur einige zu nennen, bot dem Publikum ein sehr breites Spektrum der verschiedensten Bluesstile, z.B. Delta-Country oder Chicago Blues.

In Polen gründete der Sänger und Gitarrist Tadeusz Nalepa die Beatgruppe „Blackout“, die sich jedoch mehr dem Rhythm and Blues zuwandten. Seit 1968 nannten sie sich „Breakout“ und entwickelten sich bald zu wahren Bluesgiganten Osteuropas. 1969 erschien ihre LP „Blues“, später „Karate“, 1974 „Kaminie“ (Steine) und bis zum Schluss ihres Zusammenseins in den späten Achtzigern noch etliche weitere Alben in höchster Qualität.

Tadeusz Nalepa wandelte danach auf Solopfaden und musizierte mit seinem Sohn Piotr Nalepa sowie Andrzej Ryszka und Rafa? R?kosiewicz weiter.

Auch andere Formationen in Polen widmeten sich dem Blues, so die „Bee Hive Blues“ aus Kraków, „Dzem“, „Krzak“, die um Jacek Skubikowsky oder der Multiinstrumentalist und Sänger Józef Skrzek, einst Bassist bei „Breakout“, später bei ?l??anie, Ametysty und dann Mitbegründer des polnischen Supertrios „SBB“. Übrigens: Alle sangen ihren Blues in ihrer Landessprache!

Parallel dazu entstand ein ähnliches Phänomen im „Bruderland“ DDR. Hier spielte Thüringen eine wesentliche Rolle in der Bluesszene, in der ein Mann von sich reden machte, der es verstand, durch seine brisante Spielweise auf der Gitarre und seinem leidenschaftlichen Gesang mit selbstverfassten Texten nicht nur seine Frau zu begeistern: Jürgen Kerth! Ihm gelang eine bis dahin noch nicht existierende Melange, Blues und Reggae zu verschmelzen. Er ist bis heute auf den Bühnen deutschlandweit unterwegs.

Ja, und wenn das Thema Blues in der DDR auftaucht, kommt man an Stefan Diestelmann nicht vorbei, der unumstritten als Ikone der ostdeutschen Bluesbewegung bezeichnet werden kann. Geboren wurde er am 29. Januar 1949 in München. Seine Eltern waren Schauspieler und bekamen das einmalige Angebot, bei der DEFA Filmrollen zu erhalten. So zogen sie 1961 in die DDR. Im Alter von zwölf Jahren schenkten sie ihrem Sohn eine Gitarre, die er bereits mit dreizehn Jahren gut beherrschte.

Da er sich damals schon für die Musik der schwarzen Bevölkerung Amerikas, insbesondere für den Blues interessierte, lag es nahe, sich mit diesem intensiv zu beschäftigen. Er wälzte Fachliteratur dieses Genres und hörte aufmerksam die Schallplatten, die die Eltern aus dem Westen mitbrachten. Bald schloss er sich auch Bands an, u.a. den „Teddys“, 1975 der Gruppe „Vai hu“ von Axel Stammberger, deren Musikstil jedoch nicht Stefans Bluesgeschmack entsprach, weshalb er zur „Engerling-Bluesband“ wechselte und zwei Jahre später die „Stefan Diestelmann Folkbluesband“ mit Rüdiger Phillip von „Vai hu“ am Bass, Dietrich Pätzold von „Klaus Lenz Combo“ an der Violone sowie Bernd Kleinow an der Mundharmonika ins Leben rief.

Sein erstes Programm lief unter dem Namen „Blues in Wort und Musik“, in dem er Songs seiner Idole Muddy Waters, Sam „Lightnin“ Hopkins, „Big Bill“ Bronzy oder „T-Bone“ Walker sang und spielte, ohne sie eins zu eins zu covern. Stattdessen bearbeitete er sie eigenwillig.

Auch eigene Musikstücke entstanden: „Blues für Memphis Slim“, „Der Alte und die Kneipe“ oder „Reichsbahnblues“.

1978 erschien dann seine erste LP „Stefan Diestelmann-Folk Blues Band“. Leider entsprechen die meisten Lieder nicht dem Plattentitel, zu viel Streicherteppich. Überhaupt klingt vieles überarrangiert, hier würde weniger mehr sein. Auch wenn er bei „Rockin‘ The House“ Memphis Slim mit begleiten durfte, fällt dieser Livemitschnitt stark aus dem Rahmen des Konzeptalbums.

Da wirkte seine zweite LP „Hofmusik“ von 1980 viel authentischer. Gleich zu Beginn der Platte stellte er sehr einfühlsam seine genialen Mitstreiter vor: Alexander Blume am Klavier, Lothar Wilke an der Orgel, Conny Körner am Tenorsaxophon, Dietrich Pätzold an der Violine, Dieter Gaste an der Mundharmonika, Gusto Miguel Aldo an den kubanischen Trommeln, Peter Kalandra an der Gitarre, Jiri Vesely am Bass und Akkordeon sowie Sängerin Regina Dobberschütz. Er lässt so einen Eindruck seiner Liveperformance zu und wird letztendlich dem gerecht, was den Vergleich zu den Bands aus dem „Bruderland“ Polen zulässt: er singt endlich in seiner Sprache, verzichtet gänzlich auf englischen Vortrag: „Ich singe den Blues, weil ich will, dass auch ihr ihn versteht …“ Aufgelockert wird diese Scheibe mit teils jazzigen Improvisationen von Conny Körners Saxophoneinlagen, dem an den französischen Jean Luc Ponty erinnernden Jazzgeiger Dietrich Pätzold, dem tschechischen Akkordeonist Ji?í Veselý und der jazzigen Soulstimme der Sängerin Regina Dobberschütz, die mit ihrer Gesangseinlage einen tiefen Einblick in die damals sehr aufmüpfige „Prenz’lbergszene“ der achtziger Jahre gewährt. Diestelmann wirkt diesmal konsequenter, denn seine auf Deutsch interpretierten Lieder erweisen sich als konkrete Beschreibungen der damaligen sozialen Umstände in der Ostberliner Subkultur.

1981 gastierte Diestelmann beim Folk-Blues-Festival in Pozna?, wo er die Bekanntschaft mit dem bereits erwähnten polnischen Bluesmusiker Tadeusz Nalepa machte. 1982 gab es einen gemeinsamen Auftritt mit Alexis Korner in der slowakischen Hauptstadt Bratislava, nachdem er bereits in den Siebzigern die Ehre hatte, mit Memphis Slim, Johnny Mars, Robert Jr. Lockwood oder John Porter aufzutreten.

Aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber den Staatsorganen der DDR gab es immer wieder Probleme mit den Kulturbehörden sowie Auftrittsverbote in einigen Bezirken des Landes. So beschloss er nach einem Gastspielaufenthalt in Hildesheim, nicht mehr in die DDR zurückzukehren. Bedauerlicherweise wurde seine dritte Langspielplatte „Folk, Blues und Boogie“, die gerade fertig gestellt worden war, nach Bekanntwerden seiner Entscheidung 1984 sofort wieder aus den Läden genommen und eingestampft. Und doch sollen einige Exemplare als Musikkassetten verkauft worden sein.

Im Westen gründete er mit Michel Arman am Piano sowie dem Organisten Ludwig Seuß eine neue Band, produzierte auch noch einige Platten, aber im großen Sumpf der dortigen Unterhaltungsmaschinerie ging er leider verloren. Nach der Wende gab es noch einige Versuche, in der Ex-DDR aufzutreten, doch die vielen tausend Fans, die einst in seine Konzerte pilgerten, blieben aus.

In den neunziger Jahren zog er sich aus der Musik zurück und gründete die Filmfirma „Diestelfilm“ für Dokumentarfilme. Seit 2006 gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Erst 2011 wurde bekannt, dass er am 27. März 2007 in einsamster Isolation im bayrischen Tutzing verstorben war.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen eigenwilligen Könner, dem es gelang, eine ganze Generation für die Bluesmusik zu begeistern.