Patriotismus für’n Arsch!

Warum wir weder Patriotismus noch Nationalismus akzeptieren wollen und es uns gerade jetzt besonders ankotzt
von Marius Neubert

Alle Jahre wieder steht wieder ein internationales Herren-Fußballevent auf dem Plan. Alle Jahre wieder nutzt die sächsische CDU dies als Aufhänger für die Forderung nach einer neuen „Patriotismusoffensive“. Und alle Jahre wieder kriechen die „Partypatriotinnen“ (Ich nutze im Folgenden das generische Femininum, das analog zum generischen Maskulinum zwar eingeschlechtlich formuliert ist, jedoch alle Geschlechter meint.) hervor, um den nationalismuskritischen Volksverräterinnen zu zeigen, dass ihr Patriotismus ganz harmlos sei und sich nur auf die Erfolge der Nationalmannschaft bezieht. Dass dem nicht so ist, dass der Patriotismus vielmehr nicht einfach der kleine, ungefährliche Bruder des Nationalismus, sondern sein Pendant ist, soll im Folgenden erläutert werden.

Für gewöhnlich spricht man der Nationalistin zu, ihre Nation über die der anderen zu stellen, tendenziell diese vernichten zu wollen. Der Patriotin wird nachgesagt, dass sie ihr eigenes Land liebe und auf dessen Leistungen stolz sei. Abgesehen davon, dass der Stolz darauf eher unsinnig ist, haben beide Ideologien ihre Grundlage in der Nation.

Geschichtlich betrachtet stellte diese für das Bürgertum die verwirklichte Freiheit dar. Als historische Idee stand sie für die Überwindung des Feudalismus hin zu einem Verein freier Bürgerinnen. Die Verwandlung der unmittelbaren Herrschaft der Fürstinnen zur vermittelten Herrschaft von Ware und Kapital stellte jedoch nur einen Fortschritt, nicht das Heraustreten aus der gewaltförmig organisierten Gesellschaft dar. Das Konstrukt Nation nun ist im Sinne dieser Analyse eine Form von Herrschaft, welche die Gesellschaft organisiert. Nation konstruiert eine Gemeinschaft („Die Deutschen“), welche sich als einheitlich präsentiert. Diese Einheit kann ausschließlich mit dem Uneinheitlichen („Die Anderen“) gedacht werden.

Das Kollektiv Nation fungiert nun als eine Art Schicksalsgemeinschaft, welche die Gewaltförmigkeit des Kapitalismus transzendiert und als eine Art „Naturhaftes“ darstellt. Sich für Deutschland zu Tode zu arbeiten ist etwas Schicksalhaftes, welches nicht zu hinterfragen ist. In diesem Sinne wird nun aber alles außerhalb der Nation stehende als Böses betrachtet – seien es ausländische Kokurrenzkapitale, der „amerikanische Raubtierkapitalismus“ oder ganz plump die Juden™, die immerfort versuchen, die gute deutsche Wirtschaft, also die Nation, zu schädigen. Auch der Hass, der Geflüchteten entgegen schlägt, kommt aus dieser Ecke. Im Flüchtenden spiegelt sich der Nationalistin das Fremde, Uneinheitliche, das „ihre“ Nation von innen zu zerstören droht.

Gleichzeitig ist die Nation jedoch auch Zurichtungsinstrument des Einzelnen. So wie sie die Gesellschaft als homogenes Kollektiv bildet, so bietet sie auch dem Subjekt im Kapitalismus eine Zuflucht in diesem und damit gleichzeitig eine Identität. Der Angriff auf das Kollektiv wird damit auch der Angriff auf die Einzelne, jedenfalls so lang sie primär Deutsche ist. So erklärt sich auch die Brüchigkeit der zivilisatorischen Fassade, die sich lüftet, sobald das Subjekt in seiner (nationalen) Identität angegriffen wird. Die Hassreaktionen der „harmlosen Patriotinnen“ auf unsere #patriotismusfürnarsch-Online-Kampagne sind das beste Beispiel.

Im Rahmen dieser baten wir junge Menschen, uns Bilder von sich zuzuschicken, auf dem sie darlegten, was ihnen an der Nation und seinen Implikationen missfällt. Schon das erste Bild wurde mit einem massiven Schwall an Hasskommentaren geflutet. Darunter waren auch einige Morddrohungen. Damit verraten sich alle jene, die vorher vom harmlosen Stolz auf die eigene Nation schwadronierten, schon selbst. Denn warum sollte man fremde Menschen, die mit einer kaputten Flagge vor einem Dixi-Klo posieren und einen schnittigen Spruch dazu sagen, höchstpersönlich den Strick an den Hals binden wollen? Diese Reaktion zeigte uns, dass wir nicht aufhören dürfen, Patriotismus, Nationalismus und das Konzept Nation als Ganzes anzugreifen. Neben der Online-Kampagne, an der sich viele junge Menschen aus verschiedenen Bereichen beteiligten und die eine großartige kritische Begleitung der EM darstellt, entwickelten wir auch Textmaterial in Form von Flyern, das sich auch nach EM noch zur Aufklärung eignet. Ein ideologisches Konstrukt mit einer solchen Tragweite und fundamentalen Funktion im Kapitalismus, wie es die Nation ist, muss immer Thema einer emanzipatorischen Linken sein. Deshalb begleiten wir auch zu diesem Thema kritisch die Partei, in der Hoffnung, dass diese sich ganz von nationalen Tendenzen distanziert. Ein gutes Leben kann es für uns nur ohne Nation geben.