Ohne einen Tropfen Lakaienblut

Mit einer Werkausgabe Paul Levis entreißt Jörn Schütrumpf den Freund und Vertrauten Rosa Luxemburgs dem Vergessen
von Wulf Skaun

„Warum ist Paul Levi ein Thema für uns?“ Mit dieser rhetorischen Frage eröffnete Klaus Kinner Ende Mai das Ständige Rosa-Luxemburg-Seminar in der Leipziger Dependance der gleichnamigen sächsischen Stiftung. Dass Levis persönliche und politische Nähe zur sozialistischen Revolutionärin Kinners Scheinfrage legitimierte, mochten die Forumsgäste noch als unkonventionellen Wegweiser auf die annoncierte Vorstellung der Werkausgabe durch den Dietz-Verlagschef Jörn Schütrumpf betrachtet haben. Dass der Leipziger Historiker jedoch von einer „Ehrenschuld der entschiedenen Linken“ gegenüber dem in der Öffentlichkeit fast Vergessenen sprach, der einst in erster Reihe mit Rosa Luxemburg, Leo Jogiches und Karl Liebknecht gestanden hatte, verhieß dem Auditorium dann aber eine hintergründige Geschichtslektion über für die Allgemeinheit weithin unbekanntes, auch brisantes Geschehen in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung vor beinahe 100 Jahren.

Die „Ehrenschuld“-These gegenüber Paul Levi, „jenem, dem größtes Unrecht zugefügt wurde“, abgestraft mit dem haltlosen „Verdikt des Renegaten, des Verräters“, begründete Kinner anhand geschichtsnotorischer Argumente: dass der enge Vertraute Luxemburgs 1919 die soeben mitgegründete KPD vor dem Verfall rettete; dass er die diktatorische Machtpolitik der Bolschewiki ablehnte; dass er daher via Komintern 1921 nicht nur den KPD-Vorsitz verlor, sondern aus der Partei ausgeschlossen wurde; dass damit die letzte Chance verspielt war, eine deutsche sozialistisch-demokratische Massenarbeiterpartei zu formen; dass ihm der linke Flügel der SPD als Wirkstätte blieb, der Arbeiterbewegung und ihren sozialen Interessen zu dienen … Und mit direktem Bezug auf Levis Schrifttum als Gegenstand des aktuellen Luxemburg-Seminars überraschte der Moderator mit der Feststellung: „Darin wird Rosa Luxemburg weitergedacht. Ihr Name taucht im Register der Werkausgabe am häufigsten auf“. Das von russisch-sowjetischer und SED-Geschichtsschreibung kolportierte Zerrbild Levis, er sei zwar ein erfolgreicher Rechtsanwalt gewesen, aber kein eigenständiger politischer, gar theoretischer Denker, werde freilich vor allem in seinen Originaltexten voller analytischer Schärfe und kluger Ideen hinsichtlich demokratischer Lösungen für eine sozialistische Zukunft überzeugend widerlegt. Immerhin war es Lenin, der Levis Gedanken einer gewaltlosen sozialrevolutionären Umwälzung des Kapitalismus als Irrweg kritisierte, ihn aber zugleich mit den Worten würdigte: „Levi hat den Kopf verloren. Er war allerdings der einzige in Deutschland, der einen zu verlieren hatte“.

So eingeleitet, übernahm Jörn Schütrumpf, Historiker, Publizist, Verleger und Geschäftsführer des Karl Dietz Verlages Berlin, seine Rolle, die ersten beiden von ihm herausgegebenen Bände mit Schriften Paul Levis vorzustellen. Unter dem Titel „Ohne einen Tropfen Lakaienblut“ enthalten sie Artikel aus dem von Levi zwischen 1923 und 1930 als „Ein-Mann-Unternehmen“ redigierten Korrespondenzblatt Sozialistische Politik und Wirtschaft (SWP). Die Werkausgabe solle drei Bände mit je zwei Büchern Schriften, Reden und Briefe Levis von 1914 bis zu seinem Tod 1930 umfassen, kündigte Schütrumpf an, bevor er sich drei Problemkreisen der in den Bänden II/1 und II/2 enthaltenen SWP-Pressebeiträge Paul Levis zuwandte: dessen Haltung zur Weimarer Republik, zur russischen Revolution und zur KPD.

Aus Platzgründen greift der Berichterstatter hier nur Äußerungen Levis heraus, in denen sein Andersdenken über russische Revolution und Diktatur des Proletariats deutlich wurde. Anfangs noch gemäßigter in seinen Urteilen, teilte er mehr und mehr die radikale Kritik Rosa Luxemburgs an der undemokratischen, freiheitsberaubenden, despotischen Strategie und Taktik der Bolschewiki. Das veranlasste ihn schließlich, Luxemburgs bereits 1918 im Gefängnis entstandene Schrift „Zur russischen Revolution“ 1921 zu veröffentlichen. Er selbst blieb ein unversöhnlicher Gegner jeglicher Negation ziviler Demokratie und Freiheit. Zum Beweis rezitierte Jörn Schütrumpf ein authentisches Beispiel aus Levis Feder. 1927, zum zehnten Jahrestag des Oktoberumsturzes, hatte der formuliert: „Der Terror an und für sich gehörte nicht zu dem Grundbestand der bolschwistischen Lehre… Der Terror vielmehr kam in das bolschwistische Arsenal erst später in Ausübung der Diktatur des Proletariats, die etwas grundsätzlich anderes ist als Terror. Diktatur zu Terror verhält sich wie Strategie zu Schlacht; diese ist nur ein Mittel im Dienste jener. In Ausübung also der Diktatur sahen sich die Bolschwiki zu immer schärferen Maßnahmen gedrängt, und am Schluß stand das System des Terrors… Praktisch aber – und die Praxis ward bald Lehre – haben die Bolschewiken stets Diktatur und Aufhebung der Demokratie für identisch gehalten und niemals irgendeine demokratische Anwandlung gezeigt …“ Bis Mitte der 1980er Jahre blieb der diktatorisch-zentralistische Politikstil die Verkehrsform der KPdSU – mit den bekannten Folgen, wie sie Rosa Luxemburg und Paul Levi vorausgesehen hatten.

In der Diskussion äußerte sich Bewunderung für einen „brillanten Kopf“ (Carl v. Ossietzky), der erst mit 35 Jahren angefangen hatte, politische Texte zu schreiben, nachdem er die bolschewistische Literatur in einem Parforceritt studiert hatte. Der im Verhältnis von Demokratie und Recht zwar für ein wehrhaftes Recht eintrat, aber zugleich die Gewaltenteilung verteidigte. Übereinstimmung bestand darin, dass Levis Schriften mannigfaltige Denkanstöße für heutige gesellschaftspolitische Entwicklungsfragen bieten könnten. Klaus Kinner wies auf den umfangreichen erkenntnisträchtigen Anmerkungsapparat der beiden ersten Bände hin. „Darin sind unzählige interessante Detailinformationen enthalten. Von besonderem Erkenntniswert sind die intellektuellen Betrachtungen Levis, die Jörn Schütrumpf zusammengetragen und bearbeitet hat“. Lob und Dank im Doppelpack für den Herausgeber, der die gesamte Werkausgabe bis Ende 2017 auf den Büchermarkt bringen will.