Endlich Schluss mit dem Tanz ums goldene Kalb!

Die LINKE wie auch die gesamte Linke sollte sich endlich auf ihre aufklärerischen Traditionen besinnen – gerade beim Thema Laizismus. Eine Polemik.
von Steffen Juhran

Man könnte meinen, man sei im falschen Film. Da schreiben Linke einen Antrag, der im Wesentlichen nichts anderes tut als Positionen aus dem Erfurter Programm zu wiederholen, und vorzuschlagen, aus diesen Positionen eine deutlichere gesellschaftliche Positionierung abzuleiten.

Doch anstatt die Gelegenheit zu nutzen und sich frohlockend in der Tradition der Marx’schen Kritik zu sammeln, rumort es in der Partei.

Viel wäre im Einzelnen dazu zu sagen. Am schockierendsten bleibt aber die krasse Abkehr von den Ur-Motiven des historischen Materialismus: die Erkenntnis „die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Der ganze Kladderadatsch, den der olle Kalle mühsam in seiner Kritik der bürgerlichen Ökonomie am Abend seines Lebens ausarbeitete, ging einst aus von der These, dass der Mensch die Gesellschaft gut und gerecht einrichten könnte – wenn er denn erkennen würde, dass er allein sich seine Welt tätig produzierend stets selbst schafft. So wandte sich Marx‘ Kritik erst gegen die Religion (von der er 1843 leider etwas zu optimistisch schrieb, „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt“ Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1: 378-391.) wie gegen das Recht und den Staat, bevor er sich den Sphären der Ökonomie zuwandte.

„Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ (Ebenda)

Ziel des ganzen Programms mit den Zuständen und dem Umwerfen ist, eine Welt zu etablieren, in der die Menschen ihr Potential als Gattungswesen überhaupt erst verwirklichen können. Eine Welt, in der die im Kern irrationalen Ungerechtigkeiten und eben Selbstentfremdungen dem unerschrockenen Selbstbewusstsein weichen, in dem Menschen all den Tand wie Staat, Wert und eben auch Gott als das begreifen, was sie sind: Projektionen ihrer Selbst. Fetische, aufgerichtet und in jedem Moment tätig wieder hergestellt als über den Menschen thronende, dem Verstand entrückte böse Geister.

Eine gesellschaftliche Linke täte gut daran, gerade in Zeiten, in denen allerorts der dumpfe Kulturalismus regiert, stolz und offensiv dieses Erbe zu verteidigen. Ziel bleibt es, auch all die Zustände umzuwerfen, in denen Individuen aufgrund ihres Unglaubens Opfer werden.

Laizismus ist da nicht viel mehr als ein schaler, realpolitischer Kompromiss. Laizismus ist die sozialdemokratische Position in Bezug auf die Religion. Gegenstand von LINKEN in Tradition des historischen Materialismus sollte eigentlich die völlig selbstverständliche, aufklärerische Kritik der Religion sein.