„Der rote Napoleon“

von René Lindenau

Michail Tuchatschewski (1893-1937)

Jede Revolution hat ihre Kinder. Wenn sie Ärger machen, werden sie mancherorts aufgefressen. Zurück bleibt eine Gesellschaft, der es zunehmend am revolutionären Nachwuchs fehlt. Irgendwann ist sie ganz kinderlos und dem Untergang geweiht. So ist es geschehen – in und mit der Sowjetunion. Man denke an die Moskauer Schauprozesse der Jahre 1936-38; ein für so viele tödliches unrechtes Mittel zur Verhütung von Revolutionen.

Schließlich erreichte die „Schlächterei der Säuberungen“, wie es Chruschtschow später ausdrückte, auch die Reihen der Roten Armee. Das prominenteste Opfer des Generalstaatsanwaltes Andrej Wyschinsky sollte Marschall Michail Tuchatschewski werden. Der legendäre Marschall Georgi Shukow meinte dem Außenminister Andrej Gromyko gegenüber: „Ein besonders schwerer Verlust für Armee und Staat war Tuchatschewski“. Dennoch wurde er von Wyschinski, einem Amtsvorgänger Gromykos, angeklagt.

Dringen wir ein in das Leben dieses Mannes, den der Komponist Dmitri Schostakowitsch in seinen Memoiren als „sehr ehrgeizigen und gebieterischen Mann“, einen „Liebling der Götter“, als die herausragende Persönlichkeit der Roten Armee, als aufbrausend und großzügig beschrieb. Anders als der Volkskommissar Marschall Woroschilow, dem Leo Trotzki nur eine „hinterwäldlerische Enge seines Horizonts“ zuschrieb, galt Tuchatschewski als vielseitig gebildeter Offizier mit Interesse für Musik, Theater, Literatur und Fremdsprachen (Französisch, Deutsch). Auf schöne Frauen soll er sich auch verstanden haben.

Geboren wurde Tuchatschewski 1893 als Sohn einer verarmten Adelsfamilie. Nach dem Gymnasium besuchte er mehrere militärische Lehranstalten in Moskau und in Smolensk. Ab 1912 diente er in der zaristischen Armee und nahm am 1. Weltkrieg teil. Schon 1915 geriet er in deutsche Gefangenschaft. Dort lernte er den späteren französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle kennen, der ihn in Französisch unterrichtet haben soll. 1921 sollten sie sich noch einmal gegenüberstehen – als Gegner im sowjetisch-polnischen Krieg. Er als Kommandeur der Westfront der Roten Armee und de Gaulle als Freiwilliger auf polnischer Seite. Das Rad der Geschichte läuft eben nicht immer ganz rund. Den Weg in die Partei der Bolschewiki fand Tuchatschewski 1918. Sein späterer Ankläger Wyschinsky, damals noch Menschewik, fand ihn erst 1920.

Einen geradezu kometenhaften Verlauf nahm die Karriere von Michail Tuchatschewski in der Roten Armee. Mit 25 befehligte er eine Armee, mit 27 die Westfront im Krieg gegen Polen, mit 32 wurde er Generalstabschef und mit 42 war er Marschall. Umso tiefer der Fall: Mit 44 wurde er Opfer von Stalins Verfolgungswahn und der Gerichtsbarkeit Wyschinskys. Und das, obwohl er ein treuer Diener der Sowjetmacht war – im Bürgerkrieg, aber auch bei der Niederschlagung des Aufstandes der Kronstädter Matrosen oder bei der Zerschlagung des Bauernaufstandes im Gebiet Tambow. Als im Januar 1924 eine ZK-Kommission Mängel in der Ausbildung, der Auffüllung und der Erziehung der Roten Armee feststellte, war er aktiv an der Militärrefom beteiligt, die diese Mängel beheben sollte. Auszeichnungen mit der Goldenen Ehrenwaffe, mit dem Rotbannerorden und mit dem Lenin-Orden mochten belegen, das er in den Augen seiner (allmächtigen) Herren nicht alles falsch gemacht haben konnte. Wohl bestand seine Schuld darin, dass er den Veteranen aus der 1. Reiterarmee (Stalin, Woroschilow, Budjonny) in seinem militärtheoretischen Denken voraus war und militärisches Können nicht als „bürgerliches Fachwissen“ degradierte. Während die genannten „Großen Drei“ bei künftigen Kriegen weiter aufs alte Pferd, die Kavallerie, zu setzen schienen, warb er für eine Modernisierung der Streitkräfte. Viel Aufmerksamkeit widmete er daher der Konstruktion und der Ausrüstung mit neuen Waffen. In einem Memorandum an den Kreml forderte er 1930 den Bau von 40.000 Flugzeugen und von 50.000 Panzern. Das war zu viel für Stalin, der ihm daraufhin „roten Militarismus“ und „konterrevolutionäre Sabotage“ vorwarf. Trotz aller Widerstände, die Kerngedanken seiner Reformideen setzten sich durch. Und wie nach seiner Meinung kommende Kriege geführt werden würden, machte er 1928 in dem Buch „Krieg der Zukunft“ nachlesbar. Dann, im Großen Vaterländischen Krieg, fanden Tuchatschewskis Vorstellungen praktische Anwendung auf den Schlachtfeldern. Ein Beispiel: die Panzerschlacht am Kursker Bogen 1943.

Aber schon sechs Jahre zuvor war das Ärger machende Kind der Revolution Michail Tuchatschewski von dem nimmersatten stalinschen Unterdrückungsapparat aufgefressen worden.

Verhaftet wurde er am 22. Mai 1937. Auch auf der Grundlage von durch Heydrichs SD gefälschten Dokumenten, für die die Sowjetunion 3 Millionen Rubel gezahlt haben soll, wurde ihm am 11. Juni der Prozess gemacht. Um 23.35 Uhr wurde das Todesurteil verkündet. Am 12. Juni wurde es vollstreckt. Marschall Konstantin Rokossowski, der selbst drei Jahre GULAG überstehen musste, fand für diese Schläge gegen Rote Armee die Worte: „Das ist schlimmer als Artilleriefeuer gegen die eigenen Truppen“. Dabei war die Exekution Tuchatschewskis erst die Ouvertüre einer Sinfonie des Schreckens, an deren Ende über 30.000 höhere Offiziere der Roten Armee „ausgespielt“ hatten. Es sei noch einmal Schostakowitsch zitiert, der über seinen Geige spielenden Beethoven-Freund sagte: „Ich wüsste gern, wer heute Tuchatschewskis Geigen spielt. Ich habe das Gefühl, sie müssten einen traurigen Klang haben“. Bleibt noch zu sagen, das der Marschall 1957 rehabilitiert wurde. Wie so viele andere. Früher oder später.