Kunos Rechenschränke

Daniel Sieben

Berlin-Kreuzberg, Mai 1941: „In einem großen Wohnzimmer, im Jugendstil möbliert“, so schildert ein Augenzeuge eine der erstaunlichsten Episoden aus der Wissenschafts- und Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts, „stand ein mechanisches undefinierbares Etwas, zusammengebaut aus Blech, Stabilbaukasten-Einzelteilen, Glasplatten, Kurbelarmen, Zahn-rädern und einer Programmwalze wie bei einem Glockenspiel, in der Größe eines Esstisches für acht Personen. Dieses Gebilde wurde mir als erste programmgesteuerte, mechanische Rechenmaschine vorgestellt“. Das von einem Studienfreund beschriebene schrankgroße Monster war das Werk des 31jährigen Bauingenieurs Konrad Zuse.

Im Jahre 1910 als zweites Kind eines Postbeamten und einer Näherin in Berlin geboren, verbrachte er die Kindheit im ostpreußischen Braunberg und bestand 1927 am Realgymnasium in Hoyerswerda die Reifeprüfung. Der musisch begabte Gymnasiast spielte gerne Theater, malte bis an sein Lebensende leidenschaftlich und wollte zunächst Reklamezeichner werden. Sein eigentliches Lebensziel wurde das Erfinden. Zuse studierte zuerst Maschinenbau, wechselte bald zur Architektur und sattelte schließlich zum Bauingenieurstudium um, von dem er die ideale Kombination von Ingenieur und Künstler erwartete. In jenen Jahren, erfahren wir aus dem Memoirenbuch „Der Computer – Mein Lebenswerk“, las Zuse neben Freud, Jünger, Nietzsche und Rilke auch den ersten Band von Marx „Kapital“ und „versuchte, so gut es ging, das schwierige Buch zu verstehen“. Während seiner Praktikantentätigkeit auf dem Bau imponierte es jungen Bauarbeitern, „endlich einmal jemanden zu treffen, der das ,Kapital‘ wirklich gelesen hatte“. Seine Marx-Lektüre trug „Kuno“, wie ihn seine Freunde nannten, die Einladung einer kommunistischen Jugend- und Studentengruppe zu einem „Kapital“-Kurs ein. Die kontroverse Diskussion habe allen Spaß bereitet. Erst als Zuse darauf bestand, auch in einem sozialistischen Staat müsse nach dem Gesichtspunkt der Rentabilität gearbeitet werden, stieß er auf absolutes Unverständnis. Für die damaligen Anhänger des Sozialismus seien Rentabilitätsberechnungen, kommentierte er diese Debatte Jahrzehnte später, eine Angelegenheit des dekadenten Kapitalismus gewesen.

Nach kurzer Tätigkeit als Statiker in der Flugzeugindustrie und der Arbeit an verschiedenen Projekten, darunter Verkaufsautomaten und auch bereits ein Verkehrsregelungssystem („grüne Welle“), begann Zuse 1936 wohlgemerkt im Wohnzimmer, nicht der Garage der Eltern, aus Blech, Sperrholz, Messingdraht, Glasplatten und anderen Materialien aus dem Sperrmüll den ersten programmgesteuerten dualen Rechner zu bauen. Die Eltern, Schwester Liselotte und Freunde brachten 23 000 Reichsmark auf, beschafften Literatur, sägten und feilten Bauelemente. Als er mit dem Computerbau begann, wird Zuse Jahrzehnte später ein-räumen, habe er weder etwas von Rechenmaschinen verstanden, noch jemals von seinem großen englischen Vorgänger Charles Babbage gehört. Und dennoch gelingt das Unglaubliche: Dem anfälligen mechanischen Funktionsmuster Z 1 aus dem Jahre 1938 und dessen verbesserter Version Z 2 (1940) folgt mit Z 3 vor 75 Jahren der erste funktionsfähige, binär und programmgesteuert arbeitende Rechner der Welt. Er arbeitete mit 2600 Relais und vereinigte bereits die noch heute verwendeten Grundelemente Programmierwerk, Rechenwerk und Speicher. Kurioserweise verweigerte das Patentamt dem Erfinder des Computers, man lese und staune, nach 26jähriger Bearbeitung das 1941 beantragte Patent „mangels Erfindungshöhe“.

Zuse war weder Mitglied der NSDAP, noch „glühender Nazi“, wie der britische Geheimdienst wähnte. Ray Kurzweil kommt der Sache näher, wenn er betont: „Anfangs erhielt Zuse zwar etwas Unterstützung, und seine Maschinen spielten im Flugzeugbau eine untergeordnete Rolle, doch die deutsche Führung erkannte nur in Ansätzen, wenn überhaupt, welche militärischer Bedeutung die Entwicklung von Computern haben konnte“. Vielleicht bestand Zuses Glück im Unglück ja gerade darin, dass die faschistische Kriegsmaschinerie mit seinen genialen Erfindungen nichts anzufangen wusste.

Zuse heiratete in den letzten Kriegsmonaten seine Mitarbeiterin Gisela, floh mit ihr und der Z 4 nach Westen und fertigte nach dem Krieg erst im Allgäu, später im hessischen Bad Hersfeld industriell Rechner. Sein Zeichenautomat Z 64 war seiner Zeit wiederum weit voraus – sozusagen ein Vorläufer der CAD/CAM-Gerätetechnik. Der mittelständischen Zuse KG blieb dauerhafter geschäftlicher Erfolg jedoch versagt. Sie wurde 1966 von Siemens übernommen. Das eigentliche Genie, so lautet die böse Pointe eines der letzten Pressegespräche Zuses, sei derjenige, der dem Forschungsministerium 50 oder 100 Millionen aus der Tasche locken könne. Eine solche Form von Genialität sei ihm nie gegönnt gewesen. Der begnadete Erfinder, der in seinen letzten Lebensjahren an einem neuartigen Windkraftwerk experimentierte, erlag am 18. Dezember 1995 einem Herzleiden.