Digitale Revolution und soziale Verhältnisse im 21. Jahrhundert

von Jürgen Leibiger

Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen am 4. Juni 2016 in Leipzig

Dritte oder vierte Industrieelle Revolution, digitale Revolution oder Industrie 4.0: All diese Kennzeichnungen der Umbrüche im System der produktiven Kräfte reflektieren, dass sich fundamentale Veränderungen in den Produktions- und Lebenswelten vollziehen. Was ist das Bestimmende an diesen Veränderungen? Was bedeuten sie für die sozialen Verhältnisse? Ist diese Umwälzung im Kapitalismus beherrschbar oder braucht es dafür eine neue Wirtschaftsordnung? Muss die Frage vielleicht anders gestellt werden: Welche Produktivkräfte braucht der sozial-ökologische Fortschritt? Diese Frage nach der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts war Gegenstand der auch für eine Publikation vorgesehenen Beiträge eines Kolloquiums, in dem etwa vierzig Teilnehmer*innen interessiert und sachkundig diskutiert haben.

In seiner Einführung stellte der Autor dieses Berichts die Thematik des Kolloquiums in den Kontext der seit einigen Jahren erneut aufgebrochenen Diskussion über das Schicksal des Kapitalismus und gab einen Überblick über die dazu vertretenen Meinungen. Sie reichten von einem grenzenlosen Optimismus bis zu der Auffassung, die Welt erlebe gerade, wie sich mit der digitalen Revolution zugleich der Kollaps des Systems vollziehe.

Als erster geladener Referent sprach Thomas Kuczynski (Wirtschaftshistoriker, Berlin) über die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in der Geschichte. Die auf Marx fußende wirtschaftshistorische Analyse zeige, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse vor der industriellen Revolution stets reversibel waren. Erst durch diese, mit der Produktion des relativen Mehrwerts, erhielten sie ihre technologische Basis; in ihr wurden die spezifisch-kapitalistischen Produktivkräfte geschaffen. Davon ausgehend zeigte Kuczynski, warum die in Osteuropa vorhandenen sozialistischen Produktionsverhältnisse noch keine spezifisch sozialistischen waren und sich demzufolge als reversibel erwiesen. Eine Prognose hinsichtlich der Bewältigung der gegenwärtigen technologischen Revolution im Kapitalismus sei kaum möglich. Einerseits habe dieses System eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit bewiesen, andererseits seien selbst Revolutionäre vom plötzlichen Zusammenbruch politischer Systeme überrascht worden.

Nach Stefan Meretz (Commons-Netzwerk und Keimform-Blog) erzwinge der Commons-Ansatz eine Reflexion ehern geglaubter marxistischer Grundsätze. Dazu gehöre das Verhältnis von Produktivkräften und Gesellschaftsform, von Produktion und Reproduktion, von Reform und Revolution. Traditionell würden die Produktionsverhältnisse als resultierende gesellschaftliche Bewegungsform der Produktivkräfte angesehen. Dieses theoretische Ableitungsverhältnis habe sich als inadäquat erwiesen. Stattdessen sei die Produktionsweise als Ganze zu betrachten. Die Industrie 4.0 konstituiere commonistische Subjektivitäten im Widerspruch zwischen Selbstentfaltung und Selbstverwertung. Eine Aufhebung des Kapitalismus kann nur die Aufhebung der Sphärenspaltung von Ökonomie und Care sein. Commons und Peer-Produktion (Beitragen statt Tauschen) seien das theoretische und praktische Paradigma der Aufhebung des Kapitalismus.

Gerhard Banse, Präsident der Leibniz-Sozietät, sprach über Technikentwicklung und die Abschätzung und Bewertung ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen mittels Technikfolgenabschätzung bzw. Technikbewertung (TA). Sie sei gerichtet auf das Erfassen und Beurteilen beziehungsweise Bewerten der Einführungsbedingungen sowie der Nutzungs- und Folgedimensionen technischen Handelns unter gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen, ökologischen, technischen, wissenschaftlichen, militärischen und humanen (einschließlich ethischen) Aspekten. TA mache deutlich, dass Technik stets an Zwecke, Werte und vor allem Interessen rückgebunden ist und dass somit auch oder vor allem diese Zwecke, Werte und Interessen zu thematisieren, zu begründen und zu rechtfertigen sind.

Wolfgang F. Haug (Herausgeber des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus, Esslingen, La Palma) betonte, jede technische Entwicklung müsse durch einen Selektionsfilter. Zwar gebe es einen urmenschlichen Erkenntnisdrang, aber die Haupttriebkräfte seien primär der Profit und die Konkurrenz. Es gehe um „Distanz-Technik“, um die Entwicklung einer Technik, um Konkurrenten im Grad der Verwertung auf Abstand zu halten. Dies gelte auch für Digitalisierung und Netzwerktechnologien, deren Potenziale dadurch eine Perversion erführen. Sie bestehe darin, dass die Informationen, welche die Nutzer beabsichtigt oder unbeabsichtigt ins Netz einspeisen, der monopolisierte Rohstoff der Verwertungsmaschinerie der Netzwerkkonzerne seien. Diesen Rohstoff stellen die Nutzer kostenlos zur Verfügung, indem sie in die Falle einer scheinbaren „Umsonst-Ökonomie“ tappten. Tatsächlich gebe es nichts umsonst. Wir zahlten durch die Preisgabe persönlicher Informationen, mit denen im Netz eine Art „Zwilling“ unserer selbst geschaffen werde und aus dessen Aneignung sich die Macht der Internetkonzerne speise.

Dieser Gedanke wurde von Thomas Wagner (Journalist, Autor von „Robokratie“) vertieft, der über die Ziele und Ideologien sprach, die hinter der Erklärung des „Menschen als Auslaufmodell“ stehe. Sponsoren dieser Ideen seien die Konzerne der Superreichen und Supermilliardäre aus dem Silicon Valley, die Markt und Demokratie als veraltete Technologien bezeichneten, weil nur Monopole in der Lage seien, die neuen globalen Technologien zu schaffen. Die Arbeit an der künstlichen Intelligenz solle auf die „technologische Singularität“ zusteuern. Ab jenem Zeitpunkt verbessern sich die Maschinen selbst und überholen den Menschen in seiner Kreativität und seinen demokratischen Vorstellungen. Gegen diese Allmachtphantasien in und im Umfeld der großen Netzwerkmonopole sollten, so Wagner, die Linken und Progressiven eine Strategie zur Rückgewinnung des öffentlichen Raums stellen. Die 1968er Losung „Enteignet Springer“ müsse heute lauten „Enteignet Google“.

Der Beitrag von Gisela Notz (Sozialwissenschaftlerin, Berlin) titelte „Alternatives Wirtschaften im Kontext der modernen Produktivkraftentwicklung“. Früh hätten sich real-utopische Modelle entwickelt, nach denen nicht nur die Arbeiten in der Industrie, sondern auch die Haus- und Sorgearbeiten alternativ zum kapitalistischen System gestaltet werden sollten. Notz sprach dann vor allem über die Geschichte der Genossenschaftsbewegung, die eng mit der industriellen Entwicklung des 19. Jahrhunderts verbunden war, deren Ideen sich aber auch auf den Kontext einer Industrie 4.0 anwenden ließen.

Aus den in der Diskussion vorgetragenen Standpunkten und Fragen sollen zwei hervorgehoben werden. Offen sei geblieben, was die digitale Revolution für den Charakter der Lohnarbeit bedeute, welche Stellung das neue „digitale Proletariat“ einnehme und was das für die Klassenverhältnisse und Klassenkämpfe bedeute. Gegenwärtig gebe es viele „Fronten“ der sozialen Auseinandersetzung; damit ihre Akteure zusammenfinden, müsse die Linke lernen, Brücken zu schlagen, und dabei ein eigenes Profil entwickeln. Die Orientierung auf die Commons sei dafür zu eng, andere Perspektiven zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kämen dabei zu kurz und wären in den Referaten insgesamt zu wenig angesprochen worden. Der Wandel der Produktivkräfte und der sozialen Verhältnisse würde zwar reflektiert und interpretiert, es käme aber auf ihre Veränderung und dessen Subjekte an.