Die (neue) intellektuelle Rechte

von Sven Brajer

Trotz subtropischer Temperaturen, sowohl im Freien wie auch in der WIR-AG, versammelten sich am Freitag, den 24. Juni, zahlreiche Gäste, um bei der Podiumsdiskussion der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen zum Thema „Die (neue) intellektuelle Rechte“ den Analysen von Natascha Strobl (Wien) und Stefan Kleie (Dresden) zu lauschen. Erstmals moderierte Sven Brajer vom Arbeitskreis der RLS Dresden den Abend.

Natascha Strobl studierte in Wien Politikwissenschaft und Skandinavistik und schloss ihr Studium mit einer Arbeit zur Neuen Rechten ab. Sie ist aktive Antifaschistin und betreibt den Blog „Schmetterlingssammlung“. 2014 erschien von ihr, zusammen mit Julian Bruns und Kathrin Glösl, das Buch: „Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa“ im Unrast-Verlag Münster. Stefan Kleie studierte Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Alte Geschichte in Dresden und Tübingen und wurde 2011 an der Universität Basel mit einer Arbeit über den „Rosenkavalier“ promoviert. Seit Anfang 2016 arbeitet er als Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Kulturgeschichte der TU Dresden. Daneben schreibt er als freier Journalist u.a. für die Junge Welt, Das Argument, neues deutschland, die Dresdner Neuesten Nachrichten, den Merkur und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Im ersten Block wurde zum einen der Versuch unternommen, eine Definition von Intellektuellen per se bzw. rechten Intellektuellen zu finden und zum anderen der Frage nachgegangen, warum sich ausgerechnet Wien und Dresden zu Zentren diverser rechter Denkfabriken in den letzten Jahren entwickelt haben. Die Universität Wien, 1365 gegründet, ist die älteste Universität im heutigen deutschen Sprachraum – hier konzentriert sich, mit wenigen Ausnahmen wie Graz, Innsbruck oder Salzburg, die österreichische „Elite“, auch was konservative und rechte Gruppierungen betrifft. Martin Lichtmesz, bürgerlicher Name: Martin Semlitsch, (* 1976 in Wien), ist ein führender Kopf der Neurechten in Österreich. Seit 2005 arbeitet er für die Junge Freiheit überwiegend als Filmkritiker. 2012 besuchte Lichtmesz mit Götz Kubitschek (* 1970 in Ravensburg) den Convent internationale des Bloc identitaire in Orange, Frankreich. Lichtmesz verfügt über enge Kontakte zum österreichischen Ableger der Identitären Bewegung, neben Kubitschek und Felix Menzel (*1985 in Karl-Marx-Stadt), der zu den zentralen Figuren der Identitären Bewegung in Deutschland zählt. Gewählt werden unter anderem Aktionsformen, die in den Medien mitunter als Spaßguerilla bezeichnet werden. Andere Aktionen verlaufen gewalttätig gegen Sachen oder gegen Personen. So stellten 2014 vermummte Wiener Identitäre auf dem Stephansplatz in Wien Hinrichtungen, wie sie vom IS verübt werden, nach, um gegen Migration („Masseneinwanderung“), eine angeblich drohende Islamisierung und Terrorgefahr Stimmung zu machen. Nach diesem Abstecher Natascha Strobls nach Wien trug Stefan Kleie ein Zitat von Antonio Gramsci (1891-1937) vor, der den Begriff „organischer Intellektueller“ für Menschen, die die Ideen einer bestimmten Klasse vertreten und diese artikulieren, prägte. Großes Vorbild für die Neurechten ist der von Arnim Mohler geprägte Sammelbegriff der konservativen Revolution für die rechtsintellektuelle Klientel der Weimarer Republik. In Dresden stechen besonders Zeitschriften wie Die Blaue Narzisse (BN), ein 2004 in Chemnitz gegründetes Jugendmagazin, heraus, dessen Sitz sich seit 2013 auf dem Weißen Hirsch in Dresden befindet. Durch das Wirken des bereits erwähnten Gründers des Magazins, Felix Menzel, ergeben sich Synergien zwischen Sachsen und Österreich. Weitere Pfeiler sind das von Kubitschek errichtete Institut für Staatspolitik in Schnellroda in Sachsen-Anhalt und der angeschlossene Antaios-Verlag. Hier wurde Renaud Camus (* 1946) rechter Klassiker „Revolte gegen den Großen Austausch“ 2015 von Lichtmesz übersetzt und herausgegeben. Dieses Buch besitzt nur wenige Stellen intellektueller Klarheit und ist voll von Verschwörungstheorien und Sozialdarwinismus. Dennoch bzw. gerade deswegen verkauft es sich offenbar wie warme Semmeln. Noch stärker auf die konservative Revolution berufen sich die Beiträge der seit 2013 vom Alt-68er Frank Böckelmann (* 1939 in Dresden) verlegten Zeitschrift Tumult – Magazin für Konsensstörung.

Der zweite Block befasste sich mit der Verherrlichung von Männlichkeit und dem Wiederauftauen von längst vergessenen Frauenbildern, von den Identitären über den Front National bis zur AfD. So fühlen sich die Identitären wie die gestählten Krieger Spartas, bekannt nach dem Film „300“, aus dem sie auch ihr Zeichen, das griechische Lambda, gewählt haben. Frauen dienen auf Demonstrationen lediglich zur Zier bzw. ihr Auftreten in der ersten Reihe soll mögliche Gegendemonstranten verschrecken und nette Fotos generieren. Ansonsten wirkt das Frauenbild der Rechten wie aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zusammengesetzt: Die Frau gehört hier an den Herd und hat den Mann und die Kinder zu versorgen. Das Podium war sich einig, dass hier feministische Gegenstrategien effektiver zum Einsatz kommen müssen, um diese verstaubten Rollenbilder öffentlichkeitswirksam aufzudecken und zu bekämpfen.

Abschließend wurde über die Krise der Linken und das Auseinanderklaffen von altlinken Institutionen wie Parteien oder Gewerkschaften und junglinkem emanzipatorischem Engagement gesprochen. Regionale außerparlamentarische Bündnisse und ein „europäischer Stammtisch“ (S. Kleie) könnten vielleicht helfen, diese Krise zu überwinden, und dabei die politische Initiative zur Linken zurückzuholen.