„Jeder Mensch braucht eigenen Gelderwerb, soziale Anerkennung, Autonomie und gesellschaftliche Teilhabe“

Simone Hock sprach für „Links!“ mit Simone Wagner, Leiterin Stabstelle für Zuwanderung, Asyl und Flucht in der Agentur für Arbeit.

Sie leiten die Stabsstelle für Zuwanderung, Asyl und Flucht in der Arbeitsagentur. Was sind Ihre Aufgaben?
Ich koordiniere intern die Kommunikation, Entscheidungsprozesse und Handlungsfelder, auch alle internen und externen Netzwerkpartner. Ich pflege die Kontakte zu regionalen Institutionen, Helferkreisen etc., nehme zum Beispiel an Unternehmerstammtischen teil. Und ich bearbeite Anfragen, die uns zum Thema Asyl und Flucht erreichen.

Ab welchem Zeitpunkt können Sie den Angekommenen helfen? Wie?
Kurze Wege und ein gut funktionierendes Netzwerk sind ein wesentlicher Aspekt für eine spätere berufliche Integration. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt zu den regionalen Partnern. Dies sind zum Beispiel die Ansprechpartner der Kommunen, der Ausländerbehörde, dem Sozialamt, der Wohnheime/-projekte, der Integrationskursträger, der Helferkreise. Eine Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen ist je nach Sprachkenntnissen bereits ab Beginn ihres Aufenthalts im Landkreis möglich. Sie sollten verstehen, welche Dienstleistungen wir ihnen bieten können und ihre Beschäftigungs- bzw. Ausbildungswünsche formulieren können. Den Flüchtlingen stehen ebenfalls alle Beratungs- und Vermittlungsdienstleistungen der BA zur Verfügung. So können wir zum Beispiel Qualifizierungsmaßnahmen finanzieren oder Leistungen an Arbeitgeber bei Einstellung gewähren. Die Arbeitsagentur ist zuständig für Asylbewerber/innen und Geduldete. Asylberechtigte werden durch das Jobcenter betreut.

In den Medien gibt es unterschiedliche Aussagen zum Bildungsgrad und zu Qualifikationen der Geflüchteten. Wie sieht es ihrer Erfahrung nach wirklich aus?
Mir ist keine aktuelle Statistik zum Bildungsgrad und zur Qualifikation bekannt. Und eine subjektive Einschätzung möchte ich nicht treffen. Allerdings haben viele Flüchtlinge verständlicherweise keine Dokumente mit, so dass eine Anerkennung ihres Berufs- bzw. Studienabschlusses in Deutschland nicht möglich ist. Es gibt auch Analphabeten, z. B. aus Bergregionen, wo es nun mal keine Schulen oder gar eine Schulpflicht gab. Da wird es schwierig mit Bildung bzw. Beschäftigung. Das Schul- und Ausbildungssystem in Deutschland ist einzigartig und muss den Menschen erst nahe gebracht werden.

Wie ist es im Land um Sprach- und Integrationskurse bestellt? In der Regel besteht ja wohl ein Angebots-, weniger ein Nachfrageproblem.
Die Zuständigkeiten für den Deutschunterricht liegen bei den Ländern (im Rahmen der Kulturhoheit) und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (im Rahmen des Ausländerrechts und des ESF-BAMF-Programms). Mit dem Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz vom 24. Oktober 2015 durfte die Bundesagentur für Arbeit einmalig und zeitlich befristet Einstiegskurse für Basissprachkenntnisse aus Mitteln des SGB III fördern. Der Eintritt in die Maßnahme musste bis zum 31.12.15 erfolgt sein. Fortführende Deutschsprachkurse darf es über die BA nicht geben. Die Teilnahme an den arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen der BA setzt in der Regel ausreichende Deutschkenntnisse voraus, die dem Ziel der Maßnahme und der angestrebten beruflichen Tätigkeit angemessen sein müssen. Berufsbezogene Deutschförderung kann Bestandteil von Eingliederungsmaßnahmen nach dem SGB III bzw. SGB II sein. Eine solche Förderung ist jedoch nachrangig gegenüber den Angeboten des BAMF und kann nur eingesetzt werden, wenn Angebote des BAMF nicht vorhanden oder nicht passgenau sind. Der Anteil der berufsfachlichen Kenntnisvermittlung muss den Anteil der berufsbezogenen Sprachförderung in der zeitlichen Dimension überwiegen. Angebote für Integrationskurse stehen im Landkreis Zwickau ausreichend zur Verfügung. Die Zulassungsdauer von Flüchtlingen zum Kurs durch das BAMF dauert derzeit ca. acht Wochen. Momentan sind noch freie Kapazitäten vorhanden.

Welche Unterstützung brauchen die Geflüchteten, um hier auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt eine Chance zu haben?
Die Sprachbarriere ist nur eine der Hürden, die Zugewanderte nach ihrer Ankunft in Deutschland überwinden müssen. Nicht selten sollen sie, ohne dass sie sich in ihrem Lebensumfeld auskennen, selbstständig Termine vereinbaren und den Weg zu Behörden und Ärzten finden. Es ist schön, dass es viele ehrenamtliche Helfer/innen gibt, die sich intensiv um die Geflüchteten sowie deren Probleme kümmern. Sicher gibt es eine Vielzahl von „Stolpersteinen“ im sozialen Umfeld, so dass die berufliche Integration oft nicht im Vordergrund steht. Unsere offensive Informationskampagne bei Arbeitgebern, Institutionen, Sozialarbeitern oder Helferkreisen erbrachte ein gewisses Umdenken. Viele Arbeitgeber haben erkannt, welche Potentiale erschlossen werden können. Die Helfer, die die Flüchtlinge betreuen, wissen jetzt, dass es seitens der Arbeitsagentur Unterstützung bei der beruflichen Integration gibt. Arbeitgebern muss klar sein, dass die Eingliederung von Geflüchteten ins Unternehmen ein aufwändiger Prozess ist.

Welche Hilfen können Sie den Geflüchteten und den Unternehmen geben, damit unsere neue Nachbarn eine Chance für Ausbildung und Job haben?
Jeder Mensch braucht eigenen Gelderwerb, soziale Anerkennung, Autonomie und gesellschaftliche Teilhabe. Um dies zu erreichen, gibt es vielfältige Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten. Voraussetzung für die Teilnahme an Maßnahmen der Agentur ist jedoch, wie bereits erwähnt, der Erwerb von Sprachkenntnissen. Für eine Ausbildung ist das Sprachniveau B2 erforderlich, um in den Berufsschulen dem Unterricht folgen zu können. Unterstützend zu den Sprach- bzw. Integrationskursen gibt es die Möglichkeit, über Sprachkurslizenzen, die McDonald’s zur Verfügung gestellt hat, die Sprachkenntnisse zu verbessern. Arbeitgeber haben zum Beispiel die Möglichkeit, mittels Praktikum festzustellen, ob eine Eignung für die künftige Tätigkeit/Ausbildung vorliegt. Alle Unterstützungsmöglichkeiten hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Alle, die unsere Unterstützung benötigen, sollen uns bitte ansprechen.

Wo sehen Sie Probleme oder besser gesagt, besondere Herausforderungen?
Besondere Herausforderungen bestehen in der künftigen Eingliederung der Geflüchteten auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Integration der Flüchtlinge sollte als Zukunftsinvestition verstanden werden. Es ist eine Illusion, dass die bisherigen Flüchtlingsströme den Fachkräftemangel in Deutschland „auf einen Schlag“ beheben werden. Dies ist eine langfristige Angelegenheit. Junge Erwachsene müssen zum Beispiel erst die deutsche Sprache erlernen, das deutsche Bildungssystem verstehen, berufliche Orientierung mittels unterschiedlichen Maßnahmen erfahren und gegebenenfalls über eine Einstiegsqualifizierung den künftigen Ausbildungsbetrieb kennen lernen, bevor es zur einer in der Regel dreijährigen Berufsausbildung kommt.

Welche Unterstützung bräuchte es seitens der Politik für die Integration?
Sprachkurse mit Zugang für jeden Asylbewerber.

Was wünschen Sie sich?
Frieden auf der Welt.