Friedensfahrt 2016

von Peter Porsch

Manch eine Leserin, manch ein Leser mag sich jetzt die Augen reiben. „Habe ich etwas verpasst?“ Kann sein! Obwohl, der Sachsenspiegel hat mehrmals und ausführlich berichtet. Diese Friedensfahrt hat stattgefunden, vom 1. Mai bis zum 7. Mai 2016. Freilich standen keine Massen Spalier. Die Fahrt bewegte sich kaum auf großen Straßen, sondern auf manchmal auch abgelegenen Radwegen. Das Feld wechselte seine Größe. Ausreißversuche und Verfolgungsjagden fanden nicht statt. Stürze gab es, sie verliefen aber zum Glück glimpflich. Alles schien eher beschaulich als sportlich-kämpferisch. Es ging eben ausgesprochen friedlich zu. Dieser „Cours de la Paix neuer Qualität“ ging auch nur durch Sachsen. Neu „erfunden“ war alles von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Die ersten drei Tage nahm ich selbst daran teil. Die Strecken – zwischen 30 und 80 Kilometer lang – waren zu bewältigen. Es gab ausgesprochen junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ebensolche in bereits gesetztem Alter. In der Idee waren aber alle einig: Wir wollen für den Frieden ein Zeichen setzen, indem wir an die politische Ambition einer sportlichen Tradition anknüpfen, die vor dem Kommerz der Nachwendezeit nicht bestehen konnte. Und wir wollen auf der Fahrt lernen, was und wer zum Krieg treibt, wie Frieden zustande kommt und warum er hält und nicht hält. Die Fahrt sollte ein Bildungserlebnis sein. Deshalb berührte sie wichtige Gedenkorte und -stätten in Sachsen, die mit diesen Fragen verbunden sind und wo sich auch Antworten darauf ergeben könnten. Mit Vorträgen und Besichtigungen wurde dies versucht. An Orten seien beispielhaft genannt Schloss Altranstädt, das Leipziger Völkerschlachtdenkmal, die Hubertusburg in Wermsdorf und das Pfarrhaus in Kötzschenbroda. In Altranstädt zwang 1706 Karl XII. von Schweden mit einem Friedensvertrag August den Starken zum Verzicht auf die polnische Krone. Ein Jahr später wurde ebenda mit der sogenannten „Altranstädter Konvention“ Kaiser Joseph I. die Glaubensfreiheit für die schlesischen Protestanten abgezwungen. Die Völkerschlacht bei Leipzig läutete mit unermesslichen Opfern das endgültige Ende napoleonischer Herrschaft über Europa ein. In Wermsdorf wurde der Friedensvertrag zur Beendigung des „Siebenjährigen Krieges“ unterzeichnet. Das besiegte Sachsen und Österreich kamen dabei bekanntlich gar nicht gut weg. Mit einem Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden, der 1645 im Pfarrhaus von Kötzschenbroda unterzeichnet wurde, war Sachsens Ausscheiden aus dem „Dreißigjährigen Krieg“ vorgezeichnet. All diese Friedensverträge, Konventionen und Waffenstillstände ergaben sich zwischen Siegern und Besiegten. Sie waren diktiert von Stärke und besiegelt von Unterwerfung. Das sollte zu denken geben.

In Dresden gab es Unterkunft an der Offiziershochschule der Bundeswehr und einen Vortrag ihres Kommandeurs zur „Rolle der Bundeswehr in internationalen Friedenseinsätzen“. Der 80. Geburtstag meiner Schwiegermutter enthob mich der Teilnahme an diesem Teil der Fahrt. Mögen die künftigen Offiziere der Bundeswehr und ihr Hochschulkommandeur an die „Friedens“-Einsätze glauben und Argumente dafür sammeln. Die neuesten Entwicklungen (Indienststellung der Raketenabwehr in Rumänien oder die rotierenden NATO-Brigaden im Baltikum) lassen mich an Friedenseinsätzen von Armeen zweifeln. Ein abschließender Arbeitseinsatz am Garnisonsfriedhof in Dresden sollte gezeigt haben, wohin ungezügelte Aggression führt. Nichts in der Welt wurde besser, als nationale Interessen an die Stelle von dynastischen traten. Wann gibt es endlich Frieden ohne vorhergehende Siege und Niederlagen? „Willst Du den Frieden, bereite den Krieg vor“, wann endlich hat das ausgedient?

Mein Fazit: Die Idee ist gut. Die diesjährige Fahrt ermuntert zur Wiederholung. Der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, ihrem Direktor Frank Richter und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gebührt außerordentlicher Dank für das Engagement. Mit der Zeit könnte die öffentliche Aufmerksamkeit für ein gerade in der heutigen Zeit so wichtiges Anliegen wie dem Frieden wachsen und eine neue Tradition in guter Erinnerung an die alte aufbauen. Nicht jeder und jede, der und die teilnehmen wollen, muss die gesamte Fahrt mitmachen. Toll wäre doch schon, wenn man Menschen ermuntert, ein paar Kilometer mitzufahren – vom Wohnort bis ins nächste Dorf oder in die nächste Stadt. Viele „kleine Friedensfahrten“ summierten sich dann wieder zu einer großen.