Falschmeldung eines „verlogenen Arschlochs“?

von Dr. Hartmut Kästner

Alle freuten sich auf den Sommer. Der Frühling des Jahres 1941 war vielversprechend; es war angenehm warm, die Natur erblühte und die Aussicht auf eine gute Ernte ließ die positive Stimmung unter der Sowjetbevölkerung wachsen. Auch hoffte man – nach den Prozessen der Jahre 1936–38 und den von den Menschen mit großer Unruhe wahrgenommenen Verfolgungen –, ein normaleres Leben führen zu können.

Anders waren die Befindlichkeiten der Offiziere und Generale der Roten Armee und der hohen Parteifunktionäre. Das tiefe Misstrauen gegenüber der faschistischen Ideologie, das auch durch den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 kaum beeinträchtigt wurde, kam in den Monaten Mai und Juni voll zum Tragen. Angesichts der militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht in Westeuropa und in Polen und wohl wissend, dass die englischen Streitkräfte keinesfalls gegen den deutschen Aggressor vorgehen würden, sah man sich einer wachsenden, von Deutschland ausgehenden Kriegsgefahr ausgesetzt. Insbesondere die Militärs, vor allem der Volkskommissar für Verteidigung Timoschenko und Generalstabschef Shukow, drängten Stalin, alle nötigen Maßmahnen zur Verteidigung der Heimat in Gang zu setzten. Vielfältige alarmierende Vorgänge an den Grenzen ließen keinerlei Zweifel daran, dass der Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion bevorstand. Der sowjetische Botschafter in London Maiski lieferte – gestützt auf Aussagen des englischen Geheimdienstes – Informationen über einen bevorstehenden Angriff im Sommer. Im Juni berichtete ein russischer Geheimdienstler, der von Berlin über Polen nach Moskau reiste, von Truppenverlegungen zur und Truppenkonzentrationen an der sowjetischen Grenze. Im Mai schrieb der Volkskommissar für die Seekriegsflotte Kusnezow an Stalin, dass nach glaubhaften Informationen noch im Mai eine Invasion der Deutschen stattfinden werde. Noch früher hatte der Chef der sowjetischen Aufklärung Golikow in einem Bericht verschiedenste Hinweise auf einen bevorstehenden Überfall der Wehrmacht aufgezählt und resümiert, dass zwischen dem 15. Mai und dem 15. Juni 1941 mit dem Beginn der Kriegshandlungen zu rechnen sei. In einer auf den 1. Juni 1941 datierten Depesche warnte der deutsche Kommunist und sowjetische Spion Richard Sorge seine Vorgesetzten in Moskau vor einer deutschen Aggression am 15. Juni. Mitte des Monats präzisierte er in einem Funkspruch: „Der Überfall wird am 22. Juni in aller Frühe auf breiter Front erfolgen“. Stalin indes gab nichts auf die warnenden Worte Sorges, so wie er auch die anderen Hinweise ignorierte. Eine Depesche Sorges versah der Sowjet-Herrscher gar mit der Anmerkung, es handele sich hier um die Falschmeldung eines „verlogenen Arschlochs, das in Japan ein paar kleine Fabriken und Puffs betreibt und es sich gutgehen lässt“. Er sah die immer stärker einlaufenden Hinweise als eine bewusste Provokation des britischen und deutschen Geheimdienstes, die Sowjetunion in einen Krieg mit Deutschland hineinzuziehen.

Am 21. Juni abends erhielt Shukow die Nachricht, dass ein deutscher Feldwebel übergelaufen sei, der glaubhaft versichere, dass am Morgen der Überfall beginnen würde. Diese Mitteilung gelangte über Shukow sofort zu Stalin. Die von den Generalen ausgearbeitete Direktive, die Truppen sofort in Gefechtsbereitschaft zu versetzten, wurde von Stalin abgelehnt: „Eine solche Weisung ist jetzt verfrüht, vielleicht lässt sich die Sache noch friedlich regeln … Die Truppen der Grenzmilitärbezirke dürfen sich nicht provozieren lassen, um keine Komplikationen hervorzurufen“. Wenige Stunden später, am nächsten Morgen um 3.30 Uhr, begann der Angriff der deutschen Luftwaffe auf weißrussische und ukrainische Städte. Um 3.40 Uhr wurde Kaunas bombardiert, und eine Stunde später begannen die Kampfhandlungen der Bodentruppen. Der Zweite Weltkrieg war in sein entscheidendes Stadium getreten.

Weshalb hatte Stalin all die Hinweise über den Zeitpunkt der deutschen Aggression ignoriert? Weshalb blieb er stur und meinte, eine kriegerische Auseinandersetzung mit Deutschland werde es erst zu einem späteren Zeitpunkt geben? Wieso konnte Stalin zu einer solchen Fehleinschätzung bezüglich des Termins des Überfalls kommen – eine Fehleinschätzung, die Shukow als den „Hauptfehler“ des gesamten Krieges nannte? Der große Militär des Zweiten Weltkriegs bemerkte in seinen Memoiren, dass Stalins „ganzes Sinnen und Trachten beherrscht war von einem Wunsch, einen Krieg zu vermeiden, und von der Gewissheit, dass ihm dies gelingen würde“. Stalin wusste, dass die Sowjetunion im Sommer 1941 noch nicht für einen Krieg „bereit war“. Das hing mit mehreren Faktoren zusammen. Erstens war erst mit dem Ende des 3. Fünfjahrplanes 1942 die ökonomische Basis für einen großen Krieg gegeben; zweitens befand sich die Rote Armee hinsichtlich der Quantität moderner Kampfmittel gegenüber der Wehrmacht im Nachteil; drittens hatten die von Stalin ausgehenden Verbrechen zur Vernichtung der hohen Generalität und zu einem starken taktisch-operativen Defizit der Roten Armee geführt, und viertens war ein adäquates Offizierskorps noch nicht nachgewachsen.

So ist es Stalin gewesen, der die Verantwortung für die Niederlagen der Roten Armee in den ersten Monaten des Großen Vaterländischen Krieges trägt. Die Verluste waren enorm, die Armee gab es eigentlich nicht mehr – wie Daniil Granin in seinem Buch „Mein Leutnant“ bemerkt. „Doch in der Geschichte jenes quälenden, beschämenden Sommers, des ersten Kriegssommers, stießen die voran eilenden deutschen Kolonnen auf etwas Unvorhergesehenes. Soldaten, die über keinerlei Panzer, Flugzeuge oder schwere Artillerie verfügten, die scheinbar verängstigt und von der deutschen Überlegenheit eingeschüchtert waren, erhoben sich plötzlich, brachten den glänzend durchdachten, unaufhaltsamen Vormarsch der gepanzerten Wehrmachtkolonnen zum Stehen“.

Es war der von Heimatliebe und Patriotismus gespeiste Widerstandswille von Millionen Soldaten an der Front, von Millionen Frauen und Halbwüchsiger in den Fabriken und anderen Wirtschaftseinrichtungen, es war die brutale Eroberungspolitik der Wehrmacht und es war der Glaube, für eine gerechte Sache zu kämpfen, die einen Gegendruck ganz allmählich, aber immer stärker werdend, aufbaute und erhöhte. Als die deutschen Truppen im Spätherbst vor Moskau standen, konnten sie die Feder des sowjetischen Widerstandes nicht noch enger drücken – sie war so gespannt, dass sie zurückschnellen musste.