Die Arbeit fängt gerade von vorne an

Zum 100. Jahrestag: Eine kritische Neuausgabe von Lenins Imperialismusstudie

von Daniel Sieben

Während Hugo Ball und seine Freunde im Zürcher „Cabaret Voltaire“ im Februar 1916 den Dadaismus aus der Taufe hoben, formulierte ein russischer Emigrant im Nebenhaus eines seiner wirkungsmächtigsten Werke. In den ersten Monaten des dritten Kriegsjahres brachte W. I. Lenin in einem spartanisch möblierten Zimmer der Spiegelgasse 14 seine berühmte Untersuchung „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ zu Papier. Das mit Rücksicht auf die Zensur geschriebene Werk konnte allerdings erst nach dem Sturz des Zaren im Sommer 1917 in Petrograd legal erscheinen.

Der 100. Jahrestag der Fertigstellung des Manuskripts bietet den willkommenen Anlass für eine kritische Neuausgabe. Auf der Basis moderner Editionsprinzipien präsentieren die Herausgeber Wladislaw Hedeler und Volker Külow eine Reihe neuer Forschungsergebnisse. Erstmals wird die Geschichte der Entstehung und Veröffentlichung des Werkes sowie der Personenkreis, mit dem Lenin in Verbindung stand, auf einer gesicherten Quellenbasis umfassend und jenseits parteipolitischer Instrumentalisierung dargestellt. Außerdem dokumentieren die Herausgeber, welche Quellen und welche Literatur Lenin für seine Untersuchung ausgewertet hat. Dabei wird auch das Konvolut der 21 berühmten „Hefte zum Imperialismus“ einbezogen. Diese verbreiterte Materialgrundlage erlaubt neue Einsichten in die innere Logik und die thematische Bandbreite von Lenins Forschungsprozess. Wie sich zeigt, hatte er eine enzyklopädische Perspektive und war darauf aus, die ökonomischen, politischen und geistig-ideologischen Aspekte des zeitgenössischen Imperialismus in ihrer Totalität zu erfassen. Lenin rezipierte dazu Veröffentlichungen renommierter Autoren und bekannter Gelehrter wie Hobson, Hilferding, Lansburgh, Liefmann, Riesser, Sartorius von Waltershausen und Schulze-Gaevernitz, aber auch Publikationen akademischer Außenseiter, die in den Annalen der Wissenschaftsgeschichte nur wenig Spuren hinterlassen haben und deren Originalität heute bestenfalls noch Spezialisten zu schätzen wissen. Wie sich zeigt, profitierte Lenin allerdings viel mehr, als bisher bekannt ist, von den Untersuchungen solcher Mitstreiter wie Bucharin und Sinowjew.

Die Darbietung und Kommentierung weiterer Texte Lenins aus den Jahren 1915/1916 und der Abdruck des berühmten Manifests, das der Internationale Sozialistenkongress in Basel 1912 verabschiedete hatte, erleichtern die Einbettung des Werkes in den imperialismustheoretischen Diskurs am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Der Erläuterung und Kommentierung der Texte dient ein zweigliedriger Fußnotenapparat. Dabei handelt es sich zunächst um Lenins Quellen- und Literaturverweise. Im Fußnotenapparat der Herausgeber werden Mängel bisheriger Editionen beseitigt und vor allem diejenigen Textpassagen nachgewiesen, die Lenin aus den „Heften zum Imperialismus“ in seine Studie übernahm. In ihrem Kommentar rekonstruieren Hedeler und Külow die Geschichte der Entstehung und Überlieferung des Werkes anhand neuer Quellen. Sie schildern eindringlich, wie die Bemühungen um das literarische Erbe Lenins, die Vorbereitung und Herausgabe der Werkausgaben und der Lenin-Sammelbände seit Mitte der 1920er Jahre immer stärker in den Sog der innerparteilichen Fraktionskämpfe gerieten. Als die „Hefte zum Imperialismus“ 1939 erstmals vollständig in gedruckter Form vorlagen, so eine ihrer bitterbösen Pointen, waren die meisten Editoren längst auf Stalins Geheiß umgebracht worden.
Fünf Verzeichnisse erschließen die Texte Lenins. In einem opulenten Abbildungsteil zwischen den Texten und dem Kommentar veranschaulichen 60 Illustrationen aus Moskauer und Zürcher Archiven, viele davon werden zum ersten Mal veröffentlicht, die Darstellung der Herausgeber.

Die kritische Neuausgabe wird durch Essays von Dietmar Dath und Christoph Türcke eingeleitet. Beide Autoren unterbreiten anregende Gedanken für eine Reaktualisierung von Lenins Werk. Dath stellt seine Relektüre unter die Überschrift „Text und Tat. Die fortlebende Herausforderung von Lenins Buch über den Imperialismus“. Er sieht in dessen Analyse „vor allem eine Schule des dialektischen Denkens … die ihm erlaubte, mit seiner nach hundert Jahren immer noch erstaunlich hilfreichen, nahezu unverminderten Sehschärfe nach links und rechts zu sehen“. Dath ist nach dem gescheiterten Sozialismusversuch jedoch Realist genug, um die vor der heutigen Generation stehenden Aufgaben nüchtern zu beschreiben: „In gewisser, sehr niederdrückender, sehr mühsamer Weise, fängt die Arbeit, die Lenin leistete, seither wieder gerade von vorne an“.

Die Wortmeldung des Leipziger Philosophen Türcke trägt den Titel „Deregulierter Imperialismus“. Auch er postuliert, dass „man aus Lenins hundert Jahre alter Imperialismusschrift weit mehr als aus vielen aktuellen Reportagen zur Lage in den gegenwärtigen Krisengebieten“ erfährt. „Lenin bietet einen verblüffend prägnanten Begriff jenes Imperialismus, dessen globale Deregulierung wir erleben“. Eine besonders originelle Deutung unterbreitet Türcke zum vielzitierten Fäulnisbegriff: „Mit seiner Einschätzung, dass der ‚Imperialismus bei lebendigem Leibe‘ verfault, lag Lenin richtiger als er selbst ahnen konnte. Nur folgt aus ihr nicht der Sozialismus. Verfaulende Organismen gehen zugrunde. Soziale Gebilde können sich hingegen – ähnlich wie ein Sumpf – durch Gären und Faulen unabsehbar lange regenerieren“.

Die kritische Neuausgabe von Lenins Imperialismusschrift bezeugt, dass ihr Autor alles andere als ein toter Hund ist. Dem selbst gewählten Anspruch, Impulse für eine neue Lenin-Lektüre zu vermitteln, wird das vorliegende Buch auf überzeugende Weise gerecht.

Die kritische Neuausgabe erscheint im Mai im Berliner Verlag 8. Mai.