Wlassow – Diener zweier Herren

von René Lindenau

Zur Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges gehört auch die Geschichte des Verrats – dem des sowjetischen Generals Andrej A. Wlassow. Geboren wurde Wlassow im September 1901 in Nishnij-Nowgorod. Zunächst besuchte er, ebenso wie Stalin, ein Priesterseminar. Im März 1919 zog es ihn in die Roten Garden, 1930 wurde Wlassow Mitglied der KPdSU. Ende der dreißiger Jahre arbeitete er in China als Militärberater von Tschiang Kai Schek. 1940 erhielt er den Rang eines Generalmajors. Zum 23. Jahrestag der Roten Armee heftete man ihm den Leninorden an die Brust. Das war 1941, dem Jahr des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion. Nun, als Befehlshaber der 20. Armee der Westfront, trug Wlassow entscheidend zum Sieg der Roten Armee in der Schlacht um Moskau bei. Daraufhin wurde er als Volksheld gefeiert und von Stalin zum Generalleutnant befördert. Die „ISWESTJA“ veröffentlichte sein Konterfei gemeinsam mit anderen Militärs auf der Titelseite.

Ilja Ehrenburg nannte den General nach einem Besuch 1942 „einen interessanten, ehrgeizigen und mutigen Menschen“. Nach den Memoiren von N. Chruschtschow war Wlassow „allgemein geachtet, als ein rechtschaffener Mann und als sehr fähiger Kommandeur“. Doch im Sommer 1942 mutierte dieser „mutige Mensch“ zu einem erbärmlichen Verräter an seiner Heimat.

Stalin persönlich schickte ihn im Frühjahr in den Leningrader Raum, um dort zur Entlastung der Sowjettruppen beizutragen. Dabei wurde der Generalleutnant mit der 2. Stoßarmee der Wolchow-Front eingekesselt. Seine Soldaten im Stich lassend, versuchte Wlassow dem Kessel zu entkommen. Mit Erfolg. Aber im Wehrmachtsbericht vom 14. Juli 1942 konnte die Gefangennahme des Armeeoberbefehlshabers gemeldet werden. Der Stalin-Befehl vom 16. August 1941, wonach jeder, der Kriegsgefangenschaft gerät, mitsamt seinen Angehörigen als Verräter anzusehen ist, hatte für Anna Michailowna, die Frau des Generals, ganz praktische Folgen: Arbeitslager!

Solshenizyn behauptet in seinem Buch „Archipel GULAG“, der letzte Anstoß für Wlassows Überlaufen zu den Faschisten sei gewesen, dass er mit seiner Armee vom sowjetischen Oberkommando dem Schicksal überlassen worden sei. Dem widerspricht Marschall Wassilewski, der zu jener Zeit 1. Stellvertreter des Generalstabschefs war. In seinen Erinnerungen ist zu lesen, dass Stalin um die Lage der 2. Stoßarmee sehr besorgt war. Das würden auch zahlreiche Direktiven beweisen. Uns schien, so der Marschall, dass wir alle möglichen Vorkehrungen getroffen hatten, um die Eingeschlossenen zu retten.

Der nun Kriegsgefangene Wlassow gab in den Verhören scheinbar bereitwillig auf alle Fragen Antwort. Zudem schienen die Verhöre in einer entspannten Atmosphäre zu verlaufen. Auskunftsbereit zeigt er sich auch in Winniza gegenüber Oberst Reinhard Gehlen, Abt. Fremde Heere Ost, der ihm die Bildung einer „Russischen Befreiungsarmee“ vorschlug, was durch Wlassow keine Einwände erfuhr. Dafür lehnte zum Beispiel Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel alle Bestrebungen zur Bildung einer solchen Armee umso energischer ab. Keitel verbat sich sogar künftig solche Vorschläge. Dennoch fanden sich im faschistischen Deutschland genügend Komplizen, die bereit waren, die verräterischen Ambitionen eines Andrej A. Wlassow fördern. Somit war der Weg frei …

Mit deutscher Genehmigung sprach man Mitte 1943 in einem „Smolensker Aufruf“ fiktiv vom Bestehen einer Gegenregierung zu Stalin. Ferner enthielt dieses Papier Zusagen von Demokratie, Meinungsfreiheit und die Unterschrift Wlassows. In den Monaten Februar/März 1943 absolvierte der Überläufer ein Besuchsprogramm bei zwei Heeresgruppen. In besetzten Gebieten der UdSSR! Gehlen begann im Frühjahr desselben Jahres die Operation „Silberstreif“. Ziel war es, Sowjetsoldaten dazu zu bewegen, sich freiwillig in Gefangenschaft zu begeben. Versprochen wurde für diesen Fall eine bevorzugte Behandlung. Unter dem Befehl von Wlassow sollten sie dann in einer „Russischen Befreiungsarmee“ (ROA) gegen ihre „stalinistischen Unterdrücker“ marschieren.

Zur Schaffung dieser Armee wurde in Dabendorf bei Berlin ein Planungszentrum eingerichtet. Heinrich Himmler, der einst zu den besonders fanatischer Gegnern einer ROA zählte, äußerte 1944 überraschend die Bereitschaft zu einem Gespräch mit Wlassow. Ursprünglicher Termin dafür war der 21. Juli. Das Hitler-Attentat ließ dieses Treffen am 16. September stattfinden. Deutschland stimmte bei der Bildung dieser Armee, die tatsächlich erst im November 1944 begann, der Aufstellung von zwei Divisionen zu.

Unter Federführung Himmlers konstituierte sich am 14. November 1944 auf der Prager Burg ein „Komitee zur Befreiung der Völker Russlands“. Zum Vorsitzenden berief man Wlassow. Während dieser Veranstaltung wurde ein „Prager Manifest“ verabschiedet. Darin war von der Selbstbestimmung der Völker Russlands, der Abschaffung von Zwangsarbeit und Kolchosen sowie von Religions- und Pressefreiheit u.a. die Rede. O-Ton Wlassow: „Soldaten und Offiziere der sowjetischen Armee, beendet den kriminellen Krieg, der nur dazu dient, andere Völker zu unterdrücken“.

Durch ein Treffen mit Goebbels und Göring Anfang 1945 erlebte der „Befreiungskämpfer“ noch eine politische Aufwertung. Aber es half nichts. Längst hielten weder deutsche Nazigrößen noch ein verräterischer Wlassow den Vormarsch der Roten Armee auf. So währte auch die Feuertaufe der 1. Division der Wlassow-Armee erst einen Tag, als ihr Kommandeur schon den Rückzug nach Böhmen anordnete. Ein Brückenkopf der sowjetischen Truppen bei Fürstenberg/Oder ließ sich einfach nicht erstürmen. Nach der Niederlage des Hitlerreiches begab sich Wlassow freiwillig in US-Kriegsgefangenschaft. Als ein Konvoi der US-Armee mit dem Ex-Sowjetgeneral zu einem Verhör unterwegs war, wurde dieser von einer sowjetischen Streife gestoppt. Von dieser Streife wurde Wlassow verhaftet.

Nach Verhören – jetzt in Moskau – machte man ihm den Prozess. Das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR verurteilte Wlassow am 30. Juli 1946 zum Tode. Am nächsten Tag wurde das Urteil vollstreckt.