„Migration so regeln wie den Straßenverkehr? Das muss man sich abschminken“

Der große Migrationsstrom über die Balkanroute scheint der Vergangenheit anzugehören. Das Augenmerk der Europäer in Sachen Migration wird sich bald wieder auf die Mittelmeer-Route verlagern. Im Brennpunkt stehen Länder wie Tunesien, Marokko oder Libyen. An der Universität Chemnitz lehrt Heidrun Friese Interkulturelle Kommunikation. Zu ihren Forschungsinteressen gehören die postkolonialen Perspektiven in den betreffenden Ländern. Ralf Richter sprach mit der Maghreb-Expertin.

Bevor es im vergangenen Jahr zum starken Zustrom von Flüchtlingen über die Balkanroute kam, war die Mittelmeer-Route stärker im Gespräch. Man sprach von den Lampedusa-Flüchtlingen aus dem Maghreb. Sie sind Maghreb-Expertin. Was ist der Maghreb eigentlich?

Ich muss da einmal einhaken, weil Sie vom „Zustrom von Flüchtlingen“ sprechen. Strom, das ist eine Metapher, die uns an Flüsse, an gewaltige Fluten erinnert, an irgendetwas, das wir nicht kontrollieren können, das über uns kommt, wovor wir Angst haben müssen. Ich vermeide solche Metaphern, die uns vorgeben, welche Bilder wir im Kopf haben und die das bestimmen, was wir dann darüber sagen. Dieses nur als kleine Anmerkung vorab.

Es wird in den Medien ja sogar das Wort Flüchtlingskrise benutzt …

Das Wort Krise bedeutet „entscheidende Wendung“ und dabei geht eigentlich um die Überwindung von Krankheiten. Wenn aber Menschen zu uns kommen, geht es ja nicht darum, dass eine Krankheit überwunden werden muss. Aber zu Ihrer Eingangsfrage: Maghreb, dieser Begriff ist durchaus umstritten. Das ist ein arabischer Begriff für „Westen“ und wird für Gebiete Nordafrikas verwandt, die arabisiert wurden und dann auch unter osmanischem Einfluss standen. Diejenigen aber, die in das osmanische Reich einverleibt wurden, sehen sich bis heute durchaus nicht als Araber, sondern eher als Berber. Viele wehren sich gegen den Begriff Maghreb, weil damit gleich eine Arabisierung verbunden ist.

Es gibt also Konfliktlinien zwischen den sich als Berber verstehenden Algeriern, Marokkanern und Tunesiern einerseits und den Arabern andererseits?

Wenn man Berber als Araber anspricht, dann werden sie wütend, denn sie sehen sich selbst als Imazigh oder Tamazigh, also als Angehörige des „Freien Volkes“, die auch eine eigene Sprache sprechen und ein eigenes Alphabet haben. Für diese Menschen sind Araber eher die reichen Saudis, die uns auspressen.

Welche Länder zählen zum Maghreb?

Klassischerweise Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen – also all die Länder Nordafrikas.

Was kann man zur Bevölkerungsstruktur in diesen Ländern sagen, vor allem in Tunesien und Algerien?

Während wir in Europa von alternden Gesellschaften sprechen, sind südlich des Mittelmeeres junge Gesellschaften vorherrschend. Es sind Gesellschaften, die aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation den jungen Menschen kein adäquates Angebot an Arbeitsplätzen schaffen. So haben viele trotz guter Ausbildung keine Perspektive. Viele landen dann mit einem Hochschulabschluss in einem Callcenter – wenn sie Glück haben. Für einen guten Job muss man jemanden kennen, der einen kennt, jemanden mit „breiten Schultern“, der einen dann reinhievt. Es sind, wie man das im gesamten Mittelmeerraum kennt, eher klientelistische Verhältnisse. Wenn staatliche Strukturen nicht funktionieren, werden Beziehungen wichtiger. Die Eliten sind eher an persönlicher Bereicherung interessiert und weniger an einer gerechten Entwicklung.

Was die Instabilität Tunesiens betrifft, so soll dazu auch die Zerstörung Libyens gehörig beigetragen haben. Stimmt es, dass die Libyer bis zum Beginn des Krieges wesentlich mehr Geld in Tunesien gelassen haben als westliche Touristen und damit für die Wirtschaft und das Auskommen der Tunesier wichtiger waren?

Ohne genaue Zahlen zu haben, kann ich mir das sehr gut vorstellen. Das gilt auch für die wenig geschätzten Saudis. Es ist wichtig zu wissen, dass insbesondere Grenzregionen sehr eng verzahnt sind – also Südtunesien und grenznahe Regionen in Libyen. Dort lebt man praktisch vom wirtschaftlichen Austausch. Vor dem Fall Gaddafis gab es schon eine blühende Schmuggelökonomie. Es wurden Öl, Baustoffe und anderes aus Libyen geschmuggelt. Man kann das den informellen Sektor nennen. Eingebunden waren der Zoll, die Polizei, das Militär usw. – die waren alle geschmiert und haben ein Auge zugedrückt. Unter dem alten Regime von Ben Ali, dem tunesischen Staatschef, gab es eine stillschweigende Vereinbarung, dass man die Tunesier die Geschäfte mit Libyen machen ließ, wenn im Gegenzug die Libyer dafür sorgten, dass keine Islamisten nach Tunesien gelangen konnten und keine Waffen geschmuggelt wurden. Das hat tatsächlich soweit funktioniert – bis die NATO eingegriffen hat. Die Überlegungen waren nach dem Fall Ben Alis sogar so weit gediehen, dass man an die Einrichtung einer Freihandelszone gedacht hat, um diese Regionen zu stärken.

Es bleibt den Menschen im Süden wahrscheinlich auch nichts anderes übrig, weil der Tourismus an der Küste konzentriert ist…

Auch an der Grenze zu Algerien leben viele vom Schmuggel – es gibt praktisch keine anderen Erwerbsmöglichkeiten. Deshalb waren es ja gerade diese wirtschaftlich abgehängten Regionen im Hinterland, in denen sich die tunesische Revolution entwickelt hat. Nach den Anschlägen jedoch ist auch der Tourismus zurückgegangen. Das trifft nun die besser gestellten Küstenregionen. Das wiederum führt zu einer Instabilität des Landes und damit gerät die Regierung immer stärker in Bedrängnis. Die Menschen sehen nicht, dass sich ihre Situation verbessert. Auch deshalb wollen viele ihr Glück in Europa versuchen

Was kann Europa tun, damit es Tunesien besser geht?

Ich finde, Europa sollte tätig werden und zwar auch und insbesondere mit massiver wirtschaftlicher Unterstützung. Sonst werden auch die demokratischen Errungenschaften im Lande zunichte gemacht.

Unbeachtet geblieben, aber mit Konsequenzen für Europa verbunden, ist die Einführung des visafreien Verkehrs beispielsweise zwischen der Türkei und Marokko vor einigen Jahren. Einige Marokkaner verzichten seither auf die gefährliche Mittelmeer-Route, sagt man.

Wer es sich leisten kann, fliegt in die Türkei und versucht von dort aus in die EU zu kommen. Es ist wichtig, in dem Zusammenhang den Schengen-Mechanismus insgesamt unter die Lupe zu nehmen. Die Freizügigkeit innerhalb der EU hatte eine stärkere Abschottung nach außen zur Voraussetzung, so dass de facto eine legale Einreise sehr viel schwieriger geworden ist. Es kam zur irrigen Annahme, dass man Migration so regeln kann wie den Straßenverkehr. Das muss man sich abschminken. Wer das Geld hat, nimmt das Flugzeug – und kann auch Beamte bestechen oder sich Papiere besorgen. Wer das nicht kann, dem bleibt das Boot …

Sie sind auch oft auf Lampedusa – was haben Sie dort erlebt, Stichwort Boote?

Nach der tunesischen Revolution sind viele junge Menschen aus Tunesien und Algerien dort angekommen. Ich habe mit vielen gesprochen und erinnere mich an junge Leute, die kein Visum bekommen hatten, um zu einer Hochzeit nach Paris zu reisen – daraufhin haben sie sich ins Boot gesetzt … Mit genau dieser restriktiven Visa-Vergabe produziert man das, was man dann beklagt: die sogenannte illegale Einreise.

Wie stehen Sie zum „Deal“ mit der Türkei?

Steinmeier war unterwegs und hat schon wieder Menschenhandel betrieben. Das nützt dem Westen überhaupt nichts. Man unterstützt die korrupten Regimes, sperrt Menschen ein, produziert die Unzufriedenheit mit und beklagt sich dann, dass Menschen in Europa Freiheit suchen. Es geht nicht an, dass man seine eigenen Standards untergräbt und ständig diese Deals macht. Das wird auf Dauer auch nicht funktionieren. Man kann doch nicht laufend mit antidemokratischen autokratischen Regimen Menschenhandel betreiben, und dann wird gesagt: „Wir müssen etwas gegen die Schmuggler unternehmen“. Sechs Milliarden an Erdogan – das nenne ich Menschenhandel. Das Problem sind nicht die Fluchthelfer, die Menschen aus dem Land bringen, weil man ihnen den Weg versperrt, legal ausreisen zu können. Das ist das, was mich wirklich aufregt.

Die „Ereignisse von Köln“ zu Silvester haben viele aufgewühlt. Wie sehen Sie das?

Stellen Sie sich vor, Sie sind allein in einem Land, da suchen Sie Gruppenanschluss. Zugleich werden Sie nicht mehr überwacht vom sozialen Umfeld wie in Ihrem Dorf oder wie in Ihrem Viertel. Es gibt überhaupt keine soziale Kontrolle mehr. Mama und Papa sind nicht da, die sagen könnten: „So geht das aber nicht!“ Es bilden sich Männer-Gangs, die versuchen, schnell an Geld zu kommen. Das hat nichts mit „anderer Kultur“ oder „Libido“ zu tun. Die wissen sehr gut, dass man das weder hier noch dort macht. Dem begegnet man in Marokko oder Tunesien mit polizeilicher Härte. Die Zustände im dortigen Polizeigewahrsam unterscheiden sich massiv von denen in Deutschland. Wenn die jungen Männer aber hier erleben, dass ihnen gar nichts passiert … das hat nichts mit Kultur oder Religion zu tun, dagegen hilft nur die konsequente Anwendung von Recht und Gesetz.