Linke Rebellen, Galli und Hochhuth in Leipzig

Buchmesse-Nachtrag von Ralf Richter

Wenn zwei das Gleiche erleben, erlebt es doch jeder anders – ja, es gab in der letzten Ausgabe einen Buchmesse-Beitrag, aber hier folgt ein weiterer aus anderer Sicht. Als ich früh morgens, bevor es mit dem Bus zur Messe ging, MDR Figaro einschaltete, hörte ich Überraschendes: Ein Autor, Thomas Galli war sein Name, wollte in der JVA Leipzig lesen – doch das sächsische Justizministerium untersagte die Lesung. Es war die amerikanische Country-Ikone Johnny Cash, die mich schon als Jugendlicher dank einer Amiga-Schallplatte auf das Thema „Gefängnis und Gefangene“ gebracht hatte. Cash trug stets Schwarz und erklärte seinen Aufzug in seinem Lied „Man in Black“: „Well you wonder why I always dress in black, why you never see bright colours on my back … I wear it for the prisoner who has long paid for his crime, but is there because he’s a victim of his times …“ / „Wenn Du Dich wunderst, warum ich immer schwarz trage, warum Du niemals bunte Farben auf meinem Rücken siehst – Ich trage schwarz für den Gefangenen, der lange für seine Verbrechen gebüßt hat, der aber nur deshalb da ist, weil er ein Opfer seiner Zeit ist“. Thomas Galli las zwar nicht in der JVA Leipzig, sehr wohl aber in der Arena der Leipziger Volkszeitung. Als er die Arena betrat, sah es jeder sofort: Thomas Galli erschien als ein „Mann in Schwarz“! Dazu später mehr.

Gleich bei der Ankunft am Hauptbahnhof fielen rote Plakate auf – eine Lesung sollte es in Uni geben. In der ganzen Stadt hingen sie – ein Werbeaufwand wie für die MLPD. Es wurde geworben für die Vorstellung eines Buches „Die Rückkehr des deutschen Militarismus“ vom Franz-Mehring-Verlag. Gemessen an dem Aufwand, den die „Jugend und Studenten für soziale Gleichheit“ – kurz YYSSE – getrieben hatten, war die Zuhörerzahl dann doch leicht überschaubar. Im Prinzip ging es bei der Veranstaltung – und wohl auch in dem Buch – um zwei Dinge: Die Vorstellung, wie tatsächlich an deutschen Hochschulen und Universitäten der Militarismus zu neuem Leben erweckt wird; zugleich aber wurde eine Abrechnung mit der Linkspartei betrieben, in der Veranstaltung nur „die Pseudolinken“ genannt. Am Ende verließ man die Veranstaltung sehr nachdenklich.

Fraglos wird der Kriegspolitik des Westens und ihren Folgen auf der Seite der Linkspartei zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Noch viel schlimmer aber ist ihre Spaltung, wenn es um Frieden oder Krieg geht. Die bei der Veranstaltung aufgestellte These, dass die Unzufriedenheit mit den „Pseudolinken“ wächst, schien sich wenig später bei den Wahlergebnissen von Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt zu bestätigen. Der Wiederaufstieg des deutschen Militarismus begann an den Hochschulen und Universitäten vor 1933 – doch genau vor zwei Jahren wurde ebenfalls ein neuer „Wendepunkt“ erreicht, mit den Thesen von Herfried Münkler von der Humboldt-Uni Berlin, der die Kriegsschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg weitgehend leugnet. Die Hochschulen und Universitäten bereiten der Bundespolitik den Weg, damit von der Leyen, Steinmeier und Gauck verkünden können: „Die Zeit außenpolitischer Zurückhaltung ist vorbei!“ Deutschland mischt nun überall wieder bewaffnet mit. Doch Münkler ist nicht allein – und es kommt noch viel schlimmer. Der Historiker Jörg Baberowski, Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität, erklärt, dass die Wehrmacht nur auf die „aggressive Politik“ der Sowjetunion reagiert habe, Hitlers Soldaten hätten einen Krieg geführt, „dessen Dynamik sie nicht mehr entkommen konnten“. In seinem bei Fischer erschienen Buch „Räume der Gewalt“ interpretiert er den Sklavenaufstand und Widerstandskampf als „Ausdruck brutaler menschlicher Natur“. Ausbeutung und Unterdrückung sind in den Augen des Professors natürlich, der Kampf dagegen aber ist ein Verbrechen. Erstaunlicherweise bekommt er für solche Auffassungen die Weihen der Linkspartei ausgerechnet im neuen deutschland, wo Halina Wawzyniak (Mitglied des Bundestages) in der Buchbesprechung seinen „Tiefblick“ lobt … Wenn es stimmt, dass ein solcher Mann nach Hellersdorf von Linken eingeladen und dort gegen die mehr als berechtigte Kritik der Studierenden verteidigt wird, dann wirft das Grundsatzfragen darüber auf, wo die Partei überhaupt steht.

Keine Grundsatzfragen mehr beantwortet indessen Rolf Hochhuth, der am 1. April 85 Jahre geworden ist. Der große Dramatiker, der einst wesentlich dazu beigetragen hat, einen baden-württembergischen Ministerpräsidenten zu stürzen, indem er offenlegte, dass Filbinger als Marinerichter im Dritten Reich Deserteure bis zuletzt mit Todesurteilen abstrafte, machte sich mit „Wessis in Weimar“ verdient machte um die Darstellung der Ausplünderung Ostdeutschlands. Als alter Mann ist er bei eher peinlichen erotischen Greisengedichten gelandet und will sich demnächst literarisch Coco Chanel widmen … Es stimmt traurig, der finalen Selbstdemontage eines großen Streiters zuzuschauen. Zur Vorstellung der Biographie „Der Störenfried“ von Brigit Lahann in den Internationalen Club in der geschichtsträchtigen Meyerschen Villa kamen kaum 30 Gäste.

Und Thomas Galli? Sein spannendes Buch „Die Schwere der Schuld“ über Sinn und Unsinn von Gefängnissen wird demnächst hier vorgestellt.