Impressionen aus Athen

von Peter Porsch

Die Woche vor Ostern, vor dem katholischen und protestantischen Ostern, als Tourist in Athen: Man erlebt ein sonniges Athen und man begegnet einem trüben Athen. Natürlich ist das der Jahreszeit geschuldet, aber nicht nur. Kultur lauert in jedem Stein, deshalb ist man ja hier. Die Akropolis winkt vom Berg aus jeder Perspektive. Man kann ihrem Anblick nirgends entgehen. Das hat etwas Gutes: Man findet sich in der Stadt leicht zurecht. Über den Teil, den einem die Burg gerade zuwendet, in Verbindung mit dem Winkel, aus dem man sie sieht, kann man sich sehr gut verorten. Der Akropolis gegenüber liegt der Berg Lycabettus. Dadurch wird die Sache für Fremde noch leichter. Man besteigt Burg und Berg, besucht alles, was Pflicht ist, amüsiert sich über die Verrenkungen der Evzonen bei ihrer Wachablösung vor dem Grab des „Unbekannten Soldaten“ unterhalb des Parlaments. Für alle antiken Zeugnisse, die im Freien liegen, zahlt man insgesamt gerade mal 12 Euro und kann sie binnen vier Tagen ausführlich besichtigen. Da wundert man sich schon. Woanders wären bereits für den Eintritt in Vergleichbares wie die Akropolis mindestens 20 Euro zu löhnen. Es wird den Tourist*innen hoffentlich bewusst, dass sie sich an den ältesten Ursprüngen europäischer Kultur befinden. Ich weiß nicht, wieviel die EU für Erhalt und Pflege der reichlich vorhandenen steinernen Zeugen dieser Kultur beiträgt. Ich meine aber, dass man Griechenland dabei auf keinen Fall allein lassen dürfte. Die Last dieses Erbes muss ganz Europa mit Stolz tragen.

Kultur lauert in jedem Stein – Kulturlosigkeit liegt auf den Steinen. Athen wird sozial trübe, aber zugleich auf eigene Art bunt. Menschen leben mit nötigstem Sack und Pack auf der Straße, haben ihre Decken zum Schlafen halbwegs regengeschützt unter Arkaden ausgebreitet, im dichtesten Menschengetümmel. Das sind keine Flüchtlinge, sondern solche, die in Folge der Finanzkrise ihre Wohnungen verloren haben, weil die Miete zu hoch, die Rente zu schmal, der Arbeitsplatz verloren gegangen ist. Sie bauen sich mit Kartons und Holzpaletten etwas Intimität, besuchen sich, kochen gemeinsam. Es liegen auch Ehepaare auf der Straße. Als (deutscher) Tourist schämt man sich und ist wütend zugleich. Den Obdachlosen wird die Erhöhung der Mehrwertsteuer für Wasser und Energie nichts ausmachen. Sie wird nur die Zahl ihrer „Mitbewohner*innen“ erhöhen.

Ist Athen die Quelle der Kultur Europas, so ist das heutige Europa die Ursache dieser Kulturlosigkeit. Die (langweiligen) noblen Viertel sind davon verschont. Da ist die Polizei bestochen. Die alternativen Viertel sind trotz Not lebendig. Die Not schafft Kramläden, voll von verzweifelt verkauftem und genauso verzweifelt auf Kundschaft wartendem Wohlstandsmüll. Verfall stört niemanden. Das folgt allgemeiner mediterraner Mentalität. Er hat seine eigene Schönheit. In den alternativen Vierteln schmeckt das Essen und man bleibt von „Schleppern“ verschont, die einem „ihr“ Restaurant aufschwatzen wollen. Flüchtlinge sieht man nur in Piräus, gar nicht viele. Idomeni ist weit weg, jedenfalls noch in dieser Märzwoche. Allerdings gibt es engagierte Leute, die Flüchtlinge unterbringen (leerstehende Häuser, Unigebäude) und mit Nahrung versorgen. Der Freitag – bei uns Karfreitag – ist für die orthodoxen Griechinnen und Griechen der Tag „Maria Verkündigung“. Die Kathedralen sind voll. Er ist außerdem Nationalfeiertag. Hubschrauber und drei Düsenflugzeuge überfliegen die Stadt. Die Kinder gehen mit Fähnchen zur bescheidenen Militärparade.

Wir haben einen österreichischen Bekannten, der leitet in Athen eine deutschsprachige Bühne (Maerzbühne) und lebt an der Armutsgrenze. Es spielen deutsche Muttersprach-ler*innen, aber auch Griechinnen und Griechen. Das Spiel genießen Menschen ganz verschiedener Herkunft: Germanist*innen, Deutsche, Österreicher*innen, die sich in Athen angesiedelt haben, weil nur mehr dort ihr Geld reicht, Griechen*innen, die in Deutschland gelebt haben, Menschen, die multikulturell interessiert sind, seltener Tourist*innen, Diplomat*innen und Wirtschaftsleute. Österreichische, Deutsche und Schweizer Botschaft geben etwas Geld. Auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt jetzt das Projekt. Als in Athen lebende Österreicher*innen mit einer Protestresolution darauf aufmerksam machten, dass Griechenland mit seinen tausenden Inseln seine Grenzen nicht dicht machen kann und Frau Mikl-Leitner, damals noch Innenministerin der Alpenfestung (Entschuldigung, der Alpenrepublik), etwas leisere Töne anschlagen sollte, wurden sie von der Botschafterin zu einem „Gespräch“ eingeladen. Irgendwer fragte sie auch, ob sie Sonntag in die Kirche gingen …