Gelebte Solidarität im Betrieb: Ein Dank an die Amazon-Vertrauensleute

von Christian Rother

Gewerkschaftliche Arbeit innerhalb eines Betriebes läuft über das Ehrenamt der Vertrauensleute. Diese organisieren Aktionen innerhalb und außerhalb des Betriebes und sind zusammen mit hauptamtlichen Gewerkschaftssekretären verantwortlich für die Planung und Durchführung von Streiks.

Die Motivation, dieses Ehrenamt auszuüben, ist oft die Gleiche: Der Wille, etwas zu verändern und Einfluss auf eine positive Gestaltung der Arbeitsbedingungen zu nehmen. Dabei gibt es unter den Vertrauensleuten ganz unterschiedliche Charaktere, die mit ihren individuellen Fähigkeiten die gewerkschaftliche Arbeit bereichern. So gibt es beispielsweise Vertrauenspersonen, die im Betrieb als vorrangige Ansprechpartner bei Problemen und Fragen jeglicher Art fungieren. Diese Personen genießen oftmals großes Vertrauen innerhalb der Belegschaft und besonders unter den Gewerkschaftsmitgliedern, da an sie sehr private Dinge herangetragen werden. Solche Sachen behandeln wir dabei stets vertraulich. Da es sich hierbei auch oft um eine Schnittmenge von Privat- und Arbeitsleben handelt, sind die Vertrauensleute diejenigen, die als erster Ansprechpartner fungieren. Es hat sich in der Praxis auch gezeigt, dass Vorgesetzte bei Amazon nicht in der Lage sind, mit solchen Dingen einfühlsam umzugehen. Immer wieder sprachen Mitarbeiter mit ihrem zuständigen Manager, so wie es die Firmenphilosophie vorsieht. Mit sehr großer Regelmäßigkeit zeigt sich jedoch, dass diese Manager dann das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbrauchen.

Dass den Vertrauenspersonen von der Belegschaft nun mehr Vertrauen geschenkt wird, ist wiederum der Geschäftsführung ein Dorn im Auge. Daher sind Konflikte mit der Geschäftsführung und dem Management vorprogrammiert. Diesen Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie auszutragen, ist daher eine weitere wichtige Eigenschaft, die man für dieses Ehrenamt mitbringen muss. Wie bereits in der Februar Ausgabe der LINKS! im Artikel „Amazon und die Methoden des Union Busting II“ beschrieben, sind die Vertrauensleute Ziel von Mobbingaktionen. Da Mobbing eben nicht am Arbeitsplatz aufhört, sondern auch in das Privatleben hineingetragen wird, ist es wichtig, dies bis zu einem gewissen Grad ertragen zu können. Da hilft der Rückhalt der Kollegen und besonders der anderen Vertrauensleute. Innerhalb der Vertrauensleutestruktur zeigt sich Solidarität und Zusammenhalt wohl am deutlichsten, denn ein Angriff auf einen von uns ist gleichzeitig auch ein Angriff auf alle anderen. Die Ehrenamtlichen wissen, dass man bei einem solchen Arbeitgeber bzw. solch einem Gegner im Arbeitskampf nicht allein bestehen kann, sondern eine starke Gemeinschaft vonnöten ist.

Es gibt noch andere Arten von Vertrauensleuten, jene, die der Arbeitgeber nicht auf der Rechnung hat. Diese wirken eher im „Hintergrund“ und leisten viel organisatorische Arbeit, beispielsweise rund um den Streik. Im Laufe der Zeit hat sich eine feste Vertrauensleutestruktur bei Amazon in Leipzig gebildet. Diese wurde von Vertrauensleuten der „1. Generation“ aufgebaut. Diese Vertrauenspersonen sahen sich noch größeren Anfeindungen des Arbeitgebers ausgesetzt, da sich diese Struktur gebildet hatte, in der es noch keinen Betriebsrat gab. Ohne diese Männer und Frauen würde es diesen auch nicht geben. Die Erfahrungen, die sie dabei machten, haben sie an spätere Vertrauensleute weitergegeben, so dass alle anderen davon profitieren konnten.

Allen Vertrauensleuten gemein ist, dass sie viel Energie und Freizeit in ihr Ehrenamt fließen lassen. Nicht immer bekommen sie dafür Dankbarkeit. Darin liegt vielleicht auch der Unterschied zu anderen Ehrenämtern. Dennoch sind es eben jene Vertrauensleute, die die kleinen Verbesserungen bei Amazon erreicht haben. Ohne sie wäre das alles nicht möglich geworden.