Armut macht krank

von Sabine Zimmermann

Arme sterben früher als Reiche. Das ahnten viele. Jetzt belegen es auch aktuelle Forschungsergebnisse. Frauen, die weniger als 13.000 Euro netto im Jahr verdienen, leben im Durchschnitt 8,4 Jahre weniger als Frauen, die mehr als 30.000 Euro verdienen. Bei Männern liegt der Unterschied sogar bei 10,8 Jahren. Woran das liegt, führt die Bundesregierung auf meine Frage hin auf „individuelle Einfluss- und Risikofaktoren wie Bildung, Gesundheitsverhalten (Rauchen, Ernährung, Bewegung) sowie Arbeits- und weitere Lebensbedingungen zurück“.

Diese Faktoren bestimmen ganz wesentlich die Gesundheit und Lebenserwartung, aber sie sind keineswegs individuell. Dass Menschen mit geringen Einkommen jünger sterben als Besserverdiener, ist ein gesellschaftliches und politisches Problem. Die Verantwortung dafür kann man nicht einfach bei den Individuen abladen. Das zeigt ganz deutlich ein Blick auf die Landkarte: In Gegenden mit niedrigem durchschnittlichem Einkommen, einer hohen Arbeitslosigkeit, einer hohen Zahl von Privatinsolvenzen und Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften liegt die Lebenserwartung deutlich unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Spitzenreiter in der Lebenserwartung ist dagegen der Landkreis Starnberg südlich von München, ein beliebter Wohnort für Spitzenverdiener, die von dort in die bayerische Landeshauptstadt pendeln. Diese Unterschiede lassen sich nicht einfach darauf zurückführen, dass Geringverdiener weniger auf ihre Gesundheit achten. Die Bundesregierung stellt nur auf Präventionsprogramme ab. Die Menschen sollen also mehr Sport treiben und sich gesünder ernähren. Das greift aber viel zu kurz.

Ein geringeres Einkommen geht nachweislich einher mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, an chronischen und psychischen Leiden zu erkranken. Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Lungenerkrankungen, aber auch Depressionen, Angststörungen, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit betreffen Menschen mit niedrigem sozialem Status häufiger als Bessergestellte. Dazu kommen häufigere Unfallverletzungen und gesundheitliche Behinderungen. Diese Befunde zeichnen ein deutliches Bild vom Leben der Menschen, die in unsicheren, schlecht bezahlten und oft sehr anstrengenden Berufen arbeiten. Auf dem Bau, im Schlachthof oder auch in der Pflege hat man schwere Gewichte zu heben und riskiert Arbeitsunfälle oder Bandscheibenschäden. Wenn dazu noch die Unsicherheit kommt, ob man seinen Arbeitsplatz bald verliert oder in Hartz IV abrutscht, bedeutet das zusätzlichen Stress, oft schlaflose Nächte. Und natürlich spielen auch Umweltfaktoren wie Belastungen mit Lärm, Abgasen oder Giftstoffen in Luft, Wasser, Boden oder Nahrungsmitteln eine Rolle. Und auch hiervor können sich Besserverdiener eher schützen als Menschen, die sich ihren Wohnort aufgrund ihres Einkommens nicht frei aussuchen können.

Sachsen liegt im Hinblick auf die durchschnittliche Lebenserwartung im unteren Mittelfeld. Um die Kluft zwischen der Lebenserwartung von Arm und Reich zu schließen, ist mehr nötig als gesundheitspolitische Maßnahmen. Armut und schlechte Gesundheit müssen umfassend bekämpft werden. Natürlich muss in ein Gesundheitswesen investiert werden, das allen dieselbe bestmögliche Versorgung bietet. Wir haben mittlerweile ein Zwei-Klassen-Gesundheitssystem, in dem Privat- vor Kassenpatienten bevorzugt werden. Arbeitslosigkeit darf nicht mehr zu Armut und Perspektivlosigkeit führen. Wir brauchen Investitionen in bezahlbaren und hoch qualitativen Wohnraum, damit alle sich gesunden und ausreichenden Wohnraum leisten können. Wichtig ist aber vor allem eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Einkommen im Bereich der einfachen und körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Jede weitere Deregulierung von Arbeitszeiten oder Arbeitsschutzbestimmungen muss verhindert werden.