Lehrreiche, anregende Deutschstunden

von Klaus Pezold

Der Literaturbetrieb lebt von Neuigkeiten. Sie werden besprochen, häufig in eine Höhe gelobt, die ihnen nicht unbedingt gut tut – und oft schnell wieder vergessen. Eine Chance gegenüber diesem Aktualitätsdrang haben meist nur Autorinnen und Autoren, bei denen ein runder Geburts- oder Todestag für indirekte Aktualität sorgt. Da fällt das Feuilleton des Neuen Deutschland mit seiner Rubrik „Wieder gelesen“ positiv aus dem Rahmen; denn es erinnert an Bücher, die auch dann nicht der Vergessenheit überlassen werden sollten, wenn bei ihnen gerade kein großes Jubiläum nach besonderer Aufmerksamkeit verlangt. Unter diesen in unregelmäßiger Folge erscheinenden Erinnerungs-Texten befanden sich bisher nicht wenige, die den Leipziger Literaturwissenschaftler Horst Nalewski zum Autor haben. Jetzt hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen in ihrer Reihe Texte zur Literatur dreiundzwanzig dieser Miniaturen zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ihrerseits gesammelt zum Wiederlesen vorgelegt. Dieses lohnt sich unbedingt. Auf nicht ganz einhundert Seiten bekommt der interessierte Leser eine unkonventionelle und vielseitige Einführung in das, was im zurückliegenden Jahrhundert Literatur deutscher Sprache bewegt und zu origineller künstlerischer Darstellung inspiriert hat. Von Rilke über Hesse, Werfel, Döblin und Arnold Zweig bis zu Anna Seghers, Böll, Siegfried Lenz, Grass, Strittmatter, Jurek Becker, Stefan Heym, Christoph Hein und Christa Wolf spannt sich der literaturgeschichtliche Bogen. Neben Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts wie Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, Hesses „Unterm Rad“, Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, Fühmanns „Kameraden“ und Beckers „Jacob der Lügner“ finden sich – scheinbar – intimere oder kleinere Darstellungen, die oft bei genauerem Lesen aber eine große Kraft entfalten. Arnold Zweigs Roman „Junge Frau von 1914“ ist ein Beispiel hierfür, ebenso wie Anna Seghers „Aufstand der Fischer von St. Barbara“, Louis Fürnbergs „Mozart-Novelle“ oder Christa Wolfs „Sommerstück“. Hinzu kommt, dass gerade bei den kürzeren Prosastücken, bei denen Horst Nalewski sehr textnah vorgehen kann, sich seine Fähigkeit, Feinheiten sprachlicher Gestaltung sichtbar machen zu können, besonders auszahlt. So auch im Falle von Günter Grass‘ Novelle „Das Treffen in Telgte“ oder Günter de Bruyns Erzählung „Märkische Forschungen“ und ganz besonders bei der Erinnerung an den Erzähler Johannes Bobrowski. Wer sich nach der Lektüre dieser Miniaturen noch einmal den Originalstücken zuwendet, wird sicherlich ein vertieftes Leseerlebnis davontragen können. Den Miniaturen vorangestellt ist ein Vortrag „Im Schatten der Großen – im eigenen Licht. Friedrich Hölderlin 1770-1843“, den Horst Nalewski 2014 vor der Leipziger Goethe-Gesellschaft gehalten hat. Damit schlägt die Rosa-Luxemburg-Stiftung-Sachsen als Herausgeber einen Bogen zu den Anfängen der „Texte zur Literatur“ in den frühen 1990er Jahren: Das erste Heft war damals bereits Friedrich Hölderlin gewidmet worden. Ein Zeichen für die Kontinuität der Beschäftigung mit großen kulturellen Themen in ihrer nunmehr 25jährigen Geschichte.