Impressionen von der Leipziger Buchmesse

von Andreas Haupt

Am Mittwochabend, anlässlich der Eröffnung der diesjährigen Leipziger Buchmesse, erhielt der Historiker Heinrich August Winkler den Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Er erhielt die mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung für sein vierbändiges Mammutwerk Geschichte des Westens. Am selben Tag wurde in der ostukrainischen Stadt Saporischja die letzte große, über 40 Tonnen schwere Statue des Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin demontiert. Beide Ereignisse stehen ohne Beziehung zueinander. Dennoch gelingt es der Buchmesse mit ihren zahlreichen Veranstaltungen zu den aktuellen Themen aus der europäischen Lebenswirklichkeit, diese Koinzidenz bemerkenswert erscheinen zu lassen: Am Donnerstagmorgen sprach der frisch prämierte Historiker im Café Europa, einem Podium für den europäischen Dialog, zu den praktisch aufgegebenen EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, zum durchaus prekären Nationalismus in dem Land und zur Problematik der aktuellen Verhandlungen mit Erdogan. Diesem Vortrag folgte nur wenig später ein Bericht der ukrainischen Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch zur heutigen Situation in der Ukraine. Sie sprach von einem gescheiterten Assoziierungsabkommen, einer misslungenen Revolution und einem erbarmungslosen Bürgerkrieg. Sofia ist die Tochter von Juri Andruchowytsch. Dieser wurde vor genau zehn Jahren mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung bedacht. In einer unvergessen leidenschaftlich und zugleich sarkastisch gehaltenen Dankesrede rief er zu einer weitreichenden Annäherung zwischen der Europäischen Union und der Ukraine und für Freiheit, insbesondere für Visafreiheit auf. Der Zustand der Ukraine heute: Zerrissenheit, Enttäuschung und Müdigkeit sowie ein wachsender Nationalismus, der keine Symbole aus kommunistischer Zeit mehr erträgt – nicht einmal Lenin.

Die Leipziger Buchmesse hat sich schon immer auch als ein politisches Forum verstanden, in dem gesellschaftlich relevante Themen bei verschiedenen Veranstaltungen von Autoren, Philosophen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland diskutiert werden. Folglich war auch das diesjährige Forum „Europa21“ als Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen konzipiert. Die Debatten über das künftige Zusammenleben mit Migranten und Asylsuchenden waren oft Sprachlabore, in denen analysiert wird, wie wir übereinander reden und was das mit uns macht. Und ob wieder mehr Engagement der Literatur und mehr Verantwortung der Schriftsteller notwendig sind. Die Bundesvorsitzende Katja Kipping forderte mehr Verantwortung in der Gesellschaft: „Wir wollen einen Aufbruch in eine Gesellschaft, wo das Gemeinsame im Mittelpunkt steht, wo es Solidarität gibt und verhindert wird, dass das Pendel weiter in Richtung Barbarei ausschlägt“. In ihrem neuen Buch Wer flüchtet schon freiwillig beschreibt sie prägnant Fluchtursachen und plädiert für ein Europa der Einwanderung. Die Flüchtlinge sind nicht nur in den Diskussionen der Messe buchstäblich nahe. In der Halle 4, wo jetzt Bücher präsentiert werden, waren bis Dezember hunderte Flüchtlinge provisorisch untergebracht. Inzwischen sind sie in winterfeste Quartiere auf dem Messefreigelände umgezogen. In Halle 5 präsentierte sich der Compact-Magazin-Verlag, welcher von Jürgen Elsässer verantwortet wird, der in den vergangenen Monaten mehrfach als Redner auf Legida- und AfD-Veranstaltungen auftrat. Am Samstag demonstrierten etwa 200 Messebesucher gegen die Präsenz von Ressentiment und Compact-Magazin-Verlag auf der Leipziger Buchmesse.

Immer am zweiten Messetag werden die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben. Nicht ganz unerwartet hat Guntram Vesper, der bisher eher als Lyriker bekannt war, mit seinem opus magnum Frohburg in der Kategorie Belletristik gewonnen. In der Begründung der Jury heißt es: „Wovon dieser Roman handelt, das ist letztendlich immer auch die Übermacht von Geschichte, Kriege, Systeme, historischer Wandel, der über die konkreten einzelnen Menschen hinwegrollt. Diese Erfahrung des 20. Jahrhunderts ist in dem Buch aufbewahrt, und zwar – und das ist wichtig – ohne aus den sogenannten kleinen Leuten Helden zu machen“. Eine Besonderheit des Preises der Leipziger Buchmesse ist, dass er auch in den Kategorien Sachbuch/Essayistik und Übersetzung verliehen wird. Der Preis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging an Jürgen Goldstein für sein Buch Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt. Goldsteins Studie über den Entdeckungsreisenden und Intellektuellen Forster gehe über die Gattung der Biografie hinaus, „indem sie sachkundig und thesenstark das anthropologische Lebenswerk eines Mannes deutet, dessen politisches Denken durch seine bahnbrechenden Reisen unmittelbar geprägt wurde“. Den Preis in der Kategorie Übersetzung erhielt Brigitte Döbert. Sie wird für die Übertragung des Buchs Die Tutoren von Bora ?osi? aus dem Serbischen ausgezeichnet.

Das Highlight der Leipziger Buchmesse ist das integrierte Lesefestival „Leipzig liest“, das mittlerweile in 25. Auflage ein Marathon mit insgesamt 3.200 Veranstaltungen an 410 Leseorten und damit das größte Lesefest Europas geworden ist. Nur Clemens Meyer hat es verpasst, auch wenn seine Jacke und sein Portemonnaie da waren.