Wir, die Kinder der Utopie

von Wulf Skaun

Adelheid Latchinian porträtiert im elften Jour fixe am Leipziger Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung Leben und Werk der weißrussischen Nobelpreisträgerin 2015, Swetlana Alexijewitsch

Die Bibliothek der Leipziger Rosa-Luxemburg-Stiftung platzt aus allen Nähten. Jour fixe, der „unkonventionelle Gesprächskreis“, startet vor Rekordkulisse in sein zweites Jahr. Die elfte Auflage Ende Januar 2016 folgt dem Erfolgsrezept: Mit Adelheid Latchinian offeriert eine Literaturwissenschaftlerin von Rang ihre Sicht auf ein längst präferiertes, aber noch unerledigtes Thema: „Swetlana Alexijewitsch – die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2015“.

Manfred Neuhaus, mit Klaus Kinner Jour fixe-Urheber, würdigt die Referentin, die mit Ehemann Sarkis Latchinan zu den Mitbegründern des Rosa-Luxemburg-Vereins zählte, als wirkmächtige Dozentin für russische Literaturgeschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Auch nach dem Ende der DDR habe die Habilitierte geforscht, übersetzt und publiziert, um dem deutschen Leser sowjetisch-postsowjetische Dichtung weiterhin zugänglich zu machen. Insbesondere ihre Herausgabe unbekannter Werke der armenischen Nationalliteratur habe höchste Anerkennung verdient.

So ausgewiesen, widmet sich Adelheid Latchinian der Aufgabe, Swetlana Alexijewitsch „in ihrem Lebensweg und ihrer Persönlichkeit, in ihrem Werk und Wirken zu ergründen“. Als Leitfaden ihrer Spurensuche wählt sie die Begründung der Schwedischen Akademie, der Weißrussin den Literaturnobelpreis 2015 zuzusprechen „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. In dieser knappen Formulierung sind Inhalt und Methode, die die bisher sechs Bücher der Schriftstellerin offenbaren, auf den Punkt gebracht. In ihrem knapp einstündigen Vortrag, Frucht ihrer umfassenden und tiefgründigen Analyse der preisgekrönten Werke, ermittelt Latchinian die Vielstimmigkeit in ihren Büchern als „innovative dokumentarische Prosa, die mit ihrer Authentizität und manchmal über die Schmerzgrenze hinausgehenden Wahrhaftigkeit die Leser auf ungewohnt neue Weise aktiviert, zu eigenem Denken und Fühlen herausfordert“. Alexijewitsch hat den Nobelpreis für ihr Lebenswerk erhalten. Also nimmt die Literaturwissenschaftlerin alle ihre Bücher in den Forscherblick: von dem 1983 beendeten Weltseller „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ bis zu ihrem 2013 erschienenen „Second hand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Nicht als Historikerin, sondern „mit den Augen der Menschenforscherin“, so Adelheid Latchinian, habe die Schriftstellerin „eine Art Jahrhundertchronik“ vorgelegt, die von den schließlich gescheiterten Idealen eines sowjetischen Sozialismus bis zum knechtenden „Triumph des Geldes, des Markts, des Konsums“ reiche. Indem die Autorin immer wieder aus Gesprächen und Meinungen, Lebensgeschichten und Stimmungen „beruflich und altersmäßig, nach Geschlecht und Nationalität ausgewiesener Zeitgenossen“ schöpft, stellt sie an sich und alle die Frage, „wer wir eigentlich sind, wir, die Kinder der Utopie“. Alexijewitschs Zeitreise münde in dem bitteren Fazit: Statt „der großen Geschichte … das banale Leben … Statt Marxismus-Leninismus haben wir jetzt die Orthodoxie … Wir leben in einer Second hand-Zeit“. Adelheid Latchinians Schlusswort schlägt produktiv-heuristische Töne an. „Vielleicht könnte die weißrussische Künstlerin mit ihrer kritisch-selbstkritischen Haltung und ihrer erfahrungsschweren Chronik oft tragischer menschlicher Schicksale, mit ihrer Skepsis gegenüber jedweden abgestandenen Second hand-Lösungen, aber auch mit ihrer weiblichen Neigung zum Ausgleich und zur Versöhnung uns zu frischen alternativen, zukunftstauglichen Ideen anregen und zu Hoffnungen ermutigen“.
Damit hat sie Öl in ein Diskussionsfeuer gegossen, wie es bei Jour fixe noch nicht gelodert hat. 20 Debattanten kreuzen mit oft lautstarkem Verve die Argumentationsklingen auf den gesellschaftspolitischen „Schlachtfeldern“, die die Nobelpreisträgerin auf ihre Weise besichtigt hat. Zu Ende sind sie noch längst nicht, als Moderator Klaus Kinner nach zweieinhalb Stunden den offiziellen Schluss gebietet. Immerhin ist sich die ambitionierte Runde einig geworden, dass Alexijewitschs humanistisches, dokumentar-künstlerisches Werk die Maßstäbe für einen Literaturnobelpreis in idealer Weise erfülle.

Wie bei Jour fixe üblich, sekundierte eine korrespondierende Buchbesprechung dem Hauptthema. Der Historiker Hartmut Kästner stellte Daniil A. Granins „Mein Leutnant“ vor. Verglichen mit früheren Publikationen des inzwischen 97-jährigen Autors, nannte Kästner das erschütternde Kriegsbuch am Ende seines Lebens einen „Paukenschlag“ in der zeitgenössischen russischen Literatur. Am Beispiel zweier vorgelesener Textstellen verdeutlichte der Rezensent, wie sehr sich Granins ungeschminkte „Schützengrabenwahrheit“ voller unsinniger Opfer im Namen einer Herrschaftsideologie von dem heldischen Siegestenor der offiziellen sowjetischen und heutigen russischen Geschichtsschreibung unterscheidet.