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von Christian Rother

Amazon versucht, sich seinen eigenen perfekten Mitarbeiter zu formen. Dabei sollen dessen Arbeit und das Unternehmen stets Vorrang vor allen anderen Interessen haben. Amazon versucht stets, das Denken seiner Mitarbeiter zu manipulieren.

Wenn die Amazon-Mitarbeiter zu ihren Arbeitsplätzen in der Werkshalle gehen, laufen sie auch an etlichen, an sie gerichteten Botschaften vorbei. Diese zielen darauf ab, Amazon als guten und innovativen Arbeitgeber darzustellen, um gleichzeitig die Schattenseiten des Arbeitsalltags auszublenden. Da kommt man an Werbetafeln mit kurzen markigen Sprüchen vorbei, die an ein Gemeinschaftsgefühl appellieren, z. B. mit Sprüchen wie „Das Lächeln auf den Kartons sind wir“. Bedenkt man die Arbeitsbedingungen, ist vielen nicht wie Lächeln zumute.

Im Vorraum zur Produktionshalle findet man mehrere Tafeln. Eine Tafel ist für die Kommunikation von Mitarbeitern mit der Geschäftsleitung gedacht. Offensichtlich ist das eine gute Sache, kann sie doch als schneller, direkter Kontakt dienen, bei dem gleichzeitig jeder mitlesen kann. Die Tafel wird auch rege genutzt, nur gibt es bei kritischen Fragen die immer gleichen Standard-Antworten der Standortleitung: „Wir werden das persönliche Gespräch mit dir suchen“. Zum einen empfinden dies die anderen Mitarbeiter oft als Ärgernis, da sie auf ein Statement der Unternehmensführung gehofft haben. Zum anderen versucht man den Fragensteller in persönlichen Gesprächen zu isolieren, um ihm gleichzeitig rücksichtsloses Verhalten und ähnliche Dinge vorzuwerfen. Kündigen sich hochrangige Vertreter aus Presse und Politik an, so kann es auch vorkommen, dass diese Tafel abgewischt wird.

Neben dieser Kommunikationstafel befindet sich das Medien-Board. Dort werden Zeitungsausschnitte ausgehangen, die sich mit Amazon oder Jeff Bezos beschäftigen. Diese sind ausschließliche positiv. Artikel, die die Streiks behandeln oder sich mit anderen Kritikpunkten am Unternehmen auseinandersetzen, finden sich dort nicht. Ein weiteres großes Plakat im selben Raum listet eine Art Gebotstafel auf. Darauf stehen Punkte, wie sich das Unternehmen und seine Arbeit definieren. Ein Punkt beispielsweise besagt, dass das Management sich als behandelnder Arzt versteht, wohingegen die Arbeiter wie Krankenschwestern anzusehen sind. Geht man dann in die Halle hinein, befinden sich auf dem Weg in den Produktionsbereich weitere Tafeln und Plakate, die in gewissen Zeiträumen ausgetauscht werden. Dort finden sich Arbeits- und Sicherheitshinweise und auch wieder Huldigungen an das Unternehmen oder wahlweise an Jeff Bezos.

Im normalen Arbeitsalltag hat ein im Produktionsbereich tätiger Mitarbeiter in der Regel zwei verpflichtende Meetings pro Tag mitzumachen. In diesen Meetings wird in regelmäßigen Abständen von sogenannten Success-Stories („Erfolgsgeschichten“) berichtet. Diese Success-Story kann ganz unterschiedlicher Natur sein: Von „Amazon baut ein weiteres Zentrum“ bis hin zu „die Spind-Räume wurden gereinigt“ kann alles dabei sein. Wichtig hierbei ist allein, dass man einen Success, also einen Erfolg, vermelden kann. Diese Meetings dienen aber auch dem Einpeitschen für eine schnelle Arbeit. Sehr oft hört man dann den Spruch: „Heute wird es sportlich“.

Manchmal erhält man noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Auch hier kommt auf kritische Nachfragen die Standard Antwort: „Wir kommen auf dich zu“. Soll heißen, dass die Manager allein mit dem Fragesteller reden wollen. Fernbleiben darf man diesen Meetings allerdings nicht, da man sich sonst dem Vorwurf der Arbeitsverweigerung ausgesetzt sieht. Dieser kann mit Abmahnung bestraft werden.

In den Pausenräumen stehen wiederum kleine Aufsteller, die entweder ein neues Credo postulieren oder einen breit grinsenden Mitarbeiter in den Vordergrund stellen, der sich zitieren lässt, dass er gern bei Amazon arbeite. Ebenso liegt dort die hauseigene Firmenzeitung aus, in der ebenfalls glückliche Mitarbeiter abgebildet sind, die von ihrer Karriere berichten, oder andere Success-Stories aufgelistet werden. Wie gut all diese Maßnahmen greifen, lässt sich erahnen, wenn man Amazon Angestellte in ihrem Arbeitsalltag beobachtet. Deren Verhalten ist geprägt von ständigem Leistungsdenken. Hinzu kommt, dass man durch Scanner und Computerarbeitsplätze einer ständigen Messung seiner persönlichen Leistung unterliegt, ganz wie im Sport. Durch geschickt eingesetzte Sprachmuster von Vorgesetzten werden die Bilder des Erfolges und des optimalen Produktionsablaufes, die der Mitarbeiter bei seinem Gang durch die Produktionsstätte aufnimmt, weiter bestärkt. So bleibt am Ende ein Mitarbeiter, dessen ganzes Denken und Handeln dem Unternehmen untergeordnet sind. Andere Mitarbeiter reden dann spöttisch von einem „Amazombie“.

All die Plakate, Aufsteller und Zeitungen, die nur den Anschein eines guten Arbeitgebers erwecken sollen, könnte sich das Unternehmen eigentlich sparen. Stattdessen sollte es auf den Schein verzichten und das Sein mit mehr Leben erfüllen, indem es seinen Mitarbeitern ein reales Mitspracherecht gibt.

Christian Rother
@CrissyLibertas
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