Plauen – Freiräume im braunen Hinterland

von Paul Gruber

2015 dachte man in Plauen noch, man bleibe von den krassen sächsischen Zuständen, wie in Freital und Co., verschont. Zwar gab es auch zuvor rassistische Mobilmachungen von NPD und Co., jedoch blieben die TeilnehmerInnenzahlen stets im Keller. Im Februar 2014 starb Ahmed J. im Plauener Asylbewerberheim in der Kasernenstraße – wegen unterlassener Hilfeleistung eines Wachmanns und mangelnder medizinischer Versorgung. Ebenfalls häuften sich 2014 die Angriffe auf Geflüchtete. Auch 2015 wurde begleitet von zwölf rassistisch motivierten Übergriffen auf Asylsuchende und deren Unterkünfte. Neben lange bekannten rechten Gruppierungen bauten sich Neonazis von der neu gegründeten neofaschistischen Partei „Der Dritte Weg“ einen neuen „Stützpunkt“ in und um Plauen auf. Diese Partei soll als ein Sammelbecken für Nazis aus ehemaligen freien Kameradschaften und frustrierte NPD-Mitglieder dienen und präsentiert sich inhaltlich mit einem völkischen Antikapitalismus und einem Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Im September standen sie mit 200 Personen vor dem Asylbewerberheim in der Kasernenstraße in Plauen. Doch der hohe Zuspruch blieb danach aus. Mittlerweile kommen zu den Kundgebungen dieser Kleinstpartei nur noch 40 RassistInnen. Das liegt jedoch kein bisschen an einem Stimmungswandel im Vogtland, sondern daran, dass sich parallel dazu eine Protestbewegung gebildet hat, die sich „Wir sind Deutschland“ (WsD) schimpft.

In kürzester Zeit versammelten sich 2.000, 5.000, 7.000 und sogar noch mehr Menschen aus Plauen und dem Umland. Das Grundsatzprogramm von WsD lieferte von Anfang an kaum Angriffspunkte, sodass selbst die lokale Presse in den ersten Wochen keine Vergleiche mit Pegida in Dresden ziehen wollte. Das wäre jedoch seit der ersten Kundgebung angebracht gewesen. Die RednerInnen auf der Bühne propagierten wöchentlich die „Angst vor der Überfremdung“, ihren Nationalismus und reproduzierten Ressentiments gegenüber Geflüchteten. Doch es kam noch schlimmer. Im Oktober nutzte die Rappergruppe „Die Bandbreite“, welche die antisemitische PEGADA-Bewegung unterstützt, die Plauener Bühne von WsD für ihre wirren Texte. Im November durfte Ken Jebsen vor Tausenden auf der Plauener Bahnhofsstraße ans Mikrofon. WsD wurde zu einer Versammlung von Verschwörungsnazis, AntisemitInnen, RassistInnen und Neonazis. Mittlerweile gehört auch Andreas Müller zum WsD-Team und prahlt in öffentlichen Diskussionsrunden mit seiner „Erfahrung mit Asylanten“. Müller war in der Nacht, als Ahmed starb, Wachmann in der Kasernenstraße. Es einfach nur eine Schande, wie am Ende alles zusammenkommt.

Ein Schlag ins Gesicht für alle AntifaschistInnen in Plauen ist es zudem, dass der Plauener OB Ralf Oberdorfer die Protestbewegung begrüßt und sie für ein Paradebeispiel der Demokratie und Meinungsfreiheit hält. Doch gibt es eigentlich auch noch Gutes an Plauen? Zum Glück ja! Seit fast 22 Jahren besteht in Plauen das selbstverwaltete alternative Hausprojekt „Projekt Schuldenberg“. Hier treffen sich wöchentlich immer mehr junge Menschen, die keinen Bock auf die Gesamtscheiße haben. Zusätzlich entsteht momentan ein zweites Hausprojekt. „la gata negra“ soll es heißen und noch mehr Freiräume schaffen. Es bleibt dabei: Alternative Freiräume schaffen und stärken – Nazis stoppen! Es gibt kein ruhiges Hinterland!