„Krieg ist eine relativ moderne Erfindung“

„Krieg – Eine Archäologische Spurensuche“. So ist eine Ausstellung überschrieben, die noch bis zum 22. Mai im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle gezeigt wird. Wer den Audioguide nutzt, wird gleich im Eingangsbereich direkt von Museumsdirektor Prof. Dr. Harald Meller begrüßt und erfährt: Bei diesem Projekt handelt es sich um die erste Ausstellung überhaupt, die die Geschichte des Krieges aus archäologischer Sicht unter die Lupe nimmt. Im Zentrum steht ein tonnenschwerer Erdblock, der ein Massengrab mit 47 Skeletten enthält. Übereinander geschichtet liegen Schweden und Deutsche, die 1632, nur etwa 30 Kilometer von Halle entfernt, in der Schlacht bei Lützen gefallen sind. Ralf Richter sprach mit Harald Meller über Archäologie und Krieg.

Prof. Meller, um Schlachtfelder untersuchen zu können, muss man sie zunächst markieren. Wann hat man angefangen, Mahnmale zu errichten?

Die Schlachtfelder wurden seit der Antike in einer gewissen „Memoria“ bewahrt. Die Sieger-Partei hat schon zu damaliger Zeit aus den Waffen der Gegner ein Mahnmal errichtet, ein sogenanntes Tropaion. Im Wort Tropaion steckt das griechische Wort „tropé“, das nichts anderes als Wende bzw. Flucht bedeutet. Es markiert also die Stelle, an der sich der Gegner zurückzog und flüchtete. An exakt dieser Stelle wurde das Tropaion aus den zurückgelassenen Waffen des Gegners errichtet, als Symbol der Freude, des Sieges und nicht zuletzt auch zur Abschreckung.

Können Sie dafür ein Beispiel anführen?

Das erste Tropaion haben die Griechen nach der Schlacht von Marathon 490 vor Christus errichtet. Von diesem Moment an taucht der Begriff immer wieder in der griechischen Geschichtsschreibung auf.

Wie ging es weiter mit der Erforschung der Schlachtfelder und Schlachten und der Erinnerung an sie?

Mit der Herausbildung der Nationen im 19. Jahrhundert gab es ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung, und dazu gehörte die Erinnerung an Schlachten. So hat Napoleon III. in Frankreich die Schlachtfelder der cäsarischen und gallischen Kriege wieder in die Erinnerung der Nation gebracht.

Wann beginnt die professionelle archäologische Erforschung?

Diese beginnt relativ spät – erst in den 1980er Jahren bei der Untersuchung des Schlachtfeldes von Little Big Horn, der sogenannten Custer-Schlacht (heute Montana, USA), in der Indianer unter Sitting Bull ihren letzten großen Sieg errangen. Von dort breitet sich die professionelle Erforschung nach England und Schweden aus. Die Engländer haben dann die Schlachtfelder der Rosenkriege oder der Kriege gegen die Schotten untersucht.

Wann begann man in Deutschland, Schlachtfelder zu untersuchen?

Verhältnismäßig spät. Man muss sich vorstellen, dass die Kriege der frühen Neuzeit in Deutschland bis in die 2000er Jahre noch Gegenstand der Forschung von ehrenamtlichen oder begeisterten Hobbyforschern waren. Eine professionelle archäologische Schlachtfeldforschung in Deutschland aber existiert erst seit zehn oder fünfzehn Jahren.

Es gab also verschiedene Etappen der Beschäftigung mit den Schlachtfeldern.

Die Pflege von Erinnerungskultur auf Schlachtfeldern hat eine sehr lange Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Die Auseinandersetzung mit Schlachtfeldern als nationalen Denkmälern begann im 19. Jahrhundert. Wissenschaftliche Untersuchungen der Schlachtfelder durch Archäologen, etwa mit Metalldetektoren, wurden erst seit den 1980ern, in Deutschland erst nach 2000 durchgeführt.

Wann kamen Sie auf die Idee, sich mit dem Thema Schlachtfeld-Untersuchung zu befassen und welche Intentionen verfolgen Sie dabei?

Die Idee kam mir 2001. Mein Ziel war es, mit alten Mythen und Geschichten aufzuräumen und den modernsten Forschungskenntnisstand zu zeigen. Die Historiker kommen mit ihren Quellen immer nur bis an den Beginn der geschriebenen Geschichte. So kann man aber die Grundfragen nicht lösen.

Wie lauten die?

Seit wann gibt es Krieg? Ist Krieg eine kulturelle Erfindung des Menschen? Und ist Krieg quasi ein natürlicher Begleiter der Menschheitsgeschichte von Anfang an?

Zu welcher Erkenntnis sind Sie da gekommen?

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es in 99 Prozent der Menschheitsgeschichte, also mindestens zwei Millionen Jahre lang oder auch länger, je nachdem wann man die Gattung Homo ansetzt, keinen Krieg gab. Krieg ist eine relativ moderne Erfindung, die maximal zehntausend Jahre zurückreicht und die mit der Erfindung des Ackerbaus, der Viehzucht und -haltung und demzufolge mit der Entstehung von Besitzstrukturen und der damit verbundenen Errichtung von Grenzen zusammen hängt. Kurz: Krieg ist eine kulturelle Erfindung, die mit der sogenannten Neolithisierung zusammen hängt, also der Domestizierung von Tieren und Getreide.

Die Geschichte des Krieges beginnt also nicht in Europa, denn wir waren ja seinerzeit noch lange nicht so weit, die ersten Städte entstanden nicht hier …

Die ersten Kriege der Menschheit gab es in Mesopotamien und Ägypten, wobei das zunächst kleinere Konflikte sind, die mit Ackerbaugeräten und unspezifizierten Waffen ausgetragen werden. Drei- bis viertausend Jahre später werden Konflikte mit hoch elaborierten Waffen, die extra zum Töten von Menschen konstruiert wurden, mit Belagerungsgeräten, mit Armeen und vielem anderen, wie wir es heute kennen, ausgetragen. Die entscheidende Entwicklung des Krieges findet also nicht in den letzten dreitausend Jahren statt, sondern in der Zeit davor.

Welchen zeitlichen und geographischen Raum umfasst die Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte? Wie ist sie strukturiert?

Wir beginnen mit einem Beispiel für einen neuzeitlichen Krieg, mit dem Massengrab von Lützen, und beleuchten hier den Dreißigjährigen Krieg. Wir zeigen, dass der normale Soldat ebenso namens- wie bedeutungslos war, was man daran erkennt, dass er in Massengräbern verscharrt wurde, während von den gefallenen Fürsten und Königen sogar die Namen der Ersatzpferde überliefert wurden. Ihre Schlachtrösser wurden ausgestopft, während der einfache Soldat völlig dem Vergessen anheimfiel …

Sie holen also mit ihrem Team durch Ihre Tätigkeit den einfachen Soldaten ans Licht …

Wir zeigen die dramatische Spaltung zwischen Arm und Reich. Da gibt es auf der einen Seite die Masse der einfachen Soldaten, die in Lumpen laufen, in ihrer Kindheit hungern und sich teilweise nur um der Nahrungsversorgung wegen als Söldner verdingen, während auf Seiten der Adligen eine ganz andere Lebensqualität herrscht. So tragen beispielsweise die einfachen Soldaten den Offizieren die geplünderten Kachelöfen nach und bauen diese in deren Zelten auf. Wir zeigen dies mit vielen archäologischen und historischen Exponaten, insbesondere auch mit dem Dokument des Friedensschlusses – der Dreißigjährige Krieg nimmt etwa die Hälfte des gesamten Ausstellungsumfangs ein.

Die Ausstellung hat aber noch weit mehr als die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges zu bieten.

In den folgenden Abschnitten zeigen wir die Geschichte des Krieges von den Ursprüngen bis zur Bronzezeit. Wir beginnen mit den Schimpansen und zeigen, dass bei den Schimpansen – wie zunächst auch beim Menschen – Aggression und Kampf existieren, aber eben kein Krieg. Alle Wildbeutergruppen, die nicht sesshaft sind und kaum über Besitz verfügen, gehen sich in der Regel gegenseitig aus dem Weg. Zudem ist die Bevölkerungsdichte sehr gering und viele Kriegsgründe wie Besitz, Territorium und Grenzen sind schlicht und einfach nicht vorhanden. Nachdem sich aber mit den ersten Bauern die Sesshaftigkeit, Besitz, Grenzen und eigenes Territorium entwickelt haben, entwickelt sich auch der Krieg.

Kann man das zeitlich und geographisch genauer lokalisieren?

Im Zeitraum der ersten Besiedlungen in der Bandkeramik, ab Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus, gibt es die ersten Massengräber. Befestigungsanlagen baut man in Sachsen und Sachsen-Anhalt ab 5200 vor Christus, also nur wenige Jahrhunderte nach der Ankunft der ersten Siedler. Dann zeigen wir, wie der Krieg sich immer weiter entwickelt, wie Befestigungen raffinierter und komplexer gebaut und Waffen ausgefeilter werden, bis am Ende der Bronzezeit ganze Armeen einander gegenüber stehen. Wir zeigen erstmals die sensationelle Entdeckung der Schlacht im Tollensetal in Mecklenburg, wo sich um 1200 v. Chr. tausende bronzezeitliche Krieger gegenseitig abschlachteten und eine große Armee aus Süden kommend von einer nördlichen Armee aufgehalten wurde.

Dieses Schlachtfeld wurde erst kürzlich entdeckt. Gibt es in ähnlicher Zeit vielleicht an anderen Orten Schlachten, über die man inzwischen mehr weiß?

Wir informieren parallel über die gut dokumentierte Schlacht von Khadesh am See von Homs 1276 vor Christus in der heutigen syrisch-libanesischen Grenzregion, wo eine Auseinandersetzung zwischen den Ägyptern unter Pharao Ramses II. und den Hethitern unter Großkönig Muwatalli II. stattfand. Dieser Kampf endet im ersten Friedens- und Völkervertrag der Welt, in einem Vertrag, der in Keilschrift und in Hieroglyphen überliefert ist und der praktisch einem modernen Staatsvertrag gleicht. Damit endet die Ausstellung.

Das Highlight Ihrer Ausstellung ist aber das Massengrab?

Ja, das Massengrab mit 47 Toten, die von den lokalen Bauern geplündert und nackt in das Grab geworfen wurden. Der Letzte wurde wie als Gekreuzigter als Mahnung auf das Grab gelegt, zumindest sehen wird das so. Wir haben versucht, diesem Toten wieder ein Gesicht zu geben. Die Toten wurden mit umfangreichen Methoden der Bioarchäologie untersucht, wodurch wir ihre Herkunftsregionen – etwa Schweden oder Norddeutschland – bestimmen konnten. Wir haben die Geschichte ihrer Krankheiten und Verletzungen genauso analysiert wie die eigentlichen Todesursachen, so dass die Toten dem Vergessen entrissen wurden und jetzt als großes Anti-Kriegsmonument gerettet und für alle Menschen zu sehen sind.

Ist es vorstellbar, dass das Zeitalter der Kriege einmal enden wird?

Der Krieg ist nichts anderes als eine kulturelle Erfindung, und ich glaube fest daran, dass kulturelle Erfindungen überwindbar sind und möglicherweise, wenn schon nicht zu beseitigen, so doch reduzierbar sind. Jeder, der behauptet, dass es Krieg schon immer gibt und dass der Krieg Grundbestandteil der menschlichen Natur sei, verbreitet eine falsche und überkommene historische Darstellung.

Was wird bleiben von dieser Sonderausstellung?

Für die nächsten Jahrzehnte wird man das Wesentliche in den Katalogen nachsehen und nachlesen können, wie bei allen Sonderausstellungen. Denn es ist ja der wichtigste Ertrag, solch ein Thema und die Erkenntnisse auch zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. Ein Teil der Ausstellung wird später möglicherweise in Lützen selbst zu sehen sein, während wir über weitere Stationen der Ausstellung momentan verhandeln.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.