Buchtipp: Wer ist Charlie? – ein schockierendes Bild unseres französischen Nachbarn

von Ralf Richter

Viele von uns haben es längst wieder vergessen: Vor einem Jahr waren auch bei uns sehr viele „Charlie“. Und weil so viele auch bei uns in Deutschland „Charlie“ waren, fühlte sich die Bundesregierung bestätigt, als sie nach dem zweiten schweren Anschlag in Paris während des Fußballfreundschaftsspiels Frankreich–Deutschland dem französischen Präsidenten Solidarität anbot, nicht zuletzt die militärische. Die gilt für die Unterstützung in Mali und Syrien.

Emanuel Todd, Autor des Buches „Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens“, ist einer der bekanntesten Sozialwissenschaftler Frankreichs. Er beobachtete die Demonstrationen – einige mögen sich an das getürkte Foto der Staatschefs aus vielen Ländern einschließlich Bundeskanzlerin Merkel erinnern, die scheinbar in erster Reihe vor einer Menschenmenge marschierten. Tatsächlich war das Foto in einer Seitenstraße aufgenommen worden, die Menschenmenge stand anderswo …

Nach dem Attentat auf die Redaktion wollte Todd wissen: Wer waren diese Leute aus dem Volk, die sich mit „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“)- Schildern demonstrierend in ganz Frankreich zeigten? Ferner ging er der Frage nach, was es über eine Gesellschaft aussagt, die offensichtlich stolz darauf ist, eine religiöse Gruppe – noch dazu die schwächste und am stärksten benachteiligte Gruppe in Frankreich – blasphemisch zu beleidigen (Man stelle sich nur einmal vor, in Deutschland würden sich die Titanic oder der Eulenspiegel über jüdische Religionssymbole lustig machen – was, wenn Charlie das getan hätte?). Dass der Autor besonders sensibel ist in dieser Angelegenheit, mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass seine jüdische Familie seit Jahrhunderten in Frankreich lebt und weiß, was es heißt, religiös verspottet zu werden.

Todd untersucht sehr genau für alle Departements (und in einem Kartenteil nachsehbar), in welchen Regionen Frankreichs die Demonstrationen besonders stark und wo sie schwach waren. Dazu vergleicht er, wo die einzelnen Parteien – also Sozialisten, Sarkozys konservative UMP oder der Front National von Marine Le Pen – ihre Hochburgen haben. Zudem wird analysiert, wo die Bastionen des französischen Katholizismus liegen und in welchen Teilen Frankreichs man Ungleichheit präferiert und wo Gleichheit. Aus all dem entsteht ein äußerst erhellendes und zugleich schwer schockierendes Bild von unserem Nachbarland Frankreich. Wer weiß hier schon, dass sich in Frankreich dort, wo die Arbeiter besonders stark vertreten sind und wo man lange Zeit die Kommunistische Partei gewählt hat, heute die Hochburgen des Front National findet? Es sind aber die gleichen Regionen, in denen man eher egalitär eingestellt ist. Selbst in der UMP ist immer noch ein nicht zu unterschätzendes egalitäres Element zu finden, ganz im Gegensatz zu Hollandes Sozialisten, die ihre Hochburgen in Regionen haben, die eher Ungleichheit präferieren. Das Ganze wird dazu noch anthropologisch untermauert.

An dieser Stelle kommt der Autor auf die Ausgangsfragen zurück – ist es nicht diese sozialistische Partei, die bei aller sozialen Rhetorik mit ihrer Wirtschaftspolitik alles dafür tut, junge Muslime auszugrenzen, mit denen sie die Gefängnisse füllt wie keine Regierung zuvor? Ist dieser Sozialstaat nicht in erster Linie für den Mittelstand der „weißen Franzosen“ da, den diese Sozialisten verteidigen und der eben alles dafür tut, dass die Arbeits- und Chancenlosigkeit in den Banlieues extrem hoch und fühlbar bleibt? Emanuel Todd sieht in der fatalen Sparpolitik und dem Festhalten Frankreichs am Euro sowie der „freiwilligen Knechtschaft“ gegenüber den Deutschen die Hauptursachen für die tiefe Krise, in der Frankreich steckt. Doch zur wirtschaftlichen kommt die Identitätskrise dieser laizistischen Nation, die immer stärker auf einen militanten Säkularismus setzt. Die Gefahr ist groß, dass nicht nur den Schwächsten der Gesellschaft weiterhin massiv geschadet wird und man sie praktisch in die Arme extremer religiöser Gruppen treibt, sondern letztendlich auch den Antisemitismus durch die Islamphobie fördert. Wer meint, seinen Mut heute beweisen zu müssen, indem er Muslime beleidigt, sollte einmal daran denken, dass die Zeiten in Europa noch nicht lange vorbei sind, als es chic war, Juden zu verfolgen – Rassismus und religiöse Intoleranz, das weiß der Autor mit den jüdischen Wurzeln, bleiben eben nicht bei einer Gruppe stehen.

Das äußerst lesenswerte Buch ist im C.H. Beck Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 14,95 Euro. Es ist im Übrigen für alle empfehlenswert, die mit Gysi meinen, ihr Heil in einer Koalition mit der SPD zu finden. Denn diese ist mit ihren Wählerschichten und ihrer Politik nicht weit von Hollandes Sozialisten entfernt.