Vor 60 Jahren: XX. Parteitag der KPdSU – Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

von Dr. Hartmut Kästner / Prof. Dr. Klaus Kinner

Wahrscheinlich waren viele Delegierte des XX. Parteitages der KPdSU in freudiger Stimmung, als sie sich am letzten Tagungstag zum Kreml begaben. Es war der 25. Februar 1956, und am Nachmittag würde der Parteitag enden. Wenn es auch der erste Parteitag nach Stalins Tod war, so waren die bisherigen zwölf Tage in der gewohnten Routine verlaufen. In den Referaten und Diskussionsbeiträgen der vergangenen Tage war die Kontinuität der jetzigen und künftigen Politik mit der Stalins herausgearbeitet worden.

Als die Delegierten am Morgen des 25. Februar den Tagungssaal betraten, bemerkten sie, dass es an diesem Tag anders war als in den Tagen zuvor. Die Einlasskontrolle war strenger, irgendwie war eine besondere Stimmung unter den Delegierten vorhanden. N. S. Chruschtschow, seit dem 7. September 1953 Erster Sekretär des ZK, stand an der Rednertribüne, mit düsterem Gesichtsausdruck, angespannt und erregt. Er begann sein Referat „Über den Personenkult und seine Folgen“. Seine anfangs unsichere Stimme wurde immer fester. „Im Saal herrschte Grabesstille. Nichts war zu hören. Kein Sesselquietschen, kein Hüsteln und kein Geflüster. Die Menschen sahen sich nicht an“, beschreibt der Augenzeuge Alexander Jakowlew die Szene. Nach der Rede hielt die Stille weiter an, niemand applaudierte. Die Delegierten verließen mit tief gesenktem Kopf die Sitzung. Für viele brachen Welten zusammen.

Dieses Ereignis vor nunmehr 60 Jahren hat sich in die Geschichte der UdSSR und der KPdSU tief eingebrannt. Es hatte weitreichende Auswirkungen auf die sozialistischen Länder, auf die kommunistische und demokratische Bewegung. „Die Kritik an Stalin … löste ein politisches Erdbeben aus“ (Historische Kommission beim Parteivorstand der Linkspartei).

Was waren die wichtigsten Folgen des Parteitages? Für die Sowjetunion waren das zweifelsohne die Entthronung Stalins, die Freilassung von Millionen Menschen aus den Lagern und die Rückkehr ganzer Völker aus der Verbannung. Damit einher ging die Befreiung der Bauern aus einer „sozialistischen Leibeigenschaft“; die ländlichen „Ansiedelungszonen“ wurden abgeschafft, die Bauern bekamen einen Personalausweis und konnten sich frei bewegen. Hunderttausende ermordete Kommunisten wurden rehabilitiert. Zugleich leitete die KPdSU eine neue außenpolitische Orientierung ein, die auf Verständigung und Zusammenarbeit auf internationaler Ebene – Stichwort: friedliche Koexistenz – ausgerichtet war.

In den sozialistischen Ländern setzte in unterschiedlichem Maße eine sogenannte Tauwetterperiode ein, in der versucht wurde, politische Indoktrination zu überwinden und mehr Demokratie in den politischen Systemen zu verankern. In der DDR distanzierte sich W. Ulbricht sofort nach seiner Rückkehr aus Moskau zwar von Stalin (er sei kein Klassiker des Marxismus-Leninismus), betonte aber zugleich, dass die SED keine Entstalinisierung brauche, da ihre Mitglieder keine Stalinisten seien. Wie auch in den anderen sozialistischen Ländern wurde die „Geheimrede“ Chruschtschows erst Ende der 80er Jahre veröffentlicht und damit erstmals breiten Bevölkerungskreisen zugänglich. In allen europäischen sozialistischen Ländern kam es zu meist heftigen innerparteilichen Auseinandersetzungen, die zu Demonstrationen, Unruhen führten. So wurden in Polen und Ungarn beispielsweise die bisherigen stalinistischen Parteiführer gestürzt und neue, liberalere, übernahmen die Macht. In Ungarn war das Imre Nagy. Weite Teile der ungarischen Bevölkerung demonstrierten für weitgehende politische Freiheiten, gegen Kommunismus und sowjetische Dominanz. Dabei gab es Tote und Verletzte. Chruschtschow ließ Truppen der Sowjetarmee aufmarschieren, „befriedete“ die Situation und stellte politisch die alten Verhältnisse wieder her. Damit war durch die KPdSU selbst der Weg für eine umfassende Demokratisierung des Sozialismus zunichte gemacht worden.

Mit dem XX. Parteitag ist unlöslich der Name von Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894-1971) verbunden, der selbst zu den Vollstreckern der Stalinschen Politik in den 30er, 40er und 50er Jahren gehörte und auch selbst Todeslisten unterschrieben hatte – der aber jetzt den großen Mut aufbrachte, von sich aus, getrieben auch von inneren moralischen Zwängen, die fast vierzigjährige Fehlentwicklung des Staatsozialismus aufzubrechen und Ausgangspunkte für deren Überwindung zu setzten. Es war seine feste Überzeugung, dass nur die Überwindung des Personenkultes um Stalin die politische, soziale und wirtschaftliche Weiterentwicklung des Landes ermöglichte. Der führende Osteuropahistoriker der Humboldt-Universität, Jörg Baberowski, analysierte Chruschtschows Rolle und kommt zu den Schluss: „Chruschtschows Entstalinisierung war eine Kulturrevolution, eine zivilisatorische Leistung, die das Leben
von Millionen veränderte“.

Als Chruschtschow im Oktober 1964 entmachtet wurde, hat er, trotz aller Enttäuschung, in der Art und Weise seiner Entmachtung ein deutliches Zeichen für einen kulturellen Wandel in der Partei gesehen. Er wurde in Rente geschickt und nicht, wie das über Jahrzehnte früher gang und gäbe gewesen war, erschossen. Alexander Jakowlew schreibt: „Unter den Politikern des 20. Jahrhunderts fällt mir keine Persönlichkeit ein, die widersprüchlicher und mit einem dermaßen tragisch gespaltenen Bewusstsein ausgestattet gewesen wäre wie Nikita Chruschtschow“.

Auf dem XXII. Parteitag der KPdSU (1961) fand eine erneute und vertiefte Auseinandersetzung mit dem Stalinismus statt. Sie führte aber kaum zu realen Veränderungen im politischen Leben der UdSSR. „Zum Verständnis von ,Stalinismus als System‘ gelangte auch 1961 weder die KPdSU, noch eine der auf Moskau orientierten Parteien“ (Historische Kommission). Die Reformbemühungen des XX. und XXII. Parteitages boten nicht nur Ansatzpunkte für das Aufbrechen stalinistischer Verkrustungen, sondern hatten – wie wir heute konstatieren können – auch eine falsche Stoßrichtung: sie war nach rückwärts gerichtet. Die Kontinuität mit der „sozialistischen“ Politik der 20er, 30er und 40er Jahre wurde unterstrichen, diese sollte gestärkt werden.

Mit dem Wissen von heute und mit dem Blick auf die Trümmer des Staatssozialismus sowjetischen Typs ist jedoch über eine systemimmanente Kritik an den Grenzen des XX. Parteitages und seiner Folgen hinauszugehen. So sehr für die Zeitgenossen die Enthüllungen Chruschtschows das Sowjetsystem erschütterten, so unzureichend und systemstützend waren sie. „Der Personenkult und seine Folgen“ reduzierte die Fehlentwicklungen des Staatssozialismus auf den Personenkult. Dass dieser lediglich die marginale Begleiterscheinung eines Herrschaftssystems war, das die gesamte Gesellschaft deformierte, blieb unbeachtet. Der XX. Parteitag rettete dieses System und sicherte ihm noch Jahrzehnte des Überlebens. Es wäre unbillig, diese Kenntnisse den Zeitgenossen zuzumuten. Das Wissen um das zwangsläufige Scheitern dieses ersten Sozialismusversuches in der Weltgeschichte konnte den Kombattanten dieser Schlacht um eine Alternative zum Kapitalismus nicht abverlangt werden.

Es bleibt die Hoffnung der Zeitgenossen, mit den Beschlüssen des Parteitages das Tor aufgestoßen zu haben für den Weg zu einem Sozialismus neuen Typs.

Wie kam Chruschtschows „Geheimrede“ in den Westen?
Unmittelbar nach dem XX. Parteitag bekamen die Führer der sozialistischen Länder eine Kopie der Rede ausgehändigt. So bekam auch Edward Ochab (1906-1989), ein hoher Funktionär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) die Rede in die Hand. Ochab war, nachdem der polnische Parteichef B. Bierut (1892-1956) – wenige Tage nach dem XX. Parteitag – am 12. März 1956 in Moskau verstorben war, für einige Monate 1. Sekretär des ZK der PVAP. Die Sekretärin Ochabs kannte den Journalisten Viktor Grajewski gut, war mit ihm liiert. Dieser sah auf dem Schreibtisch von Ochab einen Hefter mit der Aufschrift „Streng Geheim“. In ihm befand sich die Rede Chruschtschows zum Abschluss des Parteitages „Über den Personenkult und seine Folgen“. Grajewski ging in die israelische Botschaft in Warschau und ließ dort die Blätter fotokopieren. Die Botschaft gab die Kopie an den israelischen Geheimdienst weiter. Mit Erlaubnis des israelischen Premiers Ben Gurion wurden die Blätter an die CIA übergeben. CIA-Chef J. F. Dulles übergab das Konvolut an den amerikanischen Präsidenten D. Eisenhower. Von dort gelangte der Text zur New York Times, die ihn am 4. Juni 1956 veröffentlichte. Grajewski emigrierte 1957 nach Israel, arbeitete bis 1971 für den Geheimdienst Shin Bet. Im August 2007 bekam er eine Dankesurkunde für seine Verdienste um den Staat Israel. Wenige Wochen später, im Oktober 2007, verstarb er mit 82 Jahren in Jerusalem.