Keynesianismus – Theorie-Fundament für linke Wirtschaftstheorie?

von Ronald Blaschke

Rudolf Hickel, führender Linkskeynesianer und Mitglied der Memorandum-Gruppe, stellt klar: Keynes hat mit seiner Marktregulationstheorie nicht für die Abschaffung kapitalistischer Marktwirtschaft plädiert. Es geht um einen „klug geleiteten Kapitalismus“ (John Maynard Keynes). „Klug geleitet“ meint eine kapitalistische Marktwirtschaft, die durch staatliche Interventionen reguliert und stabilisiert wird. Das soll das Theorie-Fundament für linke Wirtschaftspolitik bilden? Axel Troost lässt in seinem Beitrag (Sachsens Linke! 12/2015) diese grundlegende Charakterisierung der Wirtschaftstheorie von Keynes vermissen. Der Staat soll eingreifen und regulieren, auch von Verstaatlichungen ist die Rede. Was für ein Staat ist gemeint? Es hätte zumindest von ihm die demokratische Frage gestellt und beantwortet werden müssen. Ohne eine linke Antwort droht ein Etatismus, der die bürgerlich-kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht antastet.

Folgend drei weitere grundsätzliche Kritiken – es gibt mehr:

Erstens: Nach Marx gilt es, die Erwerbs-/Lohnarbeit als Produktions- und Distributionsprinzip zu überwinden. Verbesserungen der Löhne verändern nichts Grundsätzliches an der Lohnsklaverei, so Marx. Diese Überwindung ist mit der erwähnten Demokratiefrage verbunden: Wer entscheidet, was oder was nicht und wie produziert wird? Wer entscheidet nach welchen Kriterien, wem in welchem Umfang Anteile am produzierten Reichtum zustehen? Marx fragt weiter: Welche Auswirkungen hat eine Arbeit auf die gesamten (Produktions-)Verhältnisse von Menschen, die wegen individueller Existenzsicherung erzwungen ist? Bei der der Einzelne seine Arbeitskraft verkaufen/einsetzen muss, um überleben zu können? Marx meint: Die existenziell erzwungene Arbeit, also Erwerbs-/Lohnarbeit, entfremdet den Menschen vom Menschen. Damit sei keine menschliche Produktion zu gestalten, keine menschliche Gesellschaft. Für Marx sind eine grundlegende Demokratisierung der Produktion und Gesellschaft sowie ein verändertes Distributionsprinzip (die Absicherung der Bedürfnisse und der Fähigkeitsentwicklung eines jeden einzelnen Menschen) nötig, um eine menschliche Produktionsweise und Gesellschaftsform zu ermöglichen. Diese hat eine an sozialen und instrumentellen Fähigkeiten reiche Individualität zum Ziel. Die Frage lautet: Welchen Beitrag kann das an Marx orientierte Denken für die Formulierung eines Theorie-Fundaments linker Wirtschaftspolitik leisten?

Zweitens: Die Frage nach dem Sinn und der Funktion von Wirtschaft sowie nach ethischen Maßstäben zur Beurteilung von Wirtschaft(spolitik) geht bei Keynes-AnhängerInnen aller Couleur verloren. In der Regel wird auch unhinterfragt ein wirtschaftlicher Mangel unterstellt. Keynes aber meint in seinem berühmten Essay „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“, veröffentlicht im Jahr 1930, dass „die Menschheit dabei ist, ihr wirtschaftliches Problem zu lösen“. Nach hundert Jahren würden wir im Überfluss leben. Die „absoluten Bedürfnisse“ aller Menschen wären mit minimalstem Arbeitszeiteinsatz zu befriedigen (Diese unterscheidet Keynes von positionalen Bedürfnissen, die das Verlangen nach Überlegenheit gegenüber anderen Menschen befriedigen). Das Problem: „Zum ersten Mal […] wird der Mensch damit vor seine wirkliche, seine beständige Aufgabe gestellt sein ? wie seine Freiheit von drückenden wirtschaftlichen Sorgen zu verwenden, wie seine Freizeit auszufüllen ist“. Mit einer technischen Lösung, der Arbeitszeitverkürzung („Drei-Stunden-Schichten oder einer Fünfzehn-Stunden-Woche“), könne das Problem zwar eine Weile hinausgeschoben werden, das kulturelle Problem bleibt aber bestehen. Dies könne nur von solchen Menschen gemeistert werden, „die […] eine höhere Perfektion der Lebenskunst kultivieren, sich nicht für die bloßen Mittel des Lebens verkaufen, die in der Lage sein werden, den Überfluss zu genießen […].“ Außerdem wären ethische Werte und Zwecke wieder zu entdecken: „Wir werden die Zwecke wieder höher werten als die Mittel und das Gute dem Nützlichen vorziehen“. Mit dem aufkommenden Überfluss gäbe es die Freiheit, „uns aller Arten von gesellschaftlichen Gewohnheiten und wirtschaftlichen Machenschaften zu entledigen, die die Verteilung des Reichtums und der wirtschaftlichen Belohnungen und Strafen betreffen, und die wir […], so widerlich und ungerecht sie auch sein mögen, mit allen Mitteln aufrechterhalten, weil sie ungeheuer nützlich für die Förderung der Kapitalakkumulation sind“. Die herrschenden Wachstums-, Leistungs- und Konsumideologien, die positionalen Triebe und Bedürfnisse usw. seien nützliche, aber „widerliche“ Mittel zur Lösung der wirtschaftlichen Aufgabe: die Sicherung der Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse aller Menschen. Die Lösung der wirtschaftlichen Aufgabe ist die Voraussetzung für das eigentliche Ziel: eine gute Gesellschaft und wirtschaftliche Aktivitäten von Menschen, die die Bedürfnisse der anderen Menschen im Blick haben. „Denn es wird vernünftig bleiben, wirtschaftlich zielgerichtet für andere zu handeln, nachdem es für einen selbst aufgehört hat, vernünftig zu sein“. Die Frage lautet: Welchen Beitrag können die Thesen vom Überfluss, vom abgesicherten Genug für alle sowie die ethische Bewertung von wirtschaftlichem Handeln und von Wirtschaft(spolitik) für die Formulierung eines Theorie-Fundaments linker Wirtschaftspolitik leisten?

Drittens: Keynesianer, linke wie rechte, haben wie Keynes einen sehr einseitigen Wirtschaftsbegriff. In Lehrbüchern wird definiert: „Wirtschaften ist eine gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität“. Oder: „Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden“. Keynesianismus aller Couleur verfehlt das „Ganze der Wirtschaft“ (Adelheid Biesecker), weil er nur Marktwirtschaft bzw. marktförmige Arbeit, also Erwerbs-/Lohnarbeit, als wirtschaftliche Aktivität kennt. Die linke feministische Kritik lautet: Unbezahlte, nicht marktförmige ökonomische Aktivitäten zur Befriedigung von Bedürfnissen, zur Lebenserhaltung und Sicherung der Lebensqualität, werden vollkommen ausgeblendet – Erziehungs- und Sorgearbeit sowie Eigenarbeit in Familie, Nachbarschaft und Gemeinschaft, bürgerschaftliches Engagement als politische und sozial-integrative Tätigkeit. Die hauptsächlich von Frauen geleisteten unbezahlten Erziehungs- und Sorgearbeiten bilden nach Auffassung linker FeministInnen das ökonomische Fundament der Gesellschaft, weil sie in fundamentaler Weise (qualitativ als auch quantitativ) der Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse dienen. Sie werden allerdings kostenlos von allen MarktteilnehmerInnen angeeignet. Die Frage lautet: Welchen Beitrag kann die linke feministische Kritik an patriarchalen Wirtschaftstheorien und -politiken für die Formulierung eines Theorie-Fundaments linker Wirtschaftspolitik leisten?

Meine Thesen sind: Ein Theorie-Fundament linker Wirtschaftspolitik kann nicht auf eine linke Beantwortung der Demokratiefrage, auf die Erwerbs-/Lohnarbeitskritik von Marx, auf Keynes Thesen vom Überfluss, vom abgesicherten Genug für alle und auf Keynes Wirtschaftsethik, sowie auf die linke feministische Kritik an patriarchalen Wirtschaftstheorien verzichten. Eine Marktregulierungstheorie gibt kein Theorie-Fundament, keine Basis linker Wirtschaftspolitik ab.